Mittwoch, 11. Oktober 2017

Michel de Montaignes Essay „De la solitude“- Das Leben in Abgeschiedenheit zwischen profaner Weltflucht und ästhetischer Verklärung.






Michel de Montaignes Essay „De la solitude“- Das Leben in Abgeschiedenheit zwischen profaner Weltflucht und ästhetischer Verklärung


„In den meisten Schriftstellern sehe ich nur den Menschen, der schreibt, in Montaigne den, der denkt.“
Montesquieu, Gedanken
Was veranlasst einen der größten Köpfe seiner Zeit, den erfolgreichen Ratsherrn und späteren Bürgermeister von Bordeaux, den Aristokraten und Schlossherrn, der mit Königen, ja selbst mit dem Papst verkehrt, allem zu entsagen und sich für Jahre in die Einsamkeit eines kargen Turms zurückzuziehen? Michel de Montaigne, im Urteil Friedrich Nietzsches einer der intellektuell redlichsten und wahrhaftigsten aller Schriftsteller, beantwortet diese Frage selbst. Es ist das stoische Ideal, Ordnung und Ruhe in die eigene Lebensführung zu bringen, kurz: vernünftig zu leben.

9.1. Süße Weltflucht in den Turm – Melancholie als Habitus

 

Michel de Montaigne, 1533 auf Schloss Montaigne geboren, zog sich nach einem sehr erfolgreichen praktischen Leben aus der Gesellschaft, ja selbst aus dem Kreise seiner Familie zurück, freiwillig, um Einkehr zu halten, um sich so selbst zu finden, um zur eigenen Wesenheit zu gelangen, zum Selbst, aber auch um sich dem geistigen Schaffen zu widmen – und das ausschließlich: „Im Jahre Christi 1571, 38 Jahre alt, am 28. Februar, seinem Geburtstag, hat sich Michel de Montaigne, seit langem der Bürden des Parlaments und der öffentlichen Pflichten müde, in voller Lebenskraft in den Schoß der gelehrten Musen zurückgezogen, wo er in Ruhe und Sicherheit die Tage verbringen wird, die ihm zu leben bleiben. Vergönne ihm das Schicksal, diese Wohnung der süßen Weltflucht seiner Ahnen zu vollenden, die er seiner Freiheit, seiner Ruhe und seiner Muße geweiht hat.“ [1]
Als sich der geistesverwandte Petrarca seinerzeit ähnlich abrupt aus Avignon in die Einsamkeit an der Quelle der Sorgue bei Fontaine de Vaucluse zurückzog, tat er dies aus ähnlichen Beweggründen wie Michel de Montaigne, primär, um zum Selbst zu finden, vor allem aber auch, um sich künstlerisch-produktiv neu zu entwerfen und seine Vita zu stilisieren. Den Lebensabend aber verbrachte er dann – nicht mehr ganz konsequent – fern der selbst gewählten Einsamkeit in der heiteren Gesellschaft fürstlicher Paläste. Montaignes Rückzug hingegen hat von Anfang an etwas existenziell Resolutes, etwas Endgültiges, obwohl auch er noch einmal, nach neun Jahren genossener und erlittener Einsamkeit im Turm, ins aktive Leben eintritt, eine große Reise durch Süddeutschland, durch die Schweiz bis nach Italien unternimmt, um sich bald darauf auch noch als Bürgermeister der bedeutenden Kultur- und Handelsstadt Bordeaux in die Pflicht nehmen zu lassen. Hatten sein stoisches Gewissen, die Sorge um das Gemeinwohl und die Bürgerpflichtflicht seinen etwas egoistisch anmutenden Selbstverwirklichungsdrang zum Schriftsteller und Denker zurück gedrängt? Waren in den langen Jahren kontemplativer Beschaulichkeit in Einsamkeit neue Einsichten herangereift? Hatte sich die - bereits von Seneca vorformulierte Erkenntnis doch noch durchgesetzt, auch der Zurückgezogene bedürfe des gesellschaftlichen Austauschs, wolle er nicht geistig verkümmern, dem Solipsismus oder der selbstzerstörerischen Misanthropie verfallen?
Was trieb diesen Geist wirklich in die Einsamkeit? Motor dieses Rückzugs ist, über den philosophischen Impetus hinaus, vor allem die - in jener Zeit des Umbruchs und der religiös-politischen Wirren - bestimmende Einsicht, alles Sein sei vergänglich und unbeständig: „Am Ende gibt es überhaupt kein beständiges Sein, weder in unserem Wesen noch im Wesen der Dinge ... und der Urteilende und Beurteilte [befinden] sich in fortwährender Wandlung und Schwankung.“[2] Das ist die Haltung eines skeptizistischen Perspektivisten, hinter welcher sich ein bisweilen pessimistisches Weltbild auftut. Das Konstante ist „die natürliche Unbeständigkeit unseres Verhaltens und Meinens.“

