Samstag, 13. August 2011

In memoriam "Bau der Mauer" in Berlin

Zur möglichen Renaissance des Kommunismus in Deutschland - nach 100 Millionen Opfern weltweit?




Foto: Monika Nickel

Auf den braunen Totalitarismus folgte der rote - Reste der "Berliner Mauer", 
entdeckt: 
1000 Kilometer südlich der deutschen Hauptstadt
irgendwo in Südbaden - sie erinnern und mahnen.



Ein Gespenst geht um - das Gespenst des Welt - Kommunismus!

Wer hat die Mauer gebaut - die Amerikaner? Deutsche Jugendliche wissen es nicht mehr.
Wer war Michael Gorbatschow? Russische Jugendliche zucken verwundert mit den Schultern!

Kaum sind Mauer und Eiserner Vorhang gefallen,
angeblich für immer,
und schon wollen linke Demagogen ihn wieder haben:
den Kommunismus als Erlösungsmodell der Menschheit -
nach nur 20 Jahren Abstinenz!

Die Forderung ist ungeheuerlich,
eine schamlose Verhöhnung der Opfer - und das noch im Namen der


"Gerechtigkeit"!

Gerechtigkeit? Gerechte Gesellschaft?

Wie gerecht war der SED-Staat unter Ulbricht und Honecker?

Wie gerecht waren alle anderen Diktaturen Osteuropas
und
vor allem jene paradigmatische des großen Völkergefängnisses Sowjetunion?

Was brachte der Weltkommunismus der Menschheit?
Annähernd 100 Millionen Tote?

Allein während der Herrschaft von Stalin, Mao und Pol Pot gab es diese Opfer - wer bilanziert schon weltweit?
Und was machen die Deutschen daraus - nach vier Jahrzehnten der Teilung,  nach Mauerbau und nach allen Terror-Erfahrungen der SED-Diktatur?

Sie lassen es zu, dass eine neue Romantik aufkommt,
eine Sehnsucht nach dem Wiedererwachen des Kommunismus
auf deutschem Boden,
ohne zu erkennen,
dass Kommunismus Diktatur bedeutet,
also das Gegenteil des demokratischen Rechtsstaates.

Zur Erinnerung:

Foto: Carl Gibson

Das war der Kommunismus - Am "Eisernen Vorhang" bei Sopron an der ungarisch-österreichischen Grenze, heute ein "Mahnmal"!

Wer Abkühlung nötig hat,
der möge nach Moskau blicken,
wo uneingeschränkte Despoten wie Putin willkürliche Prozesse abrollen lassen
oder
nach Minsk, wo Lukaschenko, der "letzte Diktator Europas" seine politischen Gegner aus der Opposition krankenhausreif prügeln und danach noch verhaften lässt.
Dort ist Kritik angesagt -
oder in China,
wo die elementaren Menschen- und Bürgerrechte immer noch mit Füßen getreten werden, trotz wirtschaftlichem Liberalismus.


Wehret den Anfängen!

Und hört euch die alten SED und Stasi- Parolen an:
... die Partei, die Partei hat immer Recht, denn wer kämpft für das Recht
 hat immer recht ...

Etwa auf "youtube: http://www.youtube.com/watch?v=OPNin0-dLVE
(Link wurde deaktiviert!)
Die repressiven Apparate der roten Diktaturen KGB,
Staatssicherheitsdienst der DDR,
die Securitate Ceausescus etc. lassen grüßen!
Die Rechts- und Gerechtigkeitsauffassungen der Kommunisten sind doch  bekannt?
Oder?

Man muss nicht unbedingt ein Historiker sein und auch kein Zeitzeuge, der den Terror der Roten in der Zelle erlebt hat, um zu wissen,
was der Kommunismus war.

Leider ist die verbrecherische Geschichte des Kommunismus weltweit noch nicht aufgearbeitet, auch aus praktisch- pragmatischen Gründen.
Cui bono?

Den "alten Seilschaften" aus der Stasi und der SED mit ihren Blockparteien, 
Chamäleons und Wendehälse,
die heute - nach erfolgreichem Wandel wieder in Amt und Würden sind, innerhalb der Wirtschaft , aber auch innerhalb der SED- bzw. PDS-Nachfolgepartei DIE LINKE.

Das Berufen auf "Gerechtigkeit" ist reine, von Ressentiments getragene Demagogie -
ebenso wie der entschuldigende Hinweis a posteriori, DIE LINKE habe sich vom "STALINISMUS" distanziert - und damit BASTA!

So einfach ist das nicht!
Wann endete der verbrecherische Stalinismus?
1989, mit dem Fall der DDR und des kommunistischen Imperiums Sowjetunion?

Wer den Kommunismus als "politisches Ziel" anstrebt, agiert nach meiner Auffassung hetzerisch, demokratiefeindlich und verfassungskonträr.

Was ist mit den Führungspersonen, die den Kommunismus in der DDR und sonst wo im Ostblock mitgetragen haben, die die verbrecherischen Befehle an ihre Geheimdienste formulierten, die Rechtsbeugung anordneten?

Wehret den Anfängen – Wegschauen ist der falsche Weg! 
Lassen wir es nicht zu, dass Demagogen von links oder rechts - an billige Masseninstinkte appellierend - den demokratischen Rechtsstaat untergraben. 


Foto: Carl Gibson

Für Frau Lötzsch (DIE LINKE) und andere Romantiker des Marxismus-Leninismus aus DIE LINKE:

"Maschendrahtzaun" - Relikte am "Eisernen Vorhang" bei Sopron - an die Verbrechen des Kommunismus erinnernd.


Die unverantwortlichen Parolen einer Brandstifterin aus der Partei DIE LINKE zeugen von dem Geist der politischen Vereinigung, hinter welchen der Ungeist eines
Marx, Lenin und Stalin lauert,
Hetze und Spaltung
und dahinter sogar das Verbrechen.


Der "Kommunismus" darf - ebenso wenig wie der "Nationalsozialismus" oder der "Faschismus" nie wieder als "politisches Ziel" angestrebt werden!


Alle diese totalitären Weltanschauungen führen zu Unfreiheiten, Terror und Diktatur.




Die Opfer des Kommunismus müssen die Dinge schonungslos beim Namen nennen und weiter aufklären.

Wenn solch verfassungsfeindliche Parolen bereits 20 Jahre nach dem Fall des Kommunismus in Osteuropa und in der Sowjetunion möglich werden,
dann zeugt dies von einer noch nicht erfolgten Vergangenheitsaufarbeitung.
Die Bewältigung des Kommunismus kommt noch auf uns zu.



Foto: Privatarchiv Carl Gibson

Ehemaliger antikommunistischer Bürgerrechtler Carl Gibson an der
"Mauer in Westberlin"
im Jahr 1981.
Der Kommunismus schien noch für 1000 Jahre fest zementiert.

Im Hintergrund: Der "Todesstreifen".

Die Mauer - Opfer mahnen!

An dieser Stelle starben Menschen, nur weil sie den Ausbruch in die Freiheit wagten.


