Montag, 15. Mai 2017

Girolamo Savonarola – Der melancholische Reformator vor der Reformation. Gesamt-Kapitel: Girolamo Savonarola, Leseprobe aus: Carl Gibson, Koryphäen der Einsamkeit und Melancholie in Philosophie und Dichtung aus Antike, Renaissance und Moderne, von Ovid und Seneca zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche.


Leseprobe aus:

Carl Gibson, Koryphäen der Einsamkeit und Melancholie in Philosophie und Dichtung aus Antike, Renaissance und Moderne, von Ovid und Seneca zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche.



8. Girolamo Savonarola – Der melancholische Reformator vor der Reformation.

 Bild 5.
Savonarola,
Teil eines Reformatoren-Denkmals in Worm am Rhein

Am 23. Mai 1598 wurde Girolamo Savonarola im Zentrum von Florenz gehängt und dann auf dem Scheiterhaufen verbrannt, nachdem er mehrere Tage auf brutalste Weise gefoltert worden war, ohne zu gestehen oder zu widerrufen. Aus der Sicht seiner Henker, des dekadenten, machtblinden wie inkompetenten Borgia Papstes Alexander VI. und seiner Handlanger, war der große Reformator der Christenheit ein Herätiker und Schismatiker, nicht anders als, um nur einige illustre Namen zu nennen, der vom Papst gebannte, große deutsche Mystiker Meister Eckhart Jahrhunderte vor ihm oder Giordano Bruno, ebenfalls auf einem italienischen Scheiterhaufen im Feuer endend, bald nach ihm.

Heute ist gewiss, was schon damals zu vermuten war: Die Exekution Savonarolas war ein eiskalter Justizmord im Geiste der Inquisition. Das Todesurteil stand bereits fest, lange bevor die Anschuldigungen und Ketzerei-Vorwürfe überhaupt geprüft worden waren. Es war eine gezielte Hinrichtung, die aus klerikalen wie machtpolitischen Gründen herbeigeführt und forciert wurde.

Doch wer war Hieronymus Savonarola, dieser einsame Asket und melancholische Charakter, wirklich? Die Meinungen über die - mehr von charismatischer Sendung als von blindem Fanatismus erfüllte - Persönlichkeit, die Königen trotzte, geniale Geister der Zeit in ihren Bann zog, unter ihnen geniale Naturen wie Michelangelo, Sandro Botticelli oder Giovanni Pico della Mirandola, über den visionären Reformator vor Luther, der dem Papsttum den moralischen Krieg erklärt hatte, sind nach wie vor kontrovers und klaffen, je nach weltanschaulichen Standpunkt und Lager, weit auseinander.

Für einzelne Betrachter ist Savonarola schon aus ideologischen Gründen ein wild gewordener, lebensfeindlicher Dominikaner, ein obskurer Prediger des Untergangs, ein falscher Prophet und Scharlatan, der den humanistischen, kunstgetränkten Geist der Renaissance zugunsten eines primitiven Urchristentums abwürgen und im lichten Florenz eine Theokratie, einen obskuren Gottesstaat, errichten wollte. Für andere Interpreten hingegen repräsentiert er den großen Nachfahren von Jan Hus. Seinen Befürwortern und geistigen Gefolgsleuten gilt er durch die Jahrhunderte hindurch als geistiger Erneuerer und Wegbereiter des Protestantismus, als Präreformator der christlichen Kirche schlechthin, als zielstrebiger, glaubwürdiger Vorläufer Luthers und Calvins, kurz, als der überzeugte, innerlich wahrhaftige Christ. Das alles betrifft die religiös ausgerichtete Wertung. Ferner sieht man in Savonarola aber auch den Sozialreformer, den politischen Visionär und frühen „Einiger Italiens“. Von Martin Luther selbst stammt ein Ausspruch, er verehre Savonarola wie einen Heiligen.

Das schon zu Lebzeiten des polarisierenden Präreformators mit Diskreditierungsabsicht in die Welt gesetzte und rücksichtslos verbreitete pejorative Savonarola-Bild hat hauptsächlich weltanschauliche Ursachen. Es variiert und polarisiert auch heute noch je nach eingenommener Perspektive. Andererseits beruht die Negativ-Einschätzung dieser historischen Persönlichkeit von Rang auf Unkenntnis des spärlich bekannten und nur in geringem Umfang ins Deutsche übertragenen Werkes. Komplexe historische Zusammenhänge sowie eine übersteigerte Ästhetisierung der Renaissance-Epoche verfälschen eine objektive Einschätzung dieser besonderen Gestalt der Theologie ebenso. Ein markantes Beispiel für Savonarolas Abwertung liefert - der bekanntlich zum gesamten Christentum auf Distanz gehende - Goethe an jener Stelle, an welcher er auf das Gespräch zwischen Savonarola und dem sterbenden Lorenzo de’ Medici, dem Prächtigen, zu sprechen kommt. Der große deutsche Heide und leidenschaftliche Bewunderer der Renaissancekunst ergreift dabei eindeutig Partei und schlägt sich auf die Seite des freigeistigen Kunstförderers Lorenzo de’ Medici, ohne tiefer nach zeitspezifischen, sozialen und politischen Implikationen zu fragen und ohne zu bedenken, dass der gleiche bewunderte Freigeist und Kunstmäzen, zugleich auch ein machtpolitisch orientierter Despot war, ein Fürst, der die von Savonarola promulgierten und instaurierten republikanischen Verhältnisse in Florenz aus familiären und machtpolitischen Erwägungen ablehnen musste. In seiner idealisierenden Würdigung der Renaissance-Epoche in Geist und Kunst, betont ein antiklerikal gestimmter Goethe etwas entrüstet: „Diesem großen, schönen, heiteren Leben setzt sich ein fratzenhaftes, phantastisches Ungeheuer, der Mönch Savonarola, undankbar, störrisch, fürchterlich entgegen und trübt pfäffisch ein die dem mediceischen Haus erbliche Heiterkeit der Todesstunde.“

Goethe orientiert sich in dieser eindeutig überspitzt polemischen Charakterisierung an der Überlieferung des Pico della Mirandola, deren Glaubwürdigkeit – bei allem Respekt vor Picos charakterlicher Integrität – doch nicht selten angezweifelt wird. Pico, ein viel bewunderter Philosoph der Zeit und prominentes Mitglied der platonischen Akademie in Florenz, jüngerer Freund Lorenzos und später überzeugter Anhänger Savonarolas, berichtet: Savonarola, auf Wunsch des Fürsten an dessen Sterbebett gerufen, soll für die Erteilung der Absolution folgende Bedingungen gestellt haben: „Erstens müsst Ihr bereuen und wahre Zuversicht in Gottes Gnade empfinden.“ Lorenzo stimmte zu. „Zweitens müsst Ihr Euren auf üblem Weg errungenen Reichtum aufgeben.“ Darüber dachte der Fürst zunächst nach, stimmte dann aber zu. Schließlich soll Savonarolas letzte Forderung in dem Satz kulminiert haben: „Drittens müsst Ihr dieser Stadt die Freiheit wiedergeben.“ Der Prächtige soll sich daraufhin enttäuscht abgewandt haben und ohne Absolution gestorben sein.