9.2. War Michel de Montaigne ein Melancholiker?


„C‘ est une humeur melancholique ( …)produite par le chagrin de la solitude en laquelle il y a quelques années que je m‘ estoy jetté, qui m‘ a mis premierement en teste cette resverie de me mesler d‘ escrire“.
(Es war eine melancholische Laune, hervorgebracht durch den Kummer über die Einsamkeit, in die ich mich vor einigen Jahren begeben hatte, die mir zuerst den Gedanken in den Kopf gesetzt hat, mich mit Schreiben zu befassen.“)[3]

Montaignes Zurückgezogenheit in die rein kontemplative Kreation ist jedoch kein melancholisches Sein aus Enttäuschung und Resignation, wie sie bei dem gelangweilten Herzog La Rochefoucauld anzutreffen ist; sie ist keine feige Weltflucht aus tiefer Schwermut heraus, sondern ein gezieltes Hinstreben zum individuellen Selbstsein, ohne dass dieses zur solipsistischen Selbstschau ausarten würde: „Ich wende meinen Blick nach innen, und da halte ich ihn fest und lasse ihn verweilen. Jedermann schaut von sich weg, ich schaue in mich hinein, ich habe es nur mit mir selber zu tun ... ich kreise in mir selbst.“
Die Auseinandersetzung mit dem Selbst ist immer ein autodynamischer Prozess, der zu neuen Ideen und zum Kunstwerk führt. Montaigne zieht sich zurück, um nur noch für das eigentliche Leben da zu sein, für das schöpferische Leben als künstlerisch-philosophisch Schaffender, als kreatives Subjekt. Kunst und Leben, also poetisches und denkerisches Schaffen und vernünftiges Existieren, gehen eine Symbiose ein und verschmelzen miteinander. Einsamkeit wird so für Montaigne zur existenziellen Haltung. Ist Montaigne trotzdem auch einer jener illustren Geister aus der großen Familie der Melancholiker?[4]
Montaigne selbst hat auch darüber reflektiert und Position bezogen. Dabei sah er sich nicht als reinen, als „konstitutionellen Melancholiker“, erkannte aber eine leichte Tendenz zur „melancholischen Disposition“. Im Versuch einer differenzierenden Selbstcharakterisierung bezeichnete er das eigene Temperament als „Mitte zwischen Fröhlichkeit und Schwermut, mäßig sanguinisch und leidenschaftlich.“ Sein Wesen und Gemüt empfand der aufgeklärte Franzose eher als sensibel und weich, verbunden mit einer gewissen individuellen Eigensinnigkeit und als solche - Senecas Ausführungen im Bewusstsein - für das Leben in der Einsamkeit durchaus geeignet, während andere Personen, „thätige und geschäftige, die alles angreifen“ ein Leben in Einsamkeit nie ertragen würden.