Mein Plädoyer für die Freiheit - nur wer sie nicht hatte, weiß ihren Wert zu schätzen.
( Carl Gibson, Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceausescu-Diktatur. 2008.)

Die Opfer der beiden Diktaturen auf deutschem Boden im 20. Jahrhundert sollen nicht umsonst gewesen sein. 


Dort, wo die Würde des Menschen bedroht wird, ist Widerstand angesagt - überall, weltweit.





P.S. Eine leicht veränderte Fassung dieses Kommentars auch auf:


http://www.carlgibsongermany.wordpress.com/

Copyright: Carl Gibson


Sonntag, 31. Juli 2011

Philosophie des Weges - poetischer Spaziergang durch die Welt des Schönen


Beobachtungen eines Philosophen 
vom Bad Mergentheimer "Philosophenweg" aus

am und im Kurpark von Bad Mergentheim an der Tauber

- mit Carl Gibson als Cicerone.




Wege - Gärten – Parks – Wasser – Geschichte – Kultur


Der Weg ist das Ziel


  Foto: Carl Gibson
Im "Japanischen Garten" – Ruhe und Kontemplation.

Rückbesinnung auf die Lehre des Buddha,
auf die Ethik des Shintoismus und Taoismus.



Foto: Carl Gibson

                               Die Natur und ihre vier Elemente:
         Wasser, Erde (Stein), Luft und – verborgen im Erdinnern – das Feuer.


Foto: Carl Gibson

Ausschnitt aus der Schöpfung – der "creatio imperfecta".
Alles ist im Werden.

Wer ins nahe Bad geht oder aus dem Bad kommt, kann hier innehalten, verweilen, ausruhen und nachdenken - über die Zeit und über die Heimsuchungen unserer modernen Zeit.

   

   Foto: Carl Gibson

Japanische Stele und Licht im Bambus


Foto: Carl Gibson

Panta rhei – Alles fließt - nicht erst seit Heraklit, im Orient und Okzident.

Japaner kommen gern in das an der Romantischen Straße gelegene Bad Mergentheim, das städtepartnerschaftliche Kontakte nach Japan unterhält.


Foto: Carl Gibson

Unter Rosen - "Locus amoenus" - der schöne Ort.


"Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheim gegeben,
wird zum wahren Leben nicht mehr taugen,
wer die Schönheit angeschaut mit Augen.“
Graf von Platen

Foto: Carl Gibson

Ein springender Brunnen



Foto: Carl Gibson

Lapidarium im Kurpark – Steine aus aller Welt. Beständigkeit inmitten von Vergänglichkeit.




Foto: Carl Gibson

Religiöse Toleranz – Miteinander der Kulturen und Religion.

Das Denkmal erinnert an den Besuch des Gründers der Bahai-Glaubensgemeinschaft im Kurbad Mergentheim.

Foto: Carl Gibson

Stille – mit ruhendem Wasserspiegel

 
Foto: Carl Gibson


Refugium für Augenblicke der Einkehr und Meditation

Foto: Carl Gibson

…und steigt und fällt… Wasser-Fontänen

Foto: Carl Gibson

Wasser-Musik.
Symphonische Klänge im Widerhall der Seelen.


Foto: Carl Gibson

Im Rosenpark


Foto: Carl Gibson

Nimm dir die Zeit  … und denke über das Leben nach …

Tempus fugit – sagten die Alten. Die Zeit eilt auch heut’…mit und ohne uns...



Foto: Carl Gibson

Wasserspiel - 

Tiefe stille liegt im Wasser …

Hier steigt der Strahl …
und hier erklingt die Symphonie!




Das historische Mergentheim


Foto: Carl Gibson

Blick auf das Schloss des Deutschen Ordens und auf die historische Altstadt.
Fast 300 Jahre war Mergentheim die Residenz des Deutschen Ordens. 



Vor dem Fußmarsch am Morgen ins Büro fällt eine Entscheidung:

Welchen Weg werde ich – heute und überhaupt – einschlagen?
1.     Den schnellen Weg zum Ziel?

2.     Den schönen Weg?

3.     Den nützlichen Weg, den Um-Weg?

4.     Den bequemen Weg?




Im Alltäglichen entscheidet die Situation.
Im Leben entscheidet das Grundsätzliche.

1.   Weil ich es eilig habe, entschließe ich mich heute für den schnellen Weg zum Ziel, zum Arbeitsplatz und stürme los.

Die ersten hundert Meter im Zickzack durch den Hain den Berg hinunter bis zur Straße sind noch angenehm. Bäume spenden kühlenden Schatten und reichern die Luft mit Sauerstoff an. Nur fehlt die Zeit, innezuhalten und einen Blick auf die klugen Sprüche am Wegrand zu werfen.
Die Pflicht ruft. Gleich stoße ich auf die Straße, wo vor dreitausend Jahren Kelten Salz siedeten. Laut ist sie heute und staubig.

Hochgiftige Benzoldämpfe hemmen den Atem und stinkende Abwasserkanäle als Segnungen moderner Zivilisation.
Kliniken links und rechts erinnern an Leiden, Sterben und Tod.
Auch an die eigene Krankheit.

Noch ein paar rasche Schritte vor der neuen Entscheidung. Werde ich den kleinen Umweg nehmen und den schönen Weg durch den Kurpark gehen?

Die knappe Zeit spricht dagegen.
Keine Zeit für Muße, wo doch die Arbeit ruft!

Bequeme Wohlstandsbürger rasen in schnellen Autos an mir vorbei, belasten das Ohr, die Lunge und die fast schon tränenden Augen.
Ozon macht sich breit, der hier noch erträglicher ist als in der Großstadt.

An einer Fabrik vorbei, wo Menschen bereits hintern Fließband ihr tägliche Brot verdienen und vorbei an sterilen Einkaufsschuppen durchschreite ich einige öde Parkplätze und verschwinde dann in einem Bürohaus.
Momentan bin ich am Ziel.

Im Leben ist der schnelle Weg zum erstrebten Ziel nicht immer der einfachste; oft aber ist er der rücksichtsloseste.
Karriere um jeden Preis – auch mit der Brechstange?

2.     Der schöne Weg

Diesmal entscheide ich mich – im Einklang mit Kant und den Utilitaristen - für die Verbindung des Angenehmen mit dem Nützlichen und wähle den schönen Weg, der zugleich ein kleiner Umweg ist.

Gleich trete in ein in die Welt des Schönen, Erquicklichen und Beruhigenden und richte den Blick auf eine Quelle zur Linken,

Foto: Carl Gibson


Und dann zur rechten auf eine Fontäne, die aus dem Granit sprudelt:


Foto: Carl Gibson

Das Wasser plätschert ruhig dahin und sagt mir, dass die Arbeit auch noch einige Minuten warten kann.


Selbst auferlegter Stress muss nicht sein.
Der Infarkt muss nicht unbedingt forciert werden.

Was treibt mich an?
Die verrinnende Zeit?
Die Sucht nach Macht und Geld?
Nach Ruhm und Ehre?

Der steigende und fallende Strahl erinnert an die Vergänglichkeit aller Dinge –
und an die Relativität vieler Werte und Ziele.