Der Spätromantiker und kritische Katholik Nikolaus Lenau folgt in seinem – in der Habsburger-Monarchie als zeit-, religions- und systemkritisch empfundenen – „Savonarola“-Epos ähnlichen, vielleicht auch identischen Quellen. Sein Savonarola fordert von Lorenzo, der aus der Sicht des historischen Savonarola, trotz aller Milde und Philanthropie, doch auch den Typus des Despoten, ja Tyrannen, verkörpert:

„Lorenzo! gib die Freiheit wieder,
Der Republik ihr altes Recht,
Das uns gekämpft, geschmeichelt nieder
Dein übermüthiges Geschlecht!“

Auch im Epos Lenaus wird der an sich unmoralische, ja machiavellistische Versuch des Savonarola, das Einführen demokratischer Strukturen und politischer Freiheiten von der Erteilung christlicher Sakramente[1] abhängig zu machen, scheitern. Lorenzo wird ohne Segen sterben.

Angelo Poliziano, der Humanist, Poet und Erzieher von Lorenzos Kindern hingegen, hat eine andere Sterbesituation übermittelt. Nach Polizianos Testimonium soll Lorenzo ein Festhalten am Glauben, Besserung und mutige Todesbereitschaft zugesagt haben. Daraufhin soll er im gemeinsamen Gebet mit Savonarola und mit dessen Segen von dieser Welt geschieden sein.

Was ist Mythos, was entspricht der historischen Wahrheit? Fakt ist: Der Prächtige hat den lauteren Bußprediger nicht nur Jahre lang in seinem Machtbereich geduldet, er hat ihn sogar geschätzt. Nach einer überlieferten Aussage von Lorenzo de’ Medici, will er selbst in Savonarola den einzig wahren Mönch erkannt haben, dem er im Leben begegnet sei.

Wird zudem bedacht, dass weitere Geistesgrößen der Renaissance, namentlich Michelangelo, Botticelli, Pico und andere herausgehobene Persönlichkeiten aus Kunst, Philosophie und Dichtung der gleichen Faszination - des auch existenziell überzeugenden - Altruisten erlagen, dann erscheint Lorenzos Beurteilung durchaus plausibel. Daraus spricht ferner eine hohe Wertschätzung des einfachen Geistlichen, der, nachdem er schon einige Jahre in einem florentinischen Kloster verbracht hatte, auf Pico della Mirandolas Intervention hin sich endgültig für ein Bleiben in Florenz entschied.
Savonarolas Wirken als charismatischer Prior von San Marco, ja sein Wirken in Florenz überhaupt, wäre ohne ein gewisses Wohlwollen Lorenzos auch nie möglich gewesen. Lorenzo zog es vor, ihn wohlwollend zu dulden, obwohl es auch viele Gründe gegeben hätte, den aufrührerischen Mönch Savonarola aus den Mauern der Stadt zu vertreiben.





[1] Auch heute noch, lange nach Epikur und Savonarola, ist das Versagen oder Spenden der Sakramente ein probates Mittel der Kirche, die verängstigten Schäflein der Christenheit zusammenzuhalten.






8.1. Gott geweihtes Leben in stiller Einkehr und früher Protest aus der Klosterzelle. 


Savonarola, 1452 in der bedeutenden norditalienischen Stadt Ferrara geboren, war der zweite dieses Namens, der die Italiener aufhören ließ. Bereits sein Großvater, Michael Savonarola, war ein in humanistischen Kreisen Europas bekannter Arzt und gern zitierter Schriftsteller. Als guter Kenner der Antike vermittelte dieser dem Enkel, auf dessen besondere Begabungen er früh aufmerksam geworden war, die lateinische Grammatik. Als konsequenter Christ weckte er in ihm auch einen Sinn für innere Werte, für religiöse Innerlichkeit, Moralität und Wahrhaftigkeit.

Reformatorische Bestrebungen im politischen wie religiösen Bereich waren prägende Kennzeichen der Zeit. Bereits Michael Savonarola soll die Kleriker jener Tage ermahnt haben, von der allgegenwärtigen Heuchelei Abstand zu nehmen. Stattdessen sollten die Wasserprediger und Weintrinker den Gläubigen jene Wertvorstellungen vorleben, die sie von der hohen Kanzel herab der breiten Masse vorpredigten. Damit war ein geistlich-geistiges Erneuerungsprogramm wesentlich vorgezeichnet, jene Botschaft, die Enkel Girolamo Savonarola zum Lebensinhalt erheben sollte: Die Reformation der katholischen Kirche in Rückbesinnung auf die eigentlichen Werte des Christentums.

Nachdem Girolamo Savonarola die Ausbildung der sieben freien Künste abgeschlossen hatte, verließ er das wohlbehütete elterliche Umfeld in Ferrara und suchte, ohne seine Eltern von seinen Plänen unterrichtet zu haben, den Weg in die mönchische Einsamkeit, das Leben in der Abgeschiedenheit. Mit der Aufnahme in einem Dominikanerkloster in Bologna, verbunden mit der Hoffnung, auf diese Weise seinen eigenen Weg unabhängig gehen zu können, entschied sich der Novize, fern von gesellschaftspolitischen Ambitionen, zunächst nur für das Gott geweihte Leben in stiller Einkehr.




8. 2. Zeitkritik und Fragen der Moral in „Weltflucht“ und „De ruina mundi“- Vom Verderben der Welt.


Wie aus späteren Briefen an die Eltern hervorgeht, strebte der junge Savonarola bewusst ein weltabgewandtes, einsames Leben in der Klosterzelle an, um über Meditation und Gebet zur seelischen und geistigen Besinnung zu finden. Als Erklärungsversuch seiner Antriebe ließ er dem Vater ein Manuskript zukommen. Es trägt die bezeichnende Überschrift Weltflucht“ und dürfte - bis zu einem gewissen Grad - von Petrarcas gleich lautendem Werk inspiriert sein. Doch anders als Petrarca, der, wie weiter oben erörtert, seinen Weg zur Wahrheit primär in der philosophischen und künstlerisch-poetischen Auseinandersetzung sucht, konzentriert sich der junge Savonarola, dem Dichten und Philosophieren noch nicht ganz abgeneigt, vor allem auf die Weisheiten und Lösungsansätze der Bibel, speziell auf das Neue Testament sowie auf die - für sein Bewusstsein, Selbstverständnis, Haltung und Auftreten wichtigen, ja maßgebenden - Bücher alttestamentarischer Propheten.
Weltflucht, das war für Savonarola, dem - wie seinen Vorbildern Dante und Petrarca - ein Hang zur Melancholie nachgesagt wird, ein entschlossenes Eintauchen, ja Abtauchen in die Abgeschiedenheit und Einsamkeit, ein asketisches Leben in der kargen Zelle eines Mönchs bis hin zum gottgewollten Märtyrertod.
Vertiefte Bibelstudien prägen diese monastische Lebensphase, ferner Exegese und Meditation über Bibelsentenzen. Nahezu alle seine Erkenntnisse bezog Savonarola aus seinen - bis hinein in die mystische Versenkung - gesteigerten Auseinandersetzungen mit der Heiligen Schrift. Aus Botschaften reiften Gewissheiten heran, die dann an der bestehenden Realität in der Gesellschaft überprüft werden sollten.
Was war vom wahren Geist des Christentums, wie er aus der Bibel sprach, in der Zeit des Borgia-Clans, der Mediceer und anderer Tyrannen noch übrig? Wer nach den Gründen sucht, die, neben der religiösen Radikalisierung, jene alsbald einsetzende Politisierung des Dominikanermönchs begründen, wird deren Wurzeln bereits in einem Frühwerk vorfinden, richtungweisend ausformuliert in einem Lehrgedicht. Das Werk mit der alles bezeichnenden Überschrift „De ruina mundi“Vom Verderben der Welt atmet ganz die befreiende Luft Petrarcas, der als unverkennbarer Spiritus rector im jungen Girolamo weiterwirkt. In diesem Pamphlet zeichnet der spätere Glaubensbruder Meister Eckharts das Bild einer verkehrten Welt, einer Welt, deren Werte auf dem Kopf stehen und in welcher nicht mehr der gütige Gott der Christenheit regiert, sondern der Leibhaftige. Das Gute ist unten, das Böse oben. Alle Sitten sind verkommen – und mit ihr die für die Erhaltung der Werte zuständige katholische Kirche. Die ganze Welt der Christenheit – ein Sodom und Gomorra? Oder ist nur ihr Nabel krank – Rom und der Vatikan?