9.3. Einsamkeit, ein Wert an sich, ist nie Mittel zum Zweck, sondern immer Selbstzweck.


Ideengeschichtlich betrachtet reiht sich Montaigne recht bewusst in die Linie antiker Lebensphilosophen ein, namentlich der stoischen Vorbilder und praktiziert voll und ganz die - von Seneca (otium cum litteris) und Petrarca (literarum amicum) vorgegebene, bücherlesende Einsamkeit des Gelehrten. Zur Einsamkeit-Auffassung eines Cicero und Plinius hingegen wahrt Montaigne eine kritische Distanz. Gerade Cicero, das große Vorbild Petrarcas, der Anwalt und öffentliche Mensch, der im temporären Rückzug aus der Gesellschaft eine Art Jungbrunnen souveräner Individuen erkennt, erscheint Montaigne eher als ein Typus, der die Einsamkeit bewusst instrumentalisiert, der in sie eintaucht, um noch mächtiger aus ihr hervorzubrechen und sich gesellschaftlich zu behaupten.
Während Montaigne vor allem eine Art „monologische Existenz“ kultiviert, indem er in den Essays - weitaus konsequenter als etwa Augustinus, in den Alleingesprächen oder in seinen Bekenntnissen - wahrhaftige Selbstgespräche führt, was auch sein später Biograph, der Romanist von Rang Hugo Friedrich[5] hervorhebt, versteht Cicero sein gesamtes Sein als dialogische Existenz[6].
Deshalb versteht Montaigne auch das geistige Schaffen aus der Einsamkeit heraus nicht im Sinne Ciceros, den er direkt mit der Bemerkung tadelt: „er wolle seine Einsamkeit und Ruhe von öffentlichen Geschäften dazu anwenden, um sich durch seine Schriften die Unsterblichkeit zu erwerben“[7], auch weil er mit Seneca von Überzeugung ausgeht, echte Einsamkeit und künstlerischer Ehrgeiz stellten entgegengesetzte, sich widersprechende, ja sich ausschließende Phänomene dar.
Der persönliche Ehrgeiz als der Drang zum Fortkommen auf welchem Entfaltungsgebiet auch immer, ist dem seelisch-geistigen „Zur-Ruhe-Kommen“ des Individuums entgegengesetzt; er verhindert dieses ebenso wie den daraus resultierenden künstlerischen Antrieb. Wer einsam lebt, sucht sich selbst, er fragt nach dem was der Mensch ist, er denkt anthropologisch, ja anthropozentrisch, aber nicht rezeptionsorientiert. Montaigne erinnert dabei an die Worte jenes Denkers, der sein Ringen um die Kunst mit den Worten umschreibt: „Ich lasse mirs gefallen, wenn sie auch nur wenige, wenn sich auch nur einer, wenn sie auch gar keiner verstehet. Er sagte die Wahrheit.“[8] Gemeint ist natürlich Seneca.
Der in Einsamkeit Vertiefte erwartet nicht, dass man ihn hört, seine Werke preist und seinen Ruhm verkündet. Wichtig ist allerdings der konstruktive Schaffensprozess an sich, weniger die objektive Gültigkeit des Werkes. Noch weniger gewichtet sind Wertigkeiten wie Ehre, Unsterblichkeit oder gar Nachruhm. Diesen eitlen Ambitionen wird von Montaigne eine rigorose Absage erteilt, wenn er den - oben bereits betonten - Aspekt noch einmal mit den Worten auf den Punkt bringt „Die allerunverträglichste Gemütsart mit der Einsamkeit ist der Ehrgeiz.“[9]
Manche Menschen seien „nur deswegen zurückgegangen, um einen stärkeren Anlauf zu nehmen und durch einen kräftigeren Sprung eine größere Lücke in dem Haufen zu tun“[10], vermerkt Montaigne kritisch pointiert. Cicero, Plinius und selbst Petrarca sehen in ihren Betrachtungen den Rückzug in die Einsamkeit weitgehend als ein Mittel zum Zweck an, als Stimmungsmedium, um zu einem höheren Ziel zu gelangen. Montaigne hingegen distanziert sich von diesen Vereinnahmungen der „solitude“ und erhöht das Leben in der Einsamkeit zu einem Wert an sich, wobei er mittelbar Epikurs, Senecas und Mark Aurels Phänomen-Analysen und Wertungen gelten lässt. Damit nähert sich der Franzose stark der religiös motivierten Einsamkeit der Eremiten, Mönche und Mystiker wobei, diese selbstlos Existierenden das eigene Selbst aufgeben, um im Gebet oder in der Unio zu Gott zu finden und in Gott aufzugehen. Montaigne, ein strenger Ethiker und irgendwo auch ein „homo religiosus“ mit Sinn für echte Einkehr und Pietät, hat auch keine Probleme, seine Apologie der Einsamkeit zu legitimieren und zu rechtfertigen. Die Einsamkeit aus Andacht zu suchen, erscheint ihm als vernünftige Handlung, da sie den Menschen Gott näher bringt und seine Seele befreit.
Wer in die Einsamkeit eintauchen will, muss mit dem bisherigen Leben abgeschlossen haben, konstatiert Montaigne aus eigener Erfahrung: „So muß auch derjenige, der sich aus Verdruß und Ekel an dem gemeinen Leben in die Einsamkeit begiebt, dieses nach den Regeln der Vernunft mit Bedachtsamkeit und Überlegung anstellen und einrichten. Er muß von allen Arten der Arbeit, sie mögen aussehen wie sie wollen, Abschied genommen haben, und überhaupt die Leidenschaften fliehen, die die Ruhe des Leibes und der Seele verhindern, und denjenigen Weg erwählen, der sich am besten für seine Gemüthsbeschaffenheit schicket.[11]
Die Seelenruhe Epikurs und die affektfreie Ataraxie der Stoiker ist hier Programm geworden. Montaigne geht sogar so weit, alle beschwerlichen und verdrießlichen Beschäftigungen in der Einsamkeit konsequent abzulehnen, selbst das aufwühlende Lesen bestimmter Bücher. Er akzeptiert nur noch leicht zugängliche Werke, Literatur, die ihn animiert, „kützelt“, ihn tröstet und ihm weitere Anleitungen vermittelt, wie das wahre Leben in Einsamkeit zu gestalten sei. In der Einsamkeit verharrend, denkt er nicht zuletzt über das Wesen der Einsamkeit nach – und dies im permanenten Versuch, diesen Zustand zu perfektionieren. Einsamkeit, der Wert an sich, ist nie Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck. Es ist nicht bekannt, was Montaigne wirklich veranlasste, sich in seinen Turm unweit des Schlosses zurück zu ziehen. Doch mit seiner eindrucksvollen Geste hat er zugleich den existenziellen Beweis erbracht, dass ein starker Charakter sehr wohl zehn Jahre lang gemächlich in relativer Einsamkeit leben und gleichzeitig schöpferisch tätig sein kann. Das Leben in Einsamkeit ist durchaus planbar und gut zu gestalten, wobei Vernunft, geistige Disziplin und hohe Moral die unbedingten Voraussetzungen darstellen.
Der einsame Montaigne unterscheidet sich als moderner Nachrenaissancemensch eben durch das Einbeziehen der Ratio und zahlreicher psychologischer und psychosomatischer Faktoren von den frühchristlichen Einsamen und einzelnen Mystikern des Mittelalters, wobei er an das - schon von Epikur und den Stoikern akzentuierte - Primat der Vernunft anknüpft. Während der Wüstenanachoret in äußerer Einsamkeit meditiert, innere Ruhe und Seelenheil zu erreichen sucht, indem er in lebensfeindlichen Bedingungen ausharrt, um so den Heimsuchungen der Dämonen zu widerstehen; während ein Mystiker wie Seuse (Suso) seinen Körper mit allen möglichen Kasteiungen, Fasten, Nachtwachen und sonstigen Schikanen unmenschlicher Art foltert, quält und dabei über physische Erschlaffung den psychischen Niedergang fördert und so die Entstehung von gefährlicher Melancholie eher fördert als bekämpft, setzt Montaigne auf die antiken Erkenntnisse von der gesunden Seele im gesunden Leib und richtet es sich recht gemütlich in der Einsamkeit ein.