Was ist wertvoll?
Und was ist verwerflich?
Was dient der Gesundheit?
Und was fördert das Leben?

Ergreifende Verse fallen mir ein und große Gedanken!

Wie schön ist es, wenn Menschen einen Sinn für Philosophie haben und für Poesie!



Foto: Carl Gibson


Sonnenstrahlen durchfluten den Park und suchen sich ihren Weg durchs dichte Geäst, vorbei an blühenden Kronen singenden Vögeln in den Zweigen:


Ein springender Brunnen erhebt die Seele und erfüllt den Tag mit Freude.

Gedanken formen sich und suchen den Sinn im anbrechenden Schaffens-Tag und über den Tag hinaus.

Was werde ich heute angehen?
Welche Aufgaben sind zu bewältigen, welche kurzfristigen Ziele sind zu erreichen?

Und wie verhalten sich diese Zielsetzungen zu den letzten Zielen?

Ist die Existenz planbar wie der profane Weg?
Oder ist alles dem Zufall unterworfen?

Sind wir Menschen letztendlich frei?
Oder bestimmt eine metaphysische Instanz unser Sein?

Fragend schreiten wir in den Tag – und handeln gehen wir ihn an.


3. Der Um-Weg

Den geraden Weg zum Ziel von daheim zunächst in die Stadt und darüber hinaus später auch in die Welt kann der Mensch oft nicht unmittelbar gehen, weil natürliche Hürden ihn davon abhalten.
Er muss Umwege gehen
und
manchmal auch Holzwege beschreiten,
hinein in Sackgassen und wieder hinaus ans Licht der Lichtung.

Der Mensch wird ewig irren auf seinen Erkenntnis-Wegen ins Leben
im strebenden Bemühen –
und fast immer sind es Umwege, die er auf seinem Hineintasten in die Welt beschreitet.

Also wähle auch ich heute den großen Um-Weg,
weil er noch nützlicher ist als schön.

Und weil er – neben den Genuss des Schönen in der Natur - die Gesundheit des Leibes noch mehr fördert als den Gleichklang der Seele im Betrachten der Schönheit.


Foto: Carl Gibson


Mens sana in corpore sano?

Im gesunden Körper wohnt die gesunde Seele.
Und ein krank gewordener Leib macht irgendwann auch die Seele krank.

Bereits die alten Griechen um Hippokrates, Theophrast und Aristoteles hatten die psycho-somatischen Wechselwirkungen erkannt.

Da vieles im Dasein des Menschen anthropologisch konstant ist,
gelten die Zusammenhänge auch noch in unseren Tagen.

Ein beweglicher, sportlicherMensch,
der höchste Höhen erklimmen und in tiefste Tiefen tauchen kann,
der sich seine Welt erwandert und die Existenz auslotet,
ist in der Regel heiter, froh, ausgeglichen und zufrieden mit seinem Sein.
Er lebt im Einklang mit der Natur und dem Umfeld,
während ein physisch Leidender bald auch an der Seele erkranken kann.

Missmut, Unzufriedenheit mit vielen Dingen, Traurigkeit, Wehmut, ja selbst Melancholie, heute endogene Depression genannt, sind Folgen davon.

Was hilft gegen Verstimmtheit und grundlose Traurigkeit?

Bewegung,
eine gesunde Ernährung –
und das richtige Denken!

Dss wird oft vergessen: Am Anfang steht das Denken.
Sind die Weichen ins Leben falsch gestellt, läuft auch alles schief.

Das Denken?
Damit verhält es sich etwa so wie mit dem Schreiben!

Jedermann glaubt es zu beherrschen und ausüben zu können!
Und er kann es auch – nur bis zu einen bestimmten Grad und Dimension.

Tieferes Denken mit tieferen Einsichten aber bleibt denjenigen, die mit dem Oberflächlicheren auszukommen trachten, fremd. Nicht aus Ignoranz, sondern nur deshalb, weil die Gesellschaft ihre Mitglieder nicht dazu erzieht.

Denker, Philosophen … wozu?

Die Philosophie ist aus den Schulen verbannt!

Trotzdem wundern sich die Verantwortungsträger in Politik und Staat,
wenn ihre Gesellschaft nicht funktioniert – oder wenn ein oberflächliches und defektes Denken eine kranke Gesellschaft nach sich zieht.
Kranke Individuen bilden einen kranken Staat.

Misstraue jedem Gedanken, der nicht in Bewegung entstanden ist,
sagt an einer Stelle Nietzsche, ein Spätzeitphilosoph, der viel über Gesundheit und Krankheit – auch in Staat und Gesellschaft – nachgedacht hat.

Wer die täglichen "dreitausend Schritte" hinter sich bringt,
die Pfarrer Kneipp von Wandernden einfordert,
hat viel Zeit zum Nachdenken –
über die große Gesundheit,
über Krankheit und Dekadenz.

Und der Schöne Schein am Wegrand wird ihn nicht davon abhalten,
den Realitäten in die Augen zu sehen, die den Lauf der Welt bestimmen.

Schönheit lenkt nicht nur ab vom Wahren.
Sie bildet den Kontrast dazu und ermöglicht erst wahrhaftige Erkenntnis.

Leiden und Sterben neben uns und vor unseren Augen
mit und ohne unsere Sympathie sind Phänomene,
denen wir uns nicht entziehen können.

Irgendwo ist die Kur- und Residenzstadt, die fast seit zwei Jahrzehnten meine Heimat ist, ein "Zauberberg", wo das Leben in Würde zu Ende gelebt werden kann,
wo aber auch gelitten und gestorben wird.
Das Dahinsterben und der Tod als Teil des Lebens sind mitten unter uns.

Der Weg zum Ziel ist manchmal - und wie so oft im Leben - ein Um-Weg.

Und das Ziel?

Ein sinnvoll gelebtes Leben im wesenhaften Sein – im Einklang mit dem Selbst.

Kurzfristige Ziele: Erfolg, Anerkennung, Laufbahn.

Langfristige Ziele: Glück, Erfüllung, Zufriedenheit, Einklang mit dem Kosmos.

Foto: Carl Gibson


 Unter Linden … können wir uns finden …
in Bewegung wie die Peripatetiker seit Aristoteles.

Philosophen-Weg und Pfarrer-Kneipp-Weg laufen hier zusammen –
und bilden einen gemeinsamen Weg wie zwei Menschen im Leben in der Ehe
oder in der Freundschaft,
die manchmal länger hält als das Leben selbst.

Foto: Carl Gibson

 Allee am noch nicht totgesagten Park



Foto: Carl Gibson


Weg durch die gestaltete Natur - Pappel-Allee am Schloss.


Foto: Carl Gibson

Wanderer, kommst du nach … Bad Mergentheim, dann sage …

Memento mori!

Nachdenklicher Brückenheiliger auf der Tauberbrücke aus dem Jahr 1745.



Foto: Carl Gibson


Wasser – das Lebens-Element,
nicht nur im Kur- und Heilbad ... 



Alles kommt aus dem Wasser – und in das Wasser kehrt alles zurück,
lehrte schon Thales von Milet ca. 700 v. Chr.

Gezähmtes Wasser - Kaskade am Tauberwehr – Steter Tropfen höhlt den Stein.
Der Kreis schließt sich.

An der Tauber, die fast noch urwüchsig und wild in natürlichem Umfeld vor der Stadt durchs Tal fließt.



P.S. : Dieses Projekt ( Philosophie des Weges  - Beobachtungen eines Philosophen 
vom Bad Mergentheimer Philosophenweg aus) entstand im Jahr 2008, konnte aber erst jetzt publiziert werden.
Alle Fotos stammen aus dem Jahr 2008.
Inzwischen ist noch mehr Wasser die Tauber hinab und bei Wertheim in den Main geflossen - also hat sich auch einiges verändert.

Wer Bad Mergentheim noch nicht kennt, wird durch die hier eingestellten Bilder vielleicht angeregt, herzukommen und zu verweilen. Dann wird er noch mehr Geschichte und Kultur erleben und manches erfahren, was sich an dieser Stelle nicht darstellen lässt. Fünf Sach- und Fachpubkikationen aus meiner Feder zum Thema Mergentheimer Geschichte, Daseinsvorsorge, Wasser, Brunnen und Quellen mögen mithelfen, die Materie zu vertiefen.
Carl Gibson


Mehr zur "Philosophie" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk in zwei Bänden,
in:


 

"Symphonie der Freiheit"

bzw. in dem jüngst erschienenen

Allein in der Revolte.
Eine Jugend im Banat


Carl Gibson


Donnerstag, 21. Juli 2011

Michael Gorbatschow in Ludwigsburg - oder Vom späten Triumph der Freiheit

Michael Gorbatschow in Ludwigsburg -
oder
Vom späten Triumph der Freiheit
 
 
 
Aus der Moskauer Puppenkiste - politisch-historischer Ernst
humoresk dargestellt
in Wort und Bild.



Michael Gorbatschow geht voran - in eine neue Zeit!?

 

 

Michael Gorbatschow - vom späten Triumph der Freiheit


Glück stellt sich dann ein, wenn Wunder wahr werden, wenn lange geträumte Träume in Erfüllung gehen, wenn sich Wünsche und Aspirationen realisieren, wenn ein großes Fernziel erreicht ist und wenn entrückte Ideale Wirklichkeit werden.
An einem solchen Glücksmoment durfte ich gleich zweimal teilhaben in einem kurzen Leben. Im Jahr 1979, als nach jahrelangem Ringen um bürgerliche Freiheiten und Menschenrechte in einer der bittersten Diktaturen Osteuropas mein Ausbruch in die Welt der Freiheit möglich wurde - und dann ganze zehn Jahre später, in jenem denkwürdigen Herbst des Jahres 1989 noch einmal, als die Völker Osteuropas fast über Nacht die lange ertragene Tyrannei einer totalitären Weltanschauung abschüttelten und frei wurden.
Welthistorische Ereignisse rollten damals vor uns allen ab, fesselnd wie auf einer Kinoleinwand - doch sehr real und diesmal nicht tragisch wie in den verheerenden Weltkriegen und in den weitaus negativ verlaufenden Entwicklungen im Osten Europas während der Nachkriegszeit, sondern aufwärtsgerichtet im Geist der Freiheit auf eine vielversprechende Zukunft hin - als Wandel zum Guten. Nahezu unerreichbare Ziele und Ideale wurden Wirklichkeit. Alles, was in den selbst noch intensivst erlebten Tagen des Kalten Krieges unerschütterlich und für Tausende Jahre zementiert schien, stürzte, innerlich morsch geworden, über Nacht. Ein finsterer Despot wankte und fiel. Und vor meinen Augen vollzog sich im fernen Bukarest der Sturz der letzten Diktatur in Osteuropa, eine Gewaltherrschaft, die meine Existenz über Jahre geprägt und bestimmt hatte. Bald darauf wurde ich noch Zeuge des Zusammenbruchs des gesamten kommunistischen Systems in der sich auflösenden Sowjetunion, ja weltweit, einer Willkürherrschaft, die über Jahrzehnte den Frieden der Welt bedroht hatte. Freudig erschüttert und mit bebenden Herzen erlebte ich in kurzer Zeit gesellschaftliche Umbrüche kaum gekannten Ausmaßes, an dessen Ende die politische Freiheit und Selbstbestimmung ganzer Völker stand.
Der Motor dieser Realität gewordenen Utopie war Michail Gorbatschow. Er entfesselte die Lawine, deren Wucht das moralisch fragwürdige Gebäude des Weltkommunismus zum Einsturz brachte, indem er die „Menschlichkeit in die Realpolitik einführte“ - und indem er überall dort menschlich handelte, wo früher die Staatsraison waltete, die kühl berechnende Macht. Durch sein beherztes Handeln im Zaudern, die Mittel der Repression in voller Wucht einzusetzen wie seinerzeit Breschnew 1968 in Prag, wurde der damalige Präsident der Sowjetunion notwendigerweise zum unfreiwilligen Totengräber einer alten Struktur - und aus der Sicht konservativer Kommunisten sogar zum Verräter an den Idealen und Errungenschaften der einst glorreichen Arbeiterrevolution. Für Millionen Unterdrückte und Geknechtete des kommunistischen Machtbereichs jedoch avancierte er zum unbestrittenen Begründer, ja zum „Vater der Freiheit“ im Europa der Nachkriegszeit. Gorbatschow wurde, um es in pathetischer Würdigung eines symphonischen Kunstwerks auf den Punkt zu bringen, zur „Conditio sine qua non“ der Freiheit in Osteuropa. Ohne diese Persönlichkeit der Weltgeschichte sehe unser blauer Planet heute anders aus.

Michael Gorbatschow als Puppe.

Warten auf … den Retter!


Als sich vor nicht all zu langer Zeit, im Jahr 2003, erstmals die Gelegenheit bot, diesem „Retter der Welt“, denn nicht viel weniger war er in meinen Augen, von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten, Tuchfühlung aufzunehmen und ihm vielleicht im innigsten Dank für das Unterlassene die Hand zu schütteln, nutzte ich den Tag und die Gunst der Stunde und reiste nach Ludwigsburg.
Ludwigsburg, der königliche Lustgarten Württembergs, war eine vertraute Stadt. Früher, während den Anfängen meiner Studienzeit um 1983, als unsere Kulturzeitschrift nomen konzipiert und ediert wurde, kam ich regelmäßig in die alte Residenz. Nicht zum eigenen Plaisir oder um dem mondänen Lustwandeln zu frönen, das seit der Säkularisation auch die bürgerlichen Schichten des Volkes erfasst hat, noch um das architektonische Erbe eines rücksichtslosen Autokraten zu bewundern, der seine Untertanen bis nach Amerika verkauft hatte. Damals lockte das schöne Ludwigsburg eher als Stätte der Literatur, als künstlerischer Ort, wo sich Gleichgesinnte trafen, Intellektuelle und kreative Köpfe aller Art, hauptsächlich aber Literaturschaffende, Schriftsteller, Dichter und Kritiker. Sie kamen aus ganz Südwestdeutschland und hatten sich zu einer losen literarischen Gruppierung zusammengefunden, die unter dem bescheidenen Namen „Literateam“ fast so bekannt wurde wie anno dazumal die Schwäbische Dichterschule um Uhland, Schwab, Kerner und Lenau, dem schwarz gefiederten Raben aus Ungarn.
Alle paar Wochen trafen wir in uns ungezwungen in einer Schenke in der Innenstadt. In Lesungen wurden eigene Kreationen dargeboten. Die Teilnehmer diskutierten gemeinsamen Editionen, Anthologien und anstehende Projekte. Wie in solchen Kreisen üblich, lamentierten, polemisierten und stritten sie untereinander - doch mehr über literarische als über gesellschaftliche Themen und ganz im Geist einer dialektischen Streitkultur, die auf Erkenntnisgewinn setzt, ohne dabei persönliche Animositäten und künstlerische Rivalitäten hervor zu kehren. Kurz, alle lebten und erlebten das literarische Kunstwerk im kommunikativen Miteinander und im Dialog. Da mich seinerzeit als literarischer Ressortleiter der Zeitschrift nomen überwiegend Fragen und Kriterien literaturwissenschaftlicher Wertung beschäftigten, wurde ich von den meisten aktiven Lyrikern und Prosaisten des Kreises als „Kritiker“ wahrgenommen. Herbert, den Freund fürs Leben, hatte ich in jenem Umfeld zum ersten Mal als eigenwilligen Gedankenlyriker erlebt - und seine siebzehnjährige Tochter Iris, heute eine zunehmend bekannter werdende Malerin, die damals gerade mit dem Dichten begann. Doch das war zwanzig Jahre her!
Inzwischen war viel Wasser den Neckar hinab geströmt, und die Welt hatte sich in einer Art verändert, wie ich es mir, als ich noch im Kerker saß, in hoffnungsvollsten Vorstellungen nie hätte ausmalen können. Aus Ludwigsburg, der beschaulichen Barockresidenz mit Nebengebäuden, war eine richtige Stadt geworden. Und wie alle richtigen Städte der Neuzeit wirkte sie im Alltag unmusisch und laut. Wo war die prunkvolle Schlossanlage? Irgendwo hinter profanen Zweckbauten verborgen. Es dauerte eine Weile, bis ich sie wieder gefunden hatte. Zielstrebig steuerte ich auf die Veranstaltungshalle zu, wo das große Ereignis stattfinden sollte. Eine Viertelstunde später fand ich mich dann in einem großen Saal wieder, inmitten von Menschen, deren Blick erwartungsvoll auf ein Podest gerichtet war, das weiter unten auf der breiten Bühne aufgebaut den Mittelpunkt markierte. Sie warteten … und ich wartete mir ihnen, doch nicht wie früher so oft auf die rettende Hand der Gottheit, auf den „Deus ex machina“, sondern auf eine Gestalt aus Fleisch und Blut, auf einen Heros der Neuzeit und auf einen Charakter, der meinen Glauben an das Humanum bestärkt und mein Hoffen auf Wunder intensiviert hatte.
Neben mir ein bekanntes Gesicht - Michael, ein befreundeter Ökologe aus Bad Mergentheim, der als Umweltaktivist über einen Naturschutzverband die Einladungen zu der anstehenden Ehrung erhalten hatte. Nur galt die Ehrung nicht ihm, noch dem Erzengel mit dem Flammenschwert. Geehrt werden sollte „hier und jetzt“ der wohl bekannteste Namensvetter der Neuzeit - der andere Michael, jene politische Persönlichkeit von Weltformat, die seit Jahren nicht nur die Deutschen in den Bann geschlagen hatte - Michael Gorbatschow!
Eigentlich stand er seit seinem etwas ruhmlosen Abgang nicht mehr ganz so oft im Rampenlicht. Jelzin, der spätere Präsident des wie Phönix neu aus der Asche der Geschichte emporgestiegenen Russland, hatte ihn gedemütigt und entthront, indem er ihm Russland aus der Sowjetunion entführte. Ein Kaiser ohne Imperium war Michael Gorbatschow, als er ruhmlos abtreten musste wie schon andere Cäsaren vor ihm. Und trotzdem! Im Bewusstsein der Menschen blieb er präsent - als welthistorische Größe, die die Rosenspur der Neunten ermöglicht hatte. Zumindest in meinem Bewusstsein war dies so. Ein Zufall? Während des Wartens versuchte ich zurückzudenken und Gorbatschow in die lange Reihe der Führungspersönlichkeiten einzureihen, die das Gesicht der Sowjetunion seit den Tagen der Oktoberrevolution bestimmt hatten. Lenin, Stalin … Gorbatschow! Wo stand er in der Hierarchie? Er, der erste unter den Namen, der mir beim Aussprechen keinen Schrecken einjagte?


Russische und sowjetische Staatschefs im 20. Jahrhundert.

Die „Matroschka“ - sowjetische Geschichte im Zeitraffer


Entzündet an einem Reisesouvenir aus Moskau, hatte ich mich gerade erst vor wenigen Tagen mit dieser überragenden Persönlichkeit der Zeitgeschichte beschäftigt und, ein naives Abbild in den Händen haltend, über Gorbatschows Rolle in der Geschichte nachgedacht. Während eines Mittagmahls bei guten Freunden in Wachbach war mir ein originelles Mitbringsel aus Russland aufgefallen, ein Volkskunstwerk aus dem neuen, vielfach veränderten Russland. Es war eine Matroschka, im Westen auch als Babuschka bekannt - ein enigmatisches Präsent, das eines ist und auch keines ist, weil es bei näherem Erkunden in immer kleinere Gestaltungen zerfällt wie die Ringe einer Zwiebel in der schälenden Hand. Ideen kommen auf und verfliegen mit jedem neuen Bild. Vielleicht, um auf diese heiter amüsante Weise eine philosophisch tiefsinnige Botschaft zu vermitteln als leiser Hinweis auf die Vergänglichkeit der Dinge, die da nur flüchtig sind, um zu verkümmern und bald im Nichts zu entschwinden, je mehr man sich Kern und Wesenheit nähert.
Nur verkörperte jene Babuschka in meinem Händen nicht wie gewöhnlich eine altrussische Puppenmatrone im Bauerngewand, sondern, die identitätsbestimmende Tradition krass parodierend, eine politische Variation. Auf jeder Hülle erschien das Konterfei eines Führers der einst „glorreichen Sowjetunion“, beginnend mit dem Revolutionär Lenin bis in die neueste Zeit mit Präsident Vladimir Putin als Endpunkt. Putin, der neue starke Mann Moskaus auch heute noch, von dem sogar zu befürchten ist, dass er das Rad der Geschichte noch einmal zurückdrehen könnte, als Winzling! War das kein Sakrileg? Oder verwies die frivole Parodie auf die neue Freiheit hinter den Kremlmauern?


Putin- der starke Mann in Russland.


Als ich das grell bemalte Riesenei aus leichtem Ahornholz zu entpacken begann und angestrengt mit etwas Geschick die naiv bemalten Weichholzschalen staunend auseinandernahm, fühlte ich mich in eine Zeitmaschine versetzt, die mich rasend schnell ein Jahrhundert zurückkatapultierte, hinein in die Zeit der Oktoberrevolution, wo der Winterpalast gestürmt und alle Romanows bald danach unmenschlich exekutiert worden waren; schon fühlte ich mich zurück- und hinein versetzt in das postzaristische Russland Lenins, Trotzkis und Stalins, wo einst eine für viele Millionen Osteuropäer verhängnisvolle Entwicklung ihren Anfang genommen hatte.
Indem es Lenin nach Russland lotste und den bolschewistischen Aufruhr mit substanziellen Geldmitteln stützte, hatte das Deutsche Reich als Geburtshelfer einer neuen Ära mitgewirkt. Unbeabsichtigt hatte es dabei mitgeholfen, die Weltanschauung des Kommunismus für viele Jahrzehnte zu instaurieren, kurz bevor es selbst an sozialistischem Streben und kommunistischen Umtrieben zerbrach. Es quietschte beim Drehen der Eierschalen aus Lindenholz. Und jeder Schauerton brachte neue Gesichter hervor - neue Physiognomien mit neuen Bildern und hundert Assoziationen.
Es war ein Ausflug in die „Geschichte der Sowjetunion“ im Zeitraffertempo, was sich mir darbot: rote Geschichte, blutrote und blutige Geschichte: Den Anfang als dickstes Ei machte „Lenin“, der Ahnherr und Begründer der Sowjetunion und ihr unbestrittenes ideologisches Haupt, Vorbild für Generationen bis zum Fall des Weltreiches in jüngster Zeit! Er bildete übergroß und mächtig die äußere Hülle des synthetischen Zwiebelrings. Sein Schädel hatte die Größe eines Straußeneis.


Lenin - geschrumpft ...
wie die Ideogie des Welt-Kommunismus.


In Wladimir Iljitschs hohlem Bauch folgte dann, immer noch gewaltig erhaben als Ei eines Aasgeiers, die eigentliche Ausgeburt der bolschewistischen Revolution: der Menschheitsverbrecher avant la lettre „Stalin“. Die Fratze des Stählernen ließ mich zurückschrecken - als Albtraum: „Väterchen Stalin“, bei dessen erlösendem Tod Millionen weinten, war ein zynischer Tyrann übelster Ausprägung, ein Diktator ohne Erbarmen, der unter den hundert Völkern der Sowjetunion noch schlimmer gewütet hatte als außerhalb der Staatsgrenzen im Krieg. Es war das schnauzbärtige Zerrbild des Bösen als Gesicht eines Diktators, der nur noch mit einem „Untermenschen der Menschheitsgeschichte“ verglichen werden kann, mit einem Wahldeutschen, dessen Name in den Ohren ganzer Völker so schrecklich klingt wie alles, was mit Stalinismus assoziiert wird, in den eigenen. Wer war der größere Verbrecher: Hitler oder Stalin? Eine Frage der Perspektive, auch aus historischer Sicht? Die gesamte Biografie dieses menschlichen Zerrbildes war eine Verbrechergeschichte - von Anfang an. Und der „Terror“, den er verbreitete, selbst im Kreis seiner engsten Angehörigen war schlimmer als die Angst vor dem Tod.


Stalin
Vaterländischer Held und Menschheitsverbrecher!?

Aus sicherer Distanz heraus setzte ich die Entblätterung fort. Dem Stählernen folgte die rein physisch imponierende Puppe eines Apparatschiks mit freundlichem Gesicht. Es war der immerhin schon weitaus liberalere Chruschtschow, der ungeachtet uneingeschränkter Parteiloyalität trotzdem den Mut aufbrachte, die vielfachen Verbrechen Stalins offen zu legen, eine Vergangenheitsbewältigung anzuregen und den Entstalinisierungsprozess einzuleiten. Chruschtschow, ein agrarischer Mensch, der dem Bauer und dem Rindvieh näher stand als orthodoxer Marxistendoktrin, hatte eingesehen, dass eine Weiterentwicklung der Sowjetunion nur nach Überwindung des stalinistischen Systems durch breite gesellschaftliche Reformen erreichbar ist. Ideologisch zwar weniger verbohrt als seine Vorgänger und nach wie vor schnöder Machtpolitiker des Kalten Krieges brachte er die Welt an den Rand eines alles vernichtenden Atomkriegs. Doch durch ihn wurde auch das „Phänomen Solschenizyn“ möglich - und mit dessen Wirken eine Welle der Aufklärung über die Welt des Kommunismus hinter dem Eisernen Vorhang, ein erster Anflug von Glasnost und Perestroika. Ahnten meine Gastgeber, was in meinem Kopf vorging, im Schädel eines Entsprungenen? Wohl kaum! Wer die Heilslehre des Kommunismus nicht auf eigener Haut erlebt hat, der kann auch nicht wissen, was der Kommunismus wirklich war. Sowjetischer Imperialismus und osteuropäische Geschichte sind für viele Menschen des Westens unbekannte, siebenfach versiegelte Themen.

Chruschtschow - Njet oder Da?

Das bemalte Lindenholz wurde leichter.
Die nächste Enthüllung förderte Leonid Breschnew an das Licht der Welt, einen behäbigen Partei- und Staatschef, der als kühler Machtzyniker alten Schlages in die Geschichte einging. Er stand für den Status quo im Ostblock, für das lodernde Prag und für einen auf Ewigkeiten zementierten Weltkommunismus. Stets hatte ich in ihm nur ein lebendes Fossil gesehen, eine Mumie, deren mentale Trägheit und Unbeweglichkeit für die Kontinuität der Unterdrückung im gesamten Ostblock verantwortlich war. Er war der gnadenlose Puppenspieler, der die Marionetten tanzen ließ, Ceauşescu und Honecker, Gierek, Husak, Kadar und Schivkov - alle nach seiner Façon! Panzer und brennende Märtyrer - das war sein Vermächtnis!


Leonid Breschnew

An meinen Augen huschten noch einige Schreckensgesichter vorbei, Führer der Sowjetunion, doch Figuren des Übergangs wie der einstige KGB-Chef Andropow und der Parteisoldat Tschernenko. Ihre Namen waren so blass wie ihre Taten. Kaum einer erinnert sich noch ihrer flüchtigen Erscheinung.
Tschernenko

Erst spät in der Zeitordnung immer deutlicher zusammenschrumpfender Puppenfiguren erschien als Kulminationspunkt dieses Ritus der Enthüllungen der Mann mit dem Stigma am Haupt, der Gezeichnete, an dem mein Blick viel länger haften blieb. Der Auserwählte? Es war die einzige Ikone mit humanem Antlitz: „Michael Gorbatschow“.


Michael Gorbatschow und die Tradition

Nur war er in jener Puppen-Ordnung bereits winzig ausgefallen, verschwindend klein, zum Taubenei reduziert, zum Friedenstauben-Ei und kaum noch zu unterscheiden von den ihm nachfolgenden Jelzin und Putin.
Was hatten die von seiner wahren Größe?
Nichts!
Boris Jelzin


Boris Jelzin, der Restaurator Russlands, der alten Macht als Reich der politischen und wirtschaftlichen Ohnmacht, schien als schmächtiger Schrumpfkopf durchaus seinem „historischen Wert“ zu entsprechen. Wenn ich an ihn dachte, sah ich das Bild einer angeheiterten, sinnenfreudigen Barockgestalt, die unter den Augen eines lachenden Bill Clinton dionysisch enthemmt auftanzt und nach dem Ewig Weiblichen greift, statt nach den Sternen.
Doch ich erinnerte mich auch des überzeugten Halbdemokraten, der irgendwann einmal auch wahre Größe gezeigt hatte, in einer glücklichen Stunde der Geschichte, als er mutig antrat und vom Panzer aus von idealistischen Antrieben bestimmt zum Widerstand gegen totalitäre Restaurationsbestrebungen aufrief, während sein Ziehsohn Putin, der unbemerkt die Stalin-Statuen ausgraben und aufs Podest stellen ließ, mir künftige Rätsel aufgab. Als „Mann des alten Systems“ und der KGB-Ordnung stützte er mit Geld und Macht den Stall, aus dem er kam, den Geheimdienst, das mächtige Militär dahinter, die eigenen Familien und ein Heer von neuen Oligarchen, während die große arme Menge applaudieren durfte wie eh und je.
Alle Ikonen russischer Neuzeit standen bald vor mir in Reih und Glied auf dem weißen Tischtuch als makabre „Geschichte der Sowjetunion“ von Alpha bis Omega. Doch mich faszinierte nur eine Puppe: die mit dem Zeichen!
War er der Auserwählte? Der von Gott Gesandte, der Retter? Michael – nomen est omen, auch in diesem Fall? Lange betrachtete ich die Gestalt in der merkwürdigen Ordnung, die die Werte verschob. Eine Ironie der Geschichte?
Gorbatschow als Endpunkt? Oder stand er für einen neuen Anfang, für ein demokratisches Russland und für ein Entlassen der Völker in die Souveränität und Freiheit? Manche, die den Untergang der großen Sowjetunion bedauerten, waren anderer Meinung.


Ein Gezeichneter - Gorbatschow.


Wer zu „Späth“ kommt, den bestraft kein Leben!


Jetzt, im Saal, in der Erwartung der historischen Ausnahmepersönlichkeit, waren die Reflexionen wieder präsent. Etwas unruhig sah mich um. Der Einklang freudiger Erwartung bestimmte die Menschen im Saal. Viele der Anwesenden hatten die gerade erst abgelaufenen Entwicklungen noch nicht vergessen. Die Emotionen waren noch wach und drängten sich wieder auf. Der Fall der Mauer – das Ende des Reiches des Bösen. Sie alle hatten die Abläufe der Wiedervereinigung erlebt, auf ihre Weise, mit deutschen Augen und mit deutschem Herzen erfühlt. Und weil es Deutsche waren, interpretierten sie auch den Lauf der Geschichte, die ihnen die nationale Einheit wieder schenkte, nicht nur rational, vielmehr aus dem Gefühl heraus. Plötzlich wurde es still im Festsaal.
Unten, vor den Augen der Menge, betrat Michail Gorbatschow die Bühne. Frei und souverän als große Gestalt der modernsten Weltgeschichte.
Nach Hegel und Nietzsche bestimmten die großen historischen Individuen den Lauf der Weltgeschichte - die Cesare Borgias der Neuzeit, die Napoleons … War Michael Gorbatschow einer von ihnen? Oder entsprach er doch eher dem Typus des großen Humanisten nach dem Renaissancemenschen, der aus tieferen ideellen Beweggründen wirkt und schafft?
Freundlich in die Menge lächelnd und gewandt schritt er über die Bühne zum Podest hin, wo er nach erfolgter Laudatio auch zu den Menschen sprechen sollte. Doch wer würdigte seine Verdienste hier und heute? Späth, Lothar Späth? Einer, der diesmal nicht zu spät kam und dafür auch nicht vom Leben bestraft wurde? Fast hätte ich ihn vergessen, denn neben Gorbatschow wirkte der oft gut gelaunte und witzige Ministerpräsident der Badener und Schwaben außer Dienst, den ich sonst sehr schätzte, so nebensächlich und fast trivial!
Gorbatschow bestach und war so bescheiden und menschlich wie immer. Einige seiner tieferen Züge, die auf ihre Weise mein Schreckensbild des Russen korrigierten, hatten mich immer schon berührt. Sie hatte ihn mir, den seinerzeit mächtigsten Mann des kommunistischen Weltreiches, in unbestimmter Erinnerung an den eigenen Vater, intuitiv sympathisch erscheinen lassen, von Anfang an, bereits zu einem Zeitpunkt, als andere in ihm noch den „cleveren“ Public Relations-Künstler sahen, ihn gar in die Nähe des NS-Demagogen Joseph Goebbels rückten.
Mit dem Herzen sehen, ihn über die eigene Wesenheit zu erfassen, das schien mir bei Michael Gorbatschow der wahre Weg zu sein. Gorbatschow war mir einst im Traum erschienen, gleich nach seinem Antritt als Lenker des Sowjetreiches, wohl als Projektion eigener Erwartungen - als herbeigewünschter messianischer Hoffnungsträger, als positive Rettergestalt, als weißer Ritter, voller Zuversicht, in fernster Erinnerung an den triumphierenden Erzengel Michael, der sich über die Bestie erhebt, zu dem ich oft als junger Ministrant in der Dorfkirche hochgesehen hatte, wenn ich frühmorgens auf Knien die Litanei absolvierte. Das Humane seines Wesens erwuchs aus dem Gesicht, dessen milder, Vertrauen schaffender Ausdruck die künftigen politischen Handlungen schon vorwegzunehmen schien. Und jetzt stand dieser Hoffnungsträger, an dem zeitweise das Schicksal Europas, ja selbst der Welt hing, als später Triumphator vor uns.
Michael, mein Begleiter neben mir, strahlte - auch ich war tief erregt. Die Macht des Augenblicks nahm alle ein. Manch ein Anwesender aus Ludwigsburg und der Region um Stuttgart hätte das Idol gerne umarmt, nicht nur Frauen, und ihm, dem Russen, die Hände geschüttelt. Die alte Völkerfeindschaft zweier Weltkriege schien für alle Zeiten vergessen und aufgelöst. Es war wie eine freie „Unio mystica“ der Masse mit einer Idee - ein Zusammenfall der Gegensätze, eine „Coincidentia Oppositorum“ lange getrennter Welten. Enthusiasmus lag in der Luft - unmittelbare Begeisterung.


Vom Zar zu Putin.

Sprache der Herzen


Die Menge applaudierte, als er seine Appelle vortrug und zu den Menschen sprach, spontan und natürlich - aus dem Herzen. Sein Ruhm war ihm vorausgeeilt wie seine Taten, die diesen begründeten. Es war ein cäsarisches Auftreten im freundschaftlichen Forum. Michael Gorbatschow hatte schon gesiegt und gewonnen, bevor er gekommen war. Jetzt ging es nur noch um das Ernten der reifen Früchte, um den späten Lorbeer, der ihm hier - wie überall im wiedervereinten Deutschland - zufiel, während ihm der Dank der Heimat versagt blieb.
Hier im liberalen Südwesten war er wirklich willkommen. Seine entspannte und erfüllte Mimik verriet es, dass er dies auch fühlte. Hier, in Deutschland, war er zwar nicht daheim, doch zumindest in einer Wahlheimat und unter Menschen, die ihm zugetan waren. Wieder warf ich meinem Begleiter Michael einen nach Bestätigung der eigenen Gefühle zielenden Blick zu, ohne dabei weiter an die Namenskoinzidenz zu denken oder an die mythische Rettergestalt der Bibel. Michaels gütiges Gesicht strahlte vor heller Begeisterung, ohne sich im Ausdruck von anderen entzückten Gesichtern abzuheben; ob jung oder alt - die unmittelbare Freude war greifbar. Es war ein kurzes Aufleuchten der Humanität in einer immer noch schwer verfahrenen, wenn auch schon besser gewordenen Welt. Eine natürliche Begeisterung erfüllte den Saal, in dem eigentlich nichts ablief, in dem sich nichts ereignete als ein „Akt des Bestaunens“ und des „Staunens über den Gang der Geschichte“, deren Fortgang nicht nur von Ideen bewegt wird, sondern auch vom Gefühl für das Richtige zum richtigen Zeitpunkt aus dem Geist des Humanum.
Die ganze Gestimmtheit des Raumes wurde nur von einer Person getragen, von einer weltgeschichtlichen Größe, die mit der gleichen Natürlichkeit in die deutsche Provinzstadt gekommen war, wie sie den heimatlichen Kaukasus bereiste. Gorbatschow, ein Ausstrahlungsphänomen an sich, wirkte durch die bloße Präsenz. Ein Nimbus war da, der nicht gesehen, doch gefühlt wurde. Die Herzlichkeit der Menschen verwies darauf.
Vielleicht hätte Hegel beim Anblick der Menschen in diesen Hallen das Walten des Weltgeistes vermutet und Kant den Wink von den Sternen auf den ewigen Frieden. Für Augenblicke schienen sich göttlicher Weltwille und Individualwille zu durchströmen zu einem harmonischen Ganzen, aus welchem das Böse gebannt war. Eine Illusion? Die Menschen hielten den Atem an - überall gelöste Spannung. Etwas vom Hauch der großen Geschichte durchwehte den Saal und erfüllte für kurze Zeit die ehemalige Residenzstadt, die schon manche gekrönte Häupter gesehen hatte, selbst Tyrannen und heimische Sklavenhändler.
Als der Ritus der Ehrung vollzogen war, löste sich die allgegenwärtige Spannung in stürmischen Ovationen - wie nach einer großen Operngala. Die Menschen klatschten rauschenden Beifall und tobten teilweise vor Verzückung - und dies lange Jahre nach Gorbatschows relativ glanzlosem Abtritt. Sie würdigten damit auf ihre Weise die Tat einer Persönlichkeit, die der Weltgeschichte einen neuen Lauf gegeben hatte. Immer noch beeindruckt und gebannt von der besonderen Stimmung im Saal überflog ich die Menge und musterte intuitiv die aufgehellten Gesichter - es waren überwiegend schwäbische, deutsche Gesichter. Und was ich erkennen konnte, das war Dankbarkeit; reinste, innigste Dankbarkeit.
Die Menschen um mich herum, junge und alte Leute, bunt gemischt, mit Videokameras und Fotoapparaten ausgestattet, beeilten sich, den „Nachklang der Weltgeschichte“ für immer einzufangen, das hautnahe Erleben eines besonderen Menschen, der das Gesicht der Welt zum Positiven hin nachhaltig verändert hatte. Sie blickten auf einen leicht gerührten, immer noch sehr menschlichen, ehemaligen Staatschef der Sowjetunion, auf einen Charakter aus einer Welt, die Präsident Reagan als das Reich des Bösen bezeichnet hatte.
Und sie sahen Bilder: Vielleicht sahen sie vor ihrem geistigen Auge, wie der Stacheldraht durchschnitten wurde, wie Grenzen durchlässig wurden - und sie erlebten vielleicht in innerer Sicht, wie Steine wankten und wie die Mauer fiel; und sie fühlten, wie die große Freiheit, getragen von beethovenscher Musik, sich ihren Weg bahnt: „Freiheit schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium“ … Friedrich Schiller, der Sohn aus dem kleinen Marbach am Neckar gleich um die Ecke, hatte in Worten verdichtet, was Beethoven inspirierte, lange nachdem Schiller der unfreien Karlsschule entflohen war. Dieser humanistische Geist großer Individuen wirkte hier - Gut und Böse in Versöhnung erlösend.
Weltgeschichtliche Ereignisse wurden für Sekunden zurückgeholt und erfüllten die Herzen der Menschen. Viele waren gerührt - auch ich, ein Abgebrühter, dessen Tränensäcke fast schon ausgetrocknet waren. Schließlich gehörte ich mit zu jenen, deren Ideal sich erfüllt hatte, zu jenen, die die Freiheit schauen durften, auch das Gelobte Land, das andere Eden, die es betreten und genießen durften über die allseits präsente Freiheit. Das war eine späte Satisfaktion der Geschichte - eine Genugtuung der menschlichen Existenz: das Realität gewordene Humanum.
Der ehemalige Staats- und Parteichef der bereits aufgelösten und in viele Einzelstaaten zerfallenen Sowjetunion Michael Gorbatschow war als Haupt seiner Stiftung nach Ludwigsburg gekommen, um für diese einen Preis, eine Ehrung, entgegen zu nehmen. Er kam für das „Grüne Kreuz“, das er als ökologische Initiative alternativ zum „Roten Kreuz“ begründet hatte, um den Menschen zu signalisieren, dass unsere gesamte Welt noch viel mehr Mitverantwortung für unsere lebenswichtige Natur und Umwelt nötig hat. Diese Initiative sah er ganz in der Tradition der gesamtpolitischen Verantwortung für die Welt, die ihm einst als Staatsmann wichtig war; und die ihn bewogen hatte, so zu handeln, wie er handelte, indem er für die Sache der Freiheit eintrat und sie in seinem Einflussbereich ermöglichte. Das Grüne Kreuz, dessen Symbolik bei mir so manche Assoziationen wachrief, fand den höflichen Beifall der schon lange ökologisch sensibilisierten Menschen - doch ihre eigentliche Begeisterung galt dem großen Staatsmann, der als Apologet und Vollender politischer Freiheit in die Weltgeschichte eingehen wird.

Die Zeit der Chamäleons ist angebrochen - aus frommen Kommunisten wurden orthodoxe Kapitalisten.

P.S. Die oben beschriebene "Matroschka" war nicht mehr aufzufinden - inzwischen gehen die Uhren anders in Russland - doch die Russen haben ihren Humor bewahrt.

Text: Auszug aus meinem Werk (demnächst in Druck) : Carl Gibson, Allein in der Revolte.

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