„Wenn ich die Welt hier seh so bös verkehret,
und ausgegeben ganz, und ausgeleeret,
gar alle Tugend, jede schöne Sitte. (...)
das Szepter ist gefall’n in Räuberhände;
Sankt Peter naht sich seinem Ende;
Dort wird verprasset Raubgut, ungezählt:
Mich wundert nur, wie noch der Himmel hält.

Siehst du denn nicht den spöttischen Verschwender,
(...)
Merk auf den Kuppler wohl, den Knabenschänder
in Purpur – weh! Ein eitler Blender;
der Haufen folgt ihm und die Blinden schwärmen!
Mußt du nicht auch in bittrem Ekel härmen,
dass dieses schwelgerische Schwein sich freut,
man deine hohen Lobgesäng’ ihm beut,
entwendet von Jasagern, die da mitgenießen –
dieweil die Deinen sind von Land zu Land verwiesen.

Glückselig heutzutag, der lebt von Raub
Und besser satt wird von der andern Blut (...)
So einer wird die Ehr der Welt verderben,
der Bücher, Schriften nimmt, voll Büberei, in Acht,
Aus jeder Schlechtigkeit ein trefflich Handwerk macht.

Die Erde neigt sich so bedrückt dem Laster zu,
dass nie allein sie abtun mag die Bürde:
zugrund’ geht Rom, Haupt ihr und Würde (...)
und jedermann bemüht sich, die Wüste auszubreiten:
Vorüber sind die frommen, sind die keuschen Zeiten. (...)
Mein Lied, o lasse niemals dich betören
dass an dem Purpur du dich hieltest feste;
Flieh hohe Hallen und Paläste
und sorge, dass dein Wort nur wen’ge hören:
denn aller Welt wirst du den Frieden stören.“[1]

„Die Wüste wächst – Weh dem, der Wüsten birgt“, wird Nietzsche, der große Kirchenkritiker der neuesten Zeit, viel später ausrufen. Angewidert vom Zerfall der Werte der Christenheit wird er dann auch - aus der Einsamkeit seiner Wüste heraus - der Verwüstung Einhalt gebieten und zur Umkehr und Neuwertung ausrufen: Umwertung aller Werte.
Fast ein halbes Jahrtausend vor Nietzsche liefert Savonarola das historische Vorspiel dazu – als Agierender die gesamte Vita dem hehren Ziel unterwerfend, doch zunächst noch mit einem Pamphlet moralischer Entrüstung, das auf dem Hintergrund einer inneren Wahrhaftigkeit entstand.

Neben den zahlreichen lyrischen Anlehnungen an Petrarca, die darauf verweisen, wie intensiv sich der junge Savonarola mit dem paradigmatischen Vorbild seines lange exilierten Landsmannes auseinandergesetzt haben muss, fällt auch die geistige Nähe des einsamen Dominikanermönchs zu dem zwar frommen, aber auch antiklerikal ausgerichteten Dichter auf. Ähnlich wie Petrarca, der die Missstände in der Papstresidenz Avignon geißelte, so kritisiert Savonarola von Bologna und später von Florenz aus das dekadente Papsttum in Rom. Rom, die Ewige Stadt und das Zentrum der Christenheit, wird für ihn zum Symbol des allgemeinen Niedergangs, des gesellschaftlichen wie des moralischen, während die Christenheit von Florenz aus, wo das eigentliche Herz Italiens schlägt, reformiert werden soll.

Bezeichnend ist, dass in diesem Gedicht, welches vermutlich um 1472 entstanden sein dürfte, klerikale Zustände in Rom gebrandmarkt werden, die noch nicht in die Amtszeit des berüchtigten Borgia-Papstes fallen. In einem Anfall von hypertropher Polemik gegen das moralisierende Christentum und gegen die Reformation sollte Nietzsche später in seinem „Antichrist“ die Zeit des Borgia als das Leben auf dem Papstthron verherrlichen und in seiner eigenwilligen Umkehr, die Werte erneut auf den Kopf stellen.
In Wirklichkeit war die Zeit der Borgias, des Vaters wie des Sohnes Cesare, ein absoluter Höhepunkt moralischer Dekadenz, nicht aber ihr Anfang und auch nicht ihr Ende. Auch die Zeit davor, die Michael Savonarola und sein Enkel Girolamo bewusst erleben, war nicht sittlicher. Mord, Raub, Betrug, Rache, Machtmissbrauch aller Art gehörten zum Alltag. Nicht anders als in der römischen Antike zur Zeit Caligulas und Neros, wo jeder jeden umbrachte, der ihm bei der Ausübung der Macht gefährlich werden konnte, die eigenen Blutsverwandten, die Mütter, Väter und Kinder nicht ausgenommen, war jedermann dem Tod geweiht. Wer die Macht innehatte, ob geistlich oder weltlich, versuchte, diese um jeden Preis und auf Kosten anderer durchzusetzen, seit Machiavelli sogar unter pseudolegitimer Außerkraftsetzung moralischer Kategorien mit staatsphilosophischem Segen. So wurden ganze Fürstentümer geboren und vernichtet.

Der nicht unwichtige Aspekt, dass die Renaissancezeit nicht nur eine geistige Wiedergeburt des antiken Geistes darstellt, sondern als gesellschaftspolitisch brutale Zeit gelten muss, wird auch heute noch und gerade von jenen vergessen, die in der Renaissance nur eine Kunstepoche sehen. In ihrer Neigung zur Idealisierung werden die Aspekte des trivialen, politischen Alltags nahezu ignoriert. Noch schlimmer ist, dass in einer Welt des Niedergangs auch die höchste moralische Instanz der Christenheit, das Papsttum, in sich verkommen ist. Deshalb reagiert der junge, von der Reinheit der christlichen Lehre und des wahren Christenmenschen durchdrungene Savonarola mit massiver Enttäuschung auf seine Zeit, in welcher, die Amtskirche als Hüterin der Moral eklatant versagt hat.
Der Papst, Stellvertreter Gottes auf Erden, einsames unantastbares und unfehlbares Apogäum der Christenheit, ist zur Inkarnation der Sünde verkommen: Man kennt ihn als „Knabenschänder“, umgeben von Opportunisten, von Lobhudlern, Speichelleckern und „Jasagern, die da mitgenießen – dieweil die Deinen sind von Land zu Land verwiesen“. Während die Wahrhaftigen verbannt werden und ins Exil gehen müssen - wie bald auch ein Pico bis nach Frankreich flüchten muss - macht sich die Lüge überall breit und nistet sich dauerhaft auf dem Thron der Christenheit ein, wohlgemerkt, noch vor Rodrigo Borgia alias Alexander VI. .