9.4. „Nichts in der Welt ist so ungesellig und zugleich so gesellig als der Mensch“ – Einsamkeit und Gesellschaft



Fern von Eitelkeit oder vom Ehrgeiz erfüllt, Nachruhm zu erlangen oder seiner Zeit den Stempel aufdrücken zu wollen, schuf Montaigne schließlich, nachdem er sich - nach reichlich genossenem beschaulichen Dasein und reiflicher Überlegung - endlich zum Schreiben durchgerungen hatte, aus der selbst gewählten Einsamkeit heraus ein umfangreiches, facettenreiches und zugleich in mancher Hinsicht wertvolles Werk, nämlich die „Essais“, darunter auch die bereits zitierte Abhandlung De la solitude“.
In der Montaigne-Forschung hat man diesem Werk sicher noch nicht die ihm gebührende Aufmerksamkeit geschenkt, vielleicht auch deshalb nicht, weil der Komplex Einsamkeit – Melancholie als Phänomen-Beschreibung und literarisches Sujet bisher noch keine systematische Aufarbeitung erfuhr. Selbst der bekannte Romanist Hugo Friedrich spricht in seiner bemerkenswert stringenten Montaigne-Monographie etwas herablassend lediglich von einer „antikische(n) Stilisierung dieses Einsamkeitsentschlusses.“[12] Nach Friedrich ist „der Essay, den er der Einsamkeit gewidmet hat, eine persönlich getönte Paraphrase von entsprechenden Kernstellen aus den Briefen Senecas. Einsamkeit, das heißt hier: Beisichselbersein der Seele, eine Sammlung auf sich selbst, ein Sich-Vergewissern der eigenen Neigungen und Kräfte.“[13] Mit dieser etwas pejorativ anmutenden Einschätzung wird die Relevanz der Einsamkeit nicht nur als das verkannt, was sie für Montaigne darstellt, nämlich die Grundbedingung seiner schöpferischen und menschlichen Existenz schlechthin. Das von Montaigne – wie kaum von einem anderen Denker - verinnerlichte anthropologische Grundphänomen wird damit auch noch trivialisiert. An sich ist diese apodiktische Zwangssystematisierung nicht nur makroperspektivisch betrachtet unzutreffend - sie stimmt auch im Detail nicht. Bei Montaigne, das sollte nicht unterschlagen werden, kommt es eben auf die zahlreichen Subtilitäten und Nuancen an, die nur auffallen, wenn man die Entwicklung der Phänomene Einsamkeit und Melancholie durch die Jahrhunderte verfolgt. Gleich am Anfang des Essays heißt es: „Die weitläufige Vergleichung des einsamen mit dem tätigen und geselligen Leben wollen wir linker Hand liegen lassen.“[14] Montaigne weigert sich also, die bei Seneca und Petrarca gehäuft auftretenden Vergleiche zwischen der „Vita activa“ und der „Vita contemplativa“, zwischen dem „Felix solitarius“ und dem „Miser occupatus“ endlos zu wiederholen. Er setzt deren Kenntnis voraus und geht direkt ins Detail, um neue Aspekte beizutragen. Interessant, ja innovatorisch ist beispielsweise Montaignes - paradox anmutende - Definition des Menschen in seinem Verhältnis zur Einsamkeit. Er unterscheidet nicht ausschließlich wie bis dahin zwischen einsamen und geselligen Naturen, sondern er stellt fest: „Nichts in der Welt ist so ungesellig und zugleich so gesellig als der Mensch“[15] - eine Definition, die in der Umschreibung des „Gesellig Ungeselligen“ im Werk von Kant und bei Zimmermann wiederkommen wird. Savonarola, der einsame Mönch in der Zelle und der Wirker in der Gesellschaft, hatte dies ähnlich gesehen und - im Geist der Antike mit Aristoteles - betont, der Mensch könne allein nicht leben, sondern brauche die Gesellschaft [16]. Einsamkeit und Geselligkeit erscheinen damit als sich bedingende und weitgehend gleichwertige Phänomene, als die beiden unterschiedlichen Seiten einer Medaille. Der Weise Montaignes ist somit kein idealisiertes, abgehobenes und elitäres Individuum wie bei einzelnen Stoikern oder in Genie-Vorstellung Arthur Schopenhauers, sondern er ist - auf ein menschliches Maß reduziert - schlicht ein „Mensch von Verstand“, der „sich selbst besitzt“[17].
Dieser Mensch wählt aus Einsicht das zurückgezogene Leben und Schaffen in der Einsamkeit. Hier führt er das Gespräch mit dem Selbst: „Man muß ein Hinterstübchen für sich absondern, in welchem man seinen wahren Freiheitssitz und seine Einsiedelei aufschlagen kann. Hier müssen wir vernünftigen Umgang mit uns selbst unterhalten; und zwar so abgesondert, dass darin keine andere Bekanntschaft oder Mitteilung fremder Dinge stattfinde.“ [18] Visionäre wie Jean-Jacques Rousseau, Cäsaren wie Marc Aurel oder ein absoluter Monarch wie Friedrich der Große in seinem Refugium Sanssouci werden diesem klaren Wort der Vernunft nach Descartes beipflichten. Einsamkeit bedeutet demnach Freiheit, Selbstsein und Selbstverwirklichung im Sinne der Hellenisten. Gleichzeitig kennt Montaigne neben dem philosophisch motivierten Rückzug auch die religiös bedingte Einsamkeit und die säkularisierte Einsamkeit als gleichwertig an.
Wahre Einsamkeit kann sich zum Genuss, zum „herrlichen Freudenleben“[19] steigern, eine Sicht, die auch die hedonistisch-eudämonistische Komponente der Weltflucht zu würdigen weiß. In einer weiteren Differenzierung verzichtet Montaigne auf die äußere Kulisse der Einsamkeit, auf den einsamen Ort, wenn er - mit Marc Aurel - betont, der Weise könne „selbst im Gedränge der Paläste einsam sein und sich selbst genießen.“[20] Als eine Sache des Bewusstseins vollzieht sich der Rückzug im Kopf und abhängig vom Ort und dem menschlichen Umfeld – genauso wie sich inmitten von Menschen, in der Partnerschaft, je selbst in der Familie auch die „Vereinsamung“ vollziehen kann. Die Verknüpfung des Ausdrucks „einsam sein“ mit „sich selbst genießen“ verweist darauf, dass Montaigne nicht die „Vereinsamung“ meint, akzentuiert, sondern eben das positive Phänomen Einsamkeit als Satisfaktion, ja als Genuss. Montaigne potenziert den Gedanken noch, wenn er im gleichen Essay vermerkt: „Das ist die wahre Einsamkeit, deren man mitten in Städten und an den Höfen der Könige genießen kann.“[21]
Es bedarf also nicht unbedingt eines Hinterstübchens oder gar eines idyllischen „Locus amoenus“, wie ihn Petrarca vor den Toren Avignons in natürlicher Idylle an der Quelle der Sorgue vorfand; Es bedarf einzig und allein des konzentrierten Selbstseins, um ausgeglichen, nicht leidend und glücklich zu sein. Der mit dem Selbst und damit mit dem Kosmos in Einklang lebende Geist schafft sich sein Glück durch die Freiheit. Die determinierende Bedingung entfällt. Gerade im Gedränge der Großstadt, wo die negative Vereinsamung am deutlichsten droht, bietet das positive Phänomen Einsamkeit in einer Rückbesinnung auf das Selbst eine existenzbewältigende Lösung. Damit geht Montaigne, bei dem epikureische und stoische Auffassungen zu einer Synthese zusammenfinden, leicht über die Ausführungen seiner Vorgänger hinaus. Doch Montaigne ist keinesfalls der Begründer dieser inneren und verinnerlichten Einsamkeit. Wie oben bereits dargelegt, finden wir sie bereits in speziellen Ausformungen in der deutschen Mystik, vor allem bei Meister Eckhart, und noch viel früher bei Marcus Aurelius, dem die äußere Zurückgezogenheit zu beschränkt erscheint. Kraft seines Bewusstseins hat das Individuum jederzeit die Möglichkeit, sich auf das Selbst zu besinnen. In der lebensphilosophischen Schrift „Selbstbetrachtungen“ wird dies angeregt: „Steht es dir ja frei, zu jeder dir beliebigen Stunde dich auf dich selbst zurückzuziehen (...) Gönne dir nur immerdar dieses Zurücktreten ins Innere und verjünge so dich selbst.“[22] Montaigne bleibt in seinen Ausführungen zum favorisierten Lebenselement auf dem Boden einer rationalen und empirischen Denkweise. Er denkt anthropozentrisch, während mystische und metaphysische Überlegungen für ihn unbedeutend sind.

9.5. Vanitas - Der Rückzug aus der Gesellschaft ist auch historisch bedingt

 „Einsamkeit
In dieser Einsamkeit / der mehr denn öden Wüsten
Gestreckt auff wildes Kraut / an die bemößte See:
Beschau’ ich jenes Thal vnd dieser Felsen Höh’
Auff welchem Eulen nur vnd stille Vögel nisten.
Hier / fern von dem Pallast; weit von deß Pövels Lüsten /
Betracht ich: wie der Mensch in Eitelkeit vergeh’
Wie / auff nicht festem Grund’ all vnser Hoffen steh’
Wie die vor Abend schmähn / die vor dem Tag vns grüßten.
Die Höl’ / der rauhe Wald / der Todtenkopff / der Stein /
Den auch die Zeit aufffrist / die abgezehrten Bein.
Entwerffen in dem Muth vnzehliche Gedancken.
Der Mauren alter Grauß / diß vngebau’te Land
Ist schön vnd fruchtbar mir / der eigentlich erkant /
Daß alles / ohn ein Geist / den Gott selbst hält / muß wancken.“
Andreas Gryphius[23]

Doch weshalb zog sich Montaigne überhaupt aus der Alltagswelt zurück? Der Rückzug großer Individuen aus der Gesellschaft und ihre Festlegung auf ihren eigenen Mikrokosmos, ohne den Ehrgeiz zu entwickeln, etwas gesellschaftlich und politisch verändern zu wollen, sondern ausschließlich ideell-artistisch zu wirken, ist nicht nur auf philosophische Überzeugungen zurückzuführen. Diese Haltung ist auch ein Zeitproblem und hat zeitspezifische, historische Gründe, nicht erst bei Montaigne.
Als Petrarca in Norditalien und vor allem im Languedoc aufwuchs, waren die Auswirkungen der Albigenser-Kriege noch deutlich zu spüren. Der Ausrottungsfeldzug des Papstes gegen die Katharer vom Piemont bis in die Pyrenäen – von Lenau, und nur von ihm, in einem leidenschaftlichen Epos für die Nachwelt festgehalten – hatte die blühenden Städte und Gegenden der Troubadours in Schutt und Asche gelegt und damit die Kulturlandschaft Europas schlechthin für Jahrhunderte zurückgeworfen. Das einzige was von der - selbst heute noch von Kirchenhistorikern als der größte Schandfleck der Christenheit empfundenen - Schreckenstat übrig blieb, war eine Einrichtung, die auch ein Petrarca immer wieder im Auge haben und fürchten musste: die Inquisition. Mit einem Horrorszenario im Hintergrund, gepaart mit ebenso schrecklichen Pestepidemien, die einschneidend Unzählige hinwegraffte und einer Aura von Vergänglichkeit in vielen Formen, schuf der Dichter des „Canzoniere“ sein Werk. Schaffen bedeutete für Petrarca auch Absetzung von der Zeit und aktives, geistig-künstlerisches Wirken gegen die Zeit.
Montaignes Arbeiten an den „Essais“ fällt in eine vergleichbare Krisenzeit der Menschheitsgeschichte, in die Tage der blutigen Religionskriege in Frankreich, in die dreißigjährige Auseinandersetzung schlimmster Art zwischen Katholiken und Protestanten. Die Zeit der Spätrenaissance in Italien, die Epoche der Reformation in Deutschland, entspricht in Frankreich dem Jahrhundert Montaignes und ist eine ebenso dunkle Zeit wie die Jahrzehnte der Katharer-Ausrottung im Languedoc. Wie von ihm selbst drastisch apostrophiert, lebt der Aufklärer und kritische Rationalist Montaigne, in einem „Jahrhundert der Unwissenheit“. Voltaire sollte es später auf den Punkt bringen: In solchen Zeiten fallen aufgeklärte Charaktere vom Format eines Montaigne auf.
Montaigne, ein Philosoph, herausragend aus einem Heer religiöser Eiferer und Fanatiker, identifizierte sich keineswegs mit seiner Zeit. Er gab gern zu, sich in seinem Jahrhundert unwohl, unverstanden und unnütz zu fühlen. Nur war dies noch längst kein Grund zu resignieren, der Apathie oder der Melancholie zu verfallen. Ganz im Gegenteil: Michel de Montaigne setzte der Dunkelheit seiner Zeit die individuelle Produktivität entgegen - mit den Essais einen großen ideengeschichtlichen Wurf schaffend, der immer noch aktuell ist und die Geister fasziniert.
Trotzdem: Aus heutiger Sicht betrachtet, sind es in der Tat nicht primär seine Reflexionen über das Leben in Einsamkeit als Phänomenbeschreibung, die bei Montaigne nachwirken, sondern seine gelebte Einsamkeit: Der große, ja einmalige Gestus, sich zehn Jahre in einen Turm zurückzuziehen und sich - im Dienst von Literatur und Geist - der Gesellschaft zu versagen, obwohl er als einer ihrer exponiertesten intellektuellen Kapazitäten gelten kann, beeindruckt weit mehr und wirkt katalysierend auf seine geistigen Nachfahren in Frankreich.




[1] Uwe Schulz: Michel de Montaigne. (Rowohlts Monographien. 442) Rowohlt, Reinbek 1989, S. 14.
[2] Schulz, Montaigne, S.16.
[3] Zitiert nach: Ludwig Völker: „Komm, heilige Melancholie“. Eine Anthologie deutscher Melancholie-Gedichte. Mit Ausblicken auf die europäische Melancholie Tradition in Literatur und Kunstgeschichte. Mit 36 Abbildungen. Herausgegeben von Ludwig Völker, Stuttgart 1983. Stuttgart 1983. S. 528.
[4] In der Monographie: Jean Starobinski: Montaigne. Denken und Existenz. München 1986, setzt der Biograph den Ausdruck „Melancholie“ wohl gezielt ein (S. 40), um darauf hinzuweisen, dass Montaigne – aus der Einsamkeit heraus – überhaupt erst zum Schreiben kam. Von zentraler Bedeutung erscheint -Starobinski eine vielsagende Notiz des Philosophen, in welcher die Antriebe zum Schreiben explizit angesprochen werden: „C‘ est une humeur melancholique ( …)produite par le chagrin de la solitude en laquelle il y a quelques années que je m‘ estoy jetté, qui m‘ a mis premierement en teste cette resverie de me mesler d‘ escrire“. (Es war eine melancholische Laune, hervorgebracht durch den Kummer über die Einsamkeit, in die ich mich vor einigen Jahren begeben hatte, die mir zuerst den Gedanken in den Kopf gesetzt hat, mich mit Schreiben zu befassen.“ Das Leben in Einsamkeit war also nicht nur ein Vergnügen, Muße und Muse, der Einsame litt auch unter seiner Selbst-Isolation im Turm. Die „vita cotemplativa“, das rein beschauliche Leben, reicht nicht mehr aus. Wie schon von Petrarca erkannt, muss der Dichter und Denker auch sagen, niederschreiben, was er denkt und erleidet, wenn die Einsamkeit nicht zum Überdruss führen soll.
[5] Hugo Friedrich: Montaigne. 2. Auflage, Bern, o. J. S. 18.
[6] Seel, Otto: Cicero, Stuttgart 1953. Seel hat diesen Grundzug herausgearbeitet.
[7] Gesammelte Schriften Michel de Montaignes. Historisch-kritische Ausgabe. Übertragen von J. J. Bode. Herausgegeben von O. Flake und W. Weigand. München 1915. Bd. 2, S. 127. Weiterhin kurz zitiert als „Montaigne“. Berücksichtigt wurden auch: Montaigne: Oeuvres complètes, Gallimard 1962, bzw.:
Montaigne, Michel de: Essais, Versuche nebst des Verfassers Leben nach der Ausgabe von Pierre Coste ins Deutsche übersetzt von Johann Daniel Tietz, Zürich 1992.
[8] Montaigne, Michel de: Essais, S. 446.
[9] Montaigne, S. 131.
[10]Ebenda.
[11] Montaigne, Michel de: Essais, S. 443 f.
[12] Hugo Friedrich: Montaigne. 2. Auflage, Bern, o. J. S. 18.
[13] Ebenda, S. 233.
[14] Montaigne, S. 113.
[15] Montaigne, Über die Einsamkeit,
[16] Vgl. dazu das entsprechende Zitat in dem Kapitel „Einsamkeit und Gesellschaft bei Savonarola“ weiter oben.
[17] Montaigne, S. 119.
[18] Ebenda, S. 120.
[19] Ebenda, S. 128.
[20] Ebenda, S. 115.
[21] Ebenda, S. 118.
[22] Zitiert nach: Karl Vorländer, Philosophie des Altertums, Reinbek 1971. S. 281.

[23] Andreas Gryphius (1616-1664), dessen Heimatstadt Glogau im Dreißigjährigen Krieg zerstört wurde, und Montaigne, der die französischen Religionskriege erlebte, sind - fast - Zeitgenossen, die aus den zerstörerischen Ereignissen ihrer Zeit existenzielle Schlüsse ziehen und diese auch poetisch-philosophisch umsetzen.






Michel de Montaignes Essay „De la solitude“- Das Leben in Abgeschiedenheit zwischen profaner Weltflucht und ästhetischer Verklärung.

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