Eine Welt, die dem Laster zuneigt, die auf Purpur setzt, „aus jeder Schlechtigkeit ein trefflich Handwerk macht“, die keine sittliche Struktur aufweist, ist wert, dass man sich von ihr abkehrt, ihr entsagt: „Flieh hohe Hallen und Paläste“, jene Stätten der Verkommenheit, sittlicher Verrohung und offensichtlicher Dekadenz, wo die - nur wenigen vorbehaltene - Stimme der Wahrheit nie gehört werden wird.
Rückzug ist angesagt. Die Einsamkeit der Zellenwände bietet ein solches Asyl und ermöglicht die Rettung der eigenen Seele in einer, alles Geistige und Geistliche bedrohenden Umwelt.
Seneca und Petrarca klagten seinerzeit mit Vehemenz an. Sie benannten die Übel und stellten deren Verursacher an den Pranger – Girolamo Savonarola folgt ihrem Exempel – aus innerster Überzeugung heraus, aus Verantwortung und aus gesellschaftlicher Notwendigkeit. Dabei sehnt er sich aufrichtig nach der längst verlorenen, natürlichen Ursprünglichkeit des Urchristentums, des Christentums der Märtyrer, nach dem einfachen christlichen Leben, nach Menschlichkeit und zwischenmenschlicher Solidarität, nicht nach Reichtum, Purpur, Prunk und Pomp, die er als eitel und nichtig ansieht – Vanitas auch hier.





[1] Savonarola, Predigten und Schriften. Ausgewählt, biographisch geordnet und erläutert von Mario Ferrara. Salzburg 1957. S. 24ff.




8.3. Kritik des Christentums sowie des dekadenten Papsttums im poetischen Frühwerk - „De ruina Ecclesiae“ oder „Sang vom Verderben der Kirche“, (1475).


Dem gesellschaftskritischen Gedicht von dem Ruin der Welt, in welchem das Versagen der moralischen Ordnungsmacht Amtskirche bereits angeprangert wurde, folgt ein weiteres Poem des seelisch noch unverfälschten Jungmönchs Savonarola über den tatsächlichen Ruin der Kirche, „De ruina Ecclesiae“ oder „Sang vom Verderben der Kirche“. In dieser frühen Dichtung mit Pamphlet-Charakter aus dem Jahr 1475, rückt der Reformationsgedanke in den Mittelpunkt der Zeitkritik des Dreiundzwanzigjährigen, bestimmt von der aufrichtigen Sehnsucht nach baldiger geistig-spiritueller Erneuerung der Kirche von den Ursprüngen ausgehend hin zu einer geläuterten, wahrhaftigen Ebene:

„Du keusche Magd, wohl darf ich es nicht wagen,
Doch stimm ich ein in deine bittern Klage.
Wie bist du doch so fern den selgen Zeiten,
Da sich die Märtyrer dem Tode weihten!
Der Heil’gen Kirche schwand in Himmelsferne
Und harret unser in dem Reich der Sterne.“

Der aufstrebende jugendliche Savonarola, der sich jetzt schon in der Tradition frühchristlicher Märtyrer sieht, jener im Kolosseum den Löwen Geopferten, lässt die Kirche selbst, allegorisch als hehre Mutter apostrophiert, die Wurzel des Unheils bezeichnen. Es ist dies die – seit Lorenzo Valla als plumpe Fälschung erwiesene – „Konstantinische Schenkung“, mit welcher in der Abwendung vom Geistigen und der Zuwendung zum Materiellen der Niedergang des römischen Katholizismus begann:

„Da nahm die hehre Mutter meine Hände
Und führte weinend mich in öd Gelände
Und sprach zu mir: „Als einst zu Rom einzogen
Des Reichtums und der Weltlust wilde Wogen,
Da fing Verderben an und alles Leiden,
Und Kummer nahte mir von allen Seiten.“

Im „öd Gelände“, also in der Einsamkeit, werden dem nach Wahrheit Suchenden – von höherer Warte aus – die Augen geöffnet. Nach Savonarola sind Besitztum und „Weltlust“ die Wurzel aller Übel, Sünden und Verkommenheit, jenes Irdisch-Profane und Materielle, welches alles Heilige und Geistige untergräbt wie vernichtet.  „Kummer“ (aegritudo), Ciceros Begriff für Melancholie oder „Weltschmerz“ erwachsen aus dem Verderben, aus dem Niedergang der christlichen Kirche.

Ein darunter leidender Mönch klagt an, findet aber in seinem Gedicht noch keinen echten Ausweg aus der verfahrenen Situation. Bald darauf wird er noch mutiger werden, Forderungen stellen. Lange vor Luther und anderen Reformatoren ist es Savonarola, der in Rückbesinnung auf die Werte der Kirche der Heiligen, die geistige Erneuerung anmahnt, indem er drei klare Thesen formuliert:

Die Kirche ist krank –
sie muss reformiert werden –
sie muss bald reformiert werden!

Das geeignete Forum zur Umsetzung dieses gewaltigen Programms nach Jan Hus und vor Martin Luther sollte Savonarola erst im weltoffenen Florenz finden, im Kloster San Marco, zu dessen Prior man ihn bald ernennen wird. Weshalb verschlug es den angehenden Erneuerer der Christenheit in das Herz der Toskana, in die Stadt des Prächtigen?
Nach Savonarolas fester Überzeugung war das aufgeklärte Renaissance-Florenz mit seinen vielseitig begabten und politisch freiheitlich orientierten Bürgern, der Ort, wo ein „neues Jerusalem“ entstehen konnte. Deshalb sollte gerade von Florenz aus der kranke Organismus der Gesamtkirche kuriert und – wie die Kunst der Antike – zu neuem Leben erweckt werden. „Rinascita“!

Diese „Wiedergeburt“ in allen Bereichen von Geist und Kunst sollte auch die Kirche erfassen und zukunftsfähig machen. Die alles umfassende „Reformation“ war jedoch nicht die Laune eines Einzelnen, auch nicht das Gebot einer lichten Stunde, nein, jene „Erneuerung“ zum Besseren hin, war ein Programm, ein Diktum der Zeit, das von objektiven Notwendigkeiten bestimmt wurde. Zur konkreten Umsetzung neureformatorischer Bestrebungen stand dem einfachen Geistlichen Savonarola faktisch aber nur ein Mittel zur Verfügung: das Wort, das das Bewusstsein verändernde, freie Wort in der Predigt von der Kanzel herab, das für ihn, den spät berufenen Propheten, das Wort Gottes war.




8.4. „Poenitentiam agite“! – Buße, Einkehr, Rückbesinnung, Katharsis.


Savonarola war ein virtuoser Prediger, immer in der Lage, seine Zuhörer zu faszinieren und für seine Sache zu gewinnen. Dabei kam es ihm jedoch nicht darauf an, als versierter Rhetor, Populist und gar Demagoge die Zustimmung breiter Bevölkerungsschichten, ja der Massen in der - damals etwa einhunderttausend Einwohner zählenden - Stadt Florenz zu finden oder Anhänger um sich zu scharen, um sich selbst politisch zu profilieren oder eine Partei anzuführen wie früher der eine oder andere Volkstribun in Rom. Überzeugt, Florenz müsse von einer kompetenten, juristisch unabhängigen Bürgerelite regiert werden, setzte der seit seinen Aristoteles-Studien mit politischer Theorie und Verfassungskunde wohl vertraute Savonarola mehr auf sein geistig-moralisches Wirken – er zielte und zählte auf eine eintretende Bewusstseinsveränderung, auf Erneuerung und Reform über Buße, innere Einkehr, seelische Reinigung und Läuterung. Dahinter stand auch die historische Erfahrung, dass in einer Gesellschaft, wo es immer mehr Schlechte als Gute geben werde, die Massen von Autokraten recht einfach manipuliert werden, auch über billige Ablenkung, über Brot und Spiele und öffentlich promulgierte Pseudo-Werte. Als ihm die Macht schließlich doch noch zufiel, setzte Girolamo Savonarola, der alles andere als politisch naiv war, nicht auf die Durchsetzung politischer Ziele mit den Mitteln der Despotie oder der Tyrannis, wie etwa ein Cesare Borgia im Kirchenstaat als virtuoses Genie des Bösen. Ganz im Gegenteil: Der Dominikaner in der Kutte appellierte vielmehr an die Einsicht der Bildungsbürger, der Aristokraten und selbst der Künstler, die er mit Verstand, Vernunftargumenten und auch emotional über seine charismatische Ausstrahlung für die sozial-religiösen, politischen und gesetzgeberischen Reformideen zu begeistern suchte.

Ungeachtet hoher politischer Sensibilität und Empathie kam beim späten Savonarola dann auch ein missionarischer Fanatismus auf, eine Bilderstürmerwut getragen von einem Hass auf alles Lebensfrohe und Schöne in der Kunst, der die geistig-künstlerischen Errungenschaften der Renaissance bedrohte und tatsächlich zurückwarf. In seinem Eifer, das neu zu errichtende Jerusalem gleich in wenigen Jahren vollenden zu wollen, verstieg sich Savonarola, der unermüdliche Streiter Gottes, gelegentlich in kühnste Visionen und apokalyptische Prophezeiungen. Die eigenen hohen moralischen Erwartungen aus den Augen verlierend und durchdrungen von einer höheren Mission, die es auch mit ethisch fragwürdigen Mitteln durchzusetzen galt, agierte der Mönch nicht viel anders als die Redner im alten Rom im Geiste von Zuckerbrot und Peitsche.

Einmal versprach der Prior von San Marco das kommende Paradies auf Erden; galt es aber die Gläubigen von den Heerstraßen der Sünde zurückzurufen, um sie auf den schmalen Pfad der Frömmigkeit und christlichen Tugend zu leiten, dann drohte er alttestamentarisch resolut mit Heimsuchungen, Katastrophen und Untergangsszenarien aller Art, ja mit himmlischer Vergeltung für den Fall, dass die uneinsichtige Bürgerschaft von Florenz seinem Appell zur religiösen Neuausrichtung nicht folgen würde. Von urchristlichem Sendungsbewusstsein durchdrungen und wohl auch schon geblendet, rief der Mönch - wie später Luther mit den gleichen Worten - zur Umkehr auf, ebenso zur reinigenden Buße nach dem Motto: „Poenitentiam agite“!

In seinem Übereifer für die gute Sache, für ein gottgefälliges, puristisches Leben, wie später von Luther oder Calvin gefordert und durchgesetzt wurde, unternahm es Savonarola gleich in einem Atemzug, alle geistigen Gegner seiner Ziele und der Sache des wahren Glaubens anzugreifen, die Philosophen der Antike, denen er selbst viel verdankte und deren Nachfahren im Humanismus ebenso wie obskure Sackgassen der Geistesgeschichte, etwa die populäre Astrologie[1]. Ja, selbst die erhellende Philosophie der Zeit in zutiefst humaner Ausprägung vertreten und verkündet von einem seiner glühendsten Anhänger, von Pico della Mirandola, blieb nicht unverschont.

Girolamo Savonarola wollte die sittliche Erneuerung der florentinischen Gesellschaft, die Zementierung der Moral und die Ausrottung der Dekadenz der Zeit - um jeden Preis. Sein Endziel war jedoch nicht, wie oft behauptet und von Gegnern ins Feld geführt eine „Theokratie“, ein archaisch-rückständiges Staatsgebilde mit einem Mönch als geistliches und weltliches Oberhaupt in einer Person, wie wir es heute noch in islamischen Kulturen vorfinden, sondern eine echte „Republik“, eine liberale, demokratische Staatsform, die sich am Regierungssystem der Republik Venedig orientierte, ohne jedoch an der Position des Dogen festzuhalten.

Nicht viel anders als manch ein radikaler Utopist vor, neben und nach ihm, von Augustinus, über Thomas Morus bis hin zu den Ahnvätern des Kommunismus im 18. und 19. Jahrhundert, die, zwar radikal im Ansatz, einem echten Humanismus das Wort zu reden versuchten, erstrebte auch Savonarola ein Stadt- oder Stadt-Staatsmodell, in welchem sich die Bürger einer sittlichen Erneuerung unterwerfen, fromm werden, zur Beichte gehen, sich seelisch reinigen und die alten Rivalitäten und Feindschaften vergessen.

Auf diesem ethischen Fundament sollte eine human orientierte, auf das Gemeinwohl bedachte Gesellschaft errichtet werden. Um den erstrebten edlen Endzweck möglichst bald zu erreichen, scheute der italienische Reformator, wie bereits betont, aber auch nicht davor zurück, die Grenzen von Ethik und Moral zu überschreiten, immer wieder auf die Endabrechnung am Jüngsten Tag verweisend, auf die allen drohende Rache Gottes. Dieses Androhen von himmlischen Bestrafungen und an die Wand gemalten Untergangsszenarien, ein an sich erpresserisches Instrument seelischer Nötigung, war Savonarolas einzige Waffe, um Florenz und seine Bürger, die er für die besten und klügsten in Italien hielt, zur Räson zu rufen und sie in die Schranken zu weisen. Doch dieses methodische Vorgehen war auch ein Fehler, ein fataler Fehlschritt, der den lauteren Bußprediger angreifbar machte und schließlich sein tragisches Schicksal bestimmen sollte: das Ende am Strick und in den Flammen des Scheiterhaufens.




[1] Bei diesem Thema befand er sich auf einer Ebene mit Leonardo da Vinci, der in seinen Tagebüchern die seinerzeit noch hoch im Kurs stehende „Nekromantie“ scharf geißelt und ablehnt.



8.5. Savonarolas Humanismus-Kritik und seine Zurückweisung der Astrologie – ist die Philosophie eine Magd der Theologie?

 

In der Predigt „Ein Herz und eine Seele im Herrn“ aus dem Jahr 1493 wettert ein etwas wild gewordener Savonarola„Geh fort nach Rom und durch die ganze Christenheit; in den Häusern der großen Prälaten und der großen Herren befaßt man sich mit nichts als mit Dichtung und Redekunst. Geh nur hin und sieh: du wirst sie finden, humanistische Bücher in der Hand – und tun so, als vermöchten sie mit Vergil und Horaz und Cicero die Seelen leiten.“[1]

Savonarola konstruiert, ja forciert einen krassen Gegensatz zwischen dem antiken Humanismus der Hellenen und Römer, der in der Gegenwart der Renaissance in Italien seine Wiedererweckung findet, einerseits und seinem kathartisch-asketischen, dem Seelenheil und Jenseits zugewandten Christentum andererseits, wobei der radikalisierte Dominikanermönch das – aus seiner Sicht nahe an der Sünde angesiedelte – Schöne dem an sich Wahren und Guten, dem Summum bonum des Thomas von Aquin, also Gott, entgegensetzt. Statt Ästhetik und Ethik miteinander zu versöhnen, wie es der alte und neue Humanismus begreift und lehrt, verdammt Savonarola das Sinnlich-Angenehme insgesamt, um nur noch ein utilitaristisches Ethos gelten zu lassen. Wahr und gut ist nur Gott – und der Prediger Savonarola ist sein Prophet!

Unmittelbar auf Savonarolas Schlag gegen den Humanismus seiner Zeit folgen Angriff und Abrechnung mit der pseudowissenschaftlichen Astrologie jener Tage. Von moderat konservativen Geistern wie Ficino immer noch toleriert, ja anerkannt, wird diese Disziplin, die in den Augen Savonarolas als eine Art sündhafter Mystizismus erscheint, von diesem ebenso wie von Pico, Lorenzo de’ Medicivor allem aber von Leonardo da Vinci vehement abgelehnt und bekämpft: „Willst du sehen, wie man die Kirche durch die Hand von Astrologen regiert? Es gibt keinen Prälaten und keinen großen Herrn, der nicht irgendwelchen vertrauten Umgang mit irgendeinem Astrologen hätte, der ihm auf den Punkt genau die Stunde vorhersagt, zu der er ausreiten oder irgendetwas anderes tun oder unternehmen soll. Und es würden die großen Herren keinen Schritt über den Willen der Astrologen hinaus tun.“[2]

Savonarola selbst war ein strenger Determinist, fest überzeugt, ein Werkzeug des göttlichen Willens zu sein, ein Instrument ohne Selbstzweck, das von Gott gebraucht wird, das von Gott je nach Bedarf eingesetzt wird und das dieser schließlich – ohne Rücksicht auf die Person und ihre Verdienste – einfach fallen lässt oder wegwirft, ohne dass der Mensch den höheren Sinn dieser Tat erkennen und begreifen kann. Eine Festlegung des Menschen und seines Schicksals über die Astrologie, an der selbst noch Johannes Kepler und – bis zu einem gewissen Grad selbst Pico[3] und neben diesem auch Ficino sowie Lorenzo de’ Medici festhalten sollten, erschien Savonarola zutiefst suspekt. Während ein mathematikgläubiger Empiriker wie Leonardo da Vinci als Ingenieur die Astrologie als Pseudowissenschaft[4] abkanzelte und radikal abwies, bot das bereits kontroversierte Erkenntnismittel Astrologie Savonarola, dem äußerst versierten Redner und gründlichen Kenner der Scholastik, besonders der Werke des Thomas von Aquin, eine gute Möglichkeit, die gesamte neuplatonisch-humanistische Philosophie der Zeit polemisch, ja demagogisch anzugreifen, indirekt die alte Frage neu thematisierend, ob die Theologie die Magd der Philosophie sein solle oder umgekehrt. „Auch unsere Prediger haben die Heilige Schrift beiseitegelegt und sich der Astrologie und der Philosophie ergeben und diese predigen sie auf den Kanzeln und machen sie zur Königin; und die Heilige Schrift behandeln sie wie eine Magd, denn sie predigen Philosophie, um gelehrt zu erscheinen, und nicht, weil sie ihnen dazu diente, die Heilige Schrift auszulegen.“[5]

Die übermäßige Beschäftigung mit heidnischem Schrifttum, speziell mit Platon und vor allem mit Aristoteles, dessen Wiederentdeckung von Ficino und Pico sehr erfolgreich betrieben wurde, ärgerte den Dominikaner, der in frühen Jahren gerade Aristoteles parallel zur Bibel gründlich studiert hatte, vor allem deshalb, weil die geistigen Debatten der Gelehrtenwelt die Bürger von Florenz vom bibeltreu-puristischen Christentum ablenkten.

Savonarola, der aus der relativen Einsamkeit seines Klosterdaseins heraus - bei Ablehnung des gesamten ästhetischen Bereichs und der Künste - massive Gesellschaftskritik betreibt, zieht sich als Theologe und Denker immer mehr zu den Wurzeln des Urchristentums zurück, dorthin, wo er Ursprünglichkeit, innere Wahrhaftigkeit, erste und letzte Wahrheit vermutet.




[1] Savonarola, Predigten und Schriften. S. 111.
[2] Ebenda.
[3] Er war ein Anhänger der Kabbala.
[4] Belege finden sich in den Tagebüchern zuhauf.
[5] Savonarola, Predigten und Schriften. S. 111.




8.6. Sozialreformer Savonarola - „De Simplicitate vitae christianae“ - Von der Schlichtheit im Christenleben.

 

Viele weitere Predigten und Abhandlungen, manche von ihnen aufgrund ihrer hohen Brisanz indexiert, oft in Latein, kaum gedruckt und weitgehend unbekannt, konkretisieren Savonarolas Vorstellungen von einem wahren christlichen Leben und einer wahrhaftigen christlichen Kirche. Eine dieser Schriften ist das bereits 1496 ausgearbeitete Werk „De Simplicitate vitae christianae“, in Deutsch: Von der Einfalt des christlichen Lebens oder, moderner übersetzt, Von der Einfachheit im Christenleben[1].

Die zentrale Aussage Savonarolas in dem Werk lautet: „jeder Christ“ soll „einfach leben“[2], denn das christliche Leben ist schlicht und einfach, ohne überflüssigen Prunk und Reichtum.

Die Kirche ist - ganz im Geist des Franz von Assisi - für die Armen da, nicht um Reichtümer aller Art anzuhäufen oder um irdische Paläste zu errichten. Was im Religiösen zähle, seien die zentralen human-christlichen Werte, vor allem die Innerlichkeit und die Nächstenliebe.

In seiner Schlacht für Jesu und gegen die willkürlich agierende Institution Kirche tadelt der zum Schweigen verdonnerte Mönch besonders die Prunksucht des Klerus, das Verschleudern[3] kirchlicher Mittel oder das Verwenden der Spenden zu falschen Zwecken: „Ihr habt viele überflüssigen Kelche und Paramente, viele Kreuze und Gefäße von Gold und Silber. Sagt mir: warum schmilzt man sie nicht ein und warum gibt man sie nicht den Armen? Sicher lieben die Sakramente das Gold nicht und haben keinen Bedarf dafür. Unsere Väter hatten Kelche aus Holz; aber damals hatten die Kelche aus Holz Priester aus Gold; und jetzt haben die Kelche aus Gold Priester aus Holz.[4]

Der Bußprediger Savonarola, der Prälaten geradezu revolutionär ins Gewissen redet und sie zugleich im Namen Christi sowie der eigentlichen christlichen Ethik mahnend zur Räson ruft, erkennt auch, dass selbst die „Bettelorden“ - über ihr Ziel hinausschießend - letztendlich der Habgier verfallen, am eigentlichen Ziel vorbei zu viele Almosen einsammelnd, um diese Spenden für eigene, profane Zwecke einzusetzen, statt die Gaben mildtätiger Spender und Gönner den wahren Bedürftigen, den Armen zu geben.

Sozialkritisch ausgerichtet und alles andere als politisch naiv oder blind fanatisiert, beobachtet der kritische Mönch das tatsächliche Leben auf der Straße der damaligen Großstadt und stellt dabei fest, dass Armut junge Mädchen veranlasst, „ihren Körper preiszugeben“[5], während anderseits selbst Klosterfrauen zum Luxus neigen.

Die Botschaft der Heiligen Schrift hingegen ist auch in dieser Frage eindeutig: „Man wird sicherlich an keiner Stelle finden, dass Christus uns befehle, Kelche und Paramente von Gold zu machen und großartige Kirchen – wohl aber, dass wir die Armen nähren.“[6]

Das sind eindeutig kritische, antiklerikale wie soziale Feststellungen eines Sehers, der kein Phantast war, sondern ein höchst luzider Diesseitsbezogener, ein Realist. Die Bibel ist ihm nicht nur eine verehrungswürdige Schrift, aus der Gott unmittelbar spricht, sondern auch ein willkommenes Mittel, um, fern jeder hermetischen Exegese, in direkter Berufung auf Gott, das nicht nur lichtdurchflutete Umfeld der vielgepriesenen Renaissance-Zeit konkret zu verbessern.

 




[1] Savonarola, Predigten und Schriften. In dem Kommentar von Mario Ferrara heißt es dazu: „In den letzten Monaten des Jahres 1495, während der Pause, die ihm durch das schmerzliche Schweigegebot des Papstes auferlegt war, schrieb Savonarola in seinem eindrucksvollen Latein das Buch „Von der Einfachheit im Christenleben“ , das dann am 28. August 1496 erschien und sofort von Girolamo Benivieni übersetzt wurde.“ S. 247.
[2] Ebenda, S. 250.
[3] An dieser Untugend hat sich auch im 21. Jahrhundert, namentlich in Deutschland, noch nicht viel geändert. Die Prunksucht reicht von Limburg an der Lahn bis ins Herz der Christenheit im Vatikan.
[4] Savonarola, Predigten und Schriften. S. 252.
[5] Ebenda, S. 253.
[6] Ebenda. Das ganze Buch des spät berufenen Propheten und Erneuerers Savonarola ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Unterstützung der Armen, die, laut Bibel, den „Tempel Christi“ darstellen. Alles Überflüssige sei von den Reichen und dem Klerus abzugeben und müsse den Armen zukommen; die Kirche müsse sie – gemäß dem Vermächtnis Christi – ernähren: „und ihr, so wie die Schriftgelehrten und Pharisäer, übergeht durch eure Verordnungen den Befehl Gottes.“ S. 253. In radikalen Ansätzen dieser Art wurzelt die Theologie der Befreiung Südamerikas.





8.7. Savonarola setzt politische Reformen durch – Über die demokratische Verfassung in Florenz zum Fernziel der Einheit Italiens.


Der oft diffamierte und angefeindete Savonarola war keineswegs ein naiver Visionär. Hinter der Sache Gottes, der alles untergeordnet wurde, standen stets sehr konkrete Vorstellungen von einer neuen, demokratisch orientierten Verfassungsreform in Florenz und in fernerer Zukunft, die Vision eines geeinten italienischen Nationalstaates von Sizilien bis in die Alpen. Während andere große Individuen der Zeit aus der Einsamkeit heraus und fern vom gesellschaftlichen Dialog Kunstwerke schufen, widmete sich Savonarola im Gespräch mit den Mitbürgern der gesellschaftlichen Umgestaltung. Dabei entwickelte der agile Mönch und Reformator den Ehrgeiz, eine demokratische Verfassung durchzusetzen, die dem Wohl der Stadt Florenz und dem Allgemeinwohl seiner Bürger diente, legte aber keinen Wert darauf, sich persönlich in das politische Alltagsgeschäft einzumischen. Savonarola war keinesfalls selbstsüchtig oder gar machtbesessen. Er wollte keine Macht für sich, obwohl er sie hätte haben können. Als moralische Instanz und aufrichtiger Streiter Gottes war er zu keinem Zeitpunkt bereit, diese Position zu gefährden. Dazu war er einfach zu klug. Zwei Jahre nach dem Tod Lorenzos des Prächtigen und der Vertreibung seines weniger vom Glück begünstigten Sohnes Piero aus Florenz wurden die politischen Ansätze des Dominikanerpredigers Realität. Dank seiner Autorität gelang es Savonarola, seine Sympathisanten für drei Jahre an die Regierung zu bringen. Er blieb als einflussreicher Kopf seiner Erneuerungsbewegung, als Graue Eminenz im Hintergrund. Florenz erhielt unter seinem Einfluss eine neue – und was heute vergessen wird – eine weitgehend „demokratische Verfassung“, die sich in ihren Grundzügen am Regierungssystem der Republik Venedig orientierte. Venedig war seinerzeit das einzige annähernd demokratische Staatssystem auf dem Gebiet des heutigen Italien. Der Süden hingegen, das Königreich Neapel, wurde von dem gefährlichen Despoten spanischer Abstammung Ferdinand beherrscht, während in der Mitte der Kirchenstaat der Borgias bis in die Romagna hinein wucherte und im Norden, im Herzogtum Mailand, der Usurpator Ludovico Il Moro die Zügel der Macht despotisch in der Hand hielt, bis Mailand von den Franzosen unter Karl VIII. erobert und annektiert wurde.

Savonarola setzte sich also auch als politischer Reformer durch, war aber nicht in der Lage, die Macht in diesen turbulenten Zeiten, die von zahlreichen politischen Intrigen und Grabenkämpfen geprägt war, auf längere Sicht zu festigen und zu erhalten. Das von ihm über alles erhobene Wort Gottes, der Glaube an das Gute, ein christlich-humanistisch geprägtes Werte-System, sie reichten nicht aus, um profane Waffen zu ersetzen.



8.8. Niccolo Machiavelli und Die Schwermut der Tyrannen.


Ein anderer Einsamer aus Florenz, Niccolo Machiavelli, der in der Einsamkeit des Landlebens vor den Toren der Stadt seinen „Principe“ verfasste, und schließlich aus dem Fenster eines Patrizierhauses der öffentlichen Verbrennung Savonarolas auf dem Scheiterhaufen zusah, notiert in seinem bekanntesten Werk die leicht zynischen, aber treffsicheren Worte: „Moses, Cyrus, Theseus und Romulus wären nicht imstande gewesen, ihre Einrichtungen lange gültig zu erhalten, wenn sie unbewaffnet gewesen wären, wie es in unserer Zeit Fra Girolamo Savonarola war. Er fand bei seinen gesetzlichen Neuerungen den Untergang, als die Menge aufhörte, an ihn zu glauben; er hatte kein Mittel, diejenigen, die an ihn glaubten, zu halten, und keines, um die Zweifler zum Glauben an ihn zu zwingen.“[1]

Savonarola wollte keinen autokratischen Gottesstaat, keine klerikale Diktatur fundamentalistischer Prägung, aufgebaut auf militärische Macht und gesichert über innenpolitischen Terror geheimer Dienste, also keinen Staat, wie ihn seinerzeit der Vatikan-Staat des Borgia-Clans verkörperte oder in unseren Tagen der Ajatollah-Staat Iran. Vielmehr erstrebte der überzeugte Christ eine geistig-spirituelle Revolution, eine allgemeine Veränderung des Bewusstseins und der Werte, nicht über abstrakte Philosophie, sondern über einen reinen, verinnerlichten Glauben. Obwohl Savonarola in seinen vehementen, heute vielleicht fanatisch anmutenden Plädoyers für die Sache Gottes gelegentlich weit über das Ziel hinaus schoss und, wie Machiavelli treffend feststellte, mangels anderer „Waffen“ zum zeitspezifischen Mittel der verbalen Drohung und Einschüchterung griff, um das Bewusstsein der Massen auf seine höheren Ziele hinzulenken, war er doch kein blinder Eiferer, sondern im Grundes seines Wesens ein zutiefst humaner Geist, ein Mensch, dem nichts Menschliches fremd war, schlechthin ein Humanist.

Von anderen - als Humanisten beschimpfte - Geistern seiner Zeit unterschied sich der bescheidene Prediger und „Asket“ hauptsächlich durch die radikale Zurückweisung des sinnlichen Lebens im pseudoepikureischen Sinn, gepaart mit der Missachtung, ja Verachtung der Welt des Schönen und Angenehmen im Bereich der bildenden Kunst und der Musik. Für den seine Zeit aufmerksam beobachtenden Landsmann Machiavelli, der manche Predigt im Kloster von San Marco verfolgte, stellte Savonarola den Typus des unbewaffneten Propheten dar, der scheiterte, ja scheitern musste, weil er die zynischen Gesetze der realen Machtpolitik, Machtausübung und Machterhaltung jenseits der Moral als unethisch und unchristlich ablehnte.

Machiavelli, der zeitweise ohne politische Aufgaben, vorwiegend mit staatsrechtlichen Studien beschäftigt, ein äußerst bescheidenes, einsames Leben führte, in der Hoffnung, die Medici, die ihn politisch lahm gelegt hatten, würden ihm doch noch eine Stellung zukommen lassen, hatte vielfache Gelegenheit, den Prior von San Marco in Florenz in Leib und Seele und im vollen Furor zu erleben, ihn engagiert predigen zu hören und speziell seinen klarsichtigen Ausführungen über die Tyrannis zu folgen, zu deren Repräsentanten Savonarola auch die Familie der Medici zählte. Es ist denkbar, ja wahrscheinlich, dass Machiavelli, zumindest in den erfolgreichen Jahren des Charismatikers, der Anhängerschaft Savonarolas angehörte, weniger aus religiöser Überzeugung, sondern vielmehr aus staatspolitischer Einsicht, denn die Wertschätzung des Savonarola blieb selbst nach dessen Hinrichtung erhalten. Wie aus einem Schreiben hervorgeht, verfolgte Machiavelli im Jahr 1497, also kurz vor dem Ableben des politischen, sozialen und religiösen Reformators mehrere Predigten Savonarolas als einfacher Zuhörer und berichtete anschließend darüber – im Auftrag oder freiwillig – nach Rom, wohl in die unmittelbare Umgebung des direkten Widersachers Papst Alexander VI., der Savonarola zuerst mit einem „Schweigegebot“ belegt hatte, um ihn schließlich auch zu exkommunizieren, nachdem Mordanschläge auf Savonarola mehrfach gescheitert waren. Machiavelli berichtet: „Er predigt wieder, weil die neue Signoria zu wählen war und er schon den Scheiterhaufen roch. Die Stadt nämlich, seinen Ungehorsam gegen den Papst erfahrend, und seiner Prophezeiungen, die nichts anderes als Unheil enthielten, bis zum Überdruss müde, fing an, sich gegen ihn zu wenden. Deshalb wollte er sein schlimmes Los hinausschieben.“[2]

An anderer Stelle schreibt er an den florentinischen Geschäftsträger in Rom Recciardo Becci„Als ... er sah, dass er seine Gegner in Florenz nicht mehr zu fürchten brauchte, hat er den Mantel gewechselt, und da er nicht mehr nötig hat, seine Partei durch Verwünschung ihrer Gegner und durch Erregung der Furcht vor einem Tyrannen einig zu halten, so tut er nunmehr keine Erwähnung mehr von einem Tyrannen oder der Lasterhaftigkeit der Gegner, sondern sucht alle gegen den Papst aufzuregen und gegen ihn und seine Abgeordneten aufzuwiegeln.“[3]

Die Wesenheit des Borgia Papstes konnten Zeitgenossen auf zwei Begriffe reduzieren: Simonie und Sodomie. Borgia war durch Stimmenkauf auf den Thron Petri gelangt und hatte sich dort als Verwalter eines großen Hurenstalls, als Knabenschänder, Wüstling und Giftmischer einen Namen gemacht, bevor er – mit allen Mitteln der Kirche – zur Vernichtung des einfachen Dominikanerpredigers Savonarola ansetzte.

Vater Borgia, von dem berichtet wird, dass er zu seiner - ebenso berüchtigten - Tochter Lucrezia ein inzestuöses Verhältnis unterhalten haben soll und Spross Cesare waren seinerzeit allgemein als ruchlose, rücksichtslose Machtmenschen und Verbrecher verschrien. Ihre Prinzipienlosigkeit war geradezu sprichwörtlich. Der Papst führe das nicht aus, was er sage, während Cesare, nie sage, was er zu tun gedenke, hieß es von beiden.
Wer sich konkret mit dem Borgia-Clan anlegte, hatte Repressalien und Vergeltung zu befürchten, ganz egal ob Individuum oder Gemeinschaft. Das galt auch für das Welt-Zentrum Florenz. Eben aus dieser existenziellen Notwendigkeit heraus bröckelte letztendlich die Solidarität der Florentiner mit „ihrem“ Savonarola, eben weil die unmittelbare Bedrohung durch Rom schwerer wog und existenziell mehr verunsicherte als die angedrohten Heimsuchungen Savonarolas, die irgendwann in ferner Zukunft all diejenigen treffen sollten, die sich vom rechten Weg des Herrn entfernten.

Machiavellis - nachträglich wohl zurechtgebogenen - Briefaussagen wirken vor allem deshalb etwas tendenziös, weil der politische Beobachter den genauen Text der überlieferten Predigten kannte. Auch wusste der scharfe Analytiker sehr genau über die tatsächlichen parteipolitischen Verhältnisse in Florenz Bescheid. Die „Arrabiati“, die sogenannten Rabiaten, Anhänger der Medici und konservative Aristokraten, die allesamt seit Savonarolas Neuordnung der politischen Verhältnisse in Florenz sehr viel verloren hatten, wollten den Status quo ante, die Restauration der früheren Besitzstände und somit den Sturz Savonarolas, was den Interessen des Rodrigo Borgia sehr entgegenkam.
Machiavelli verfolgte die tragische und verhängnisvolle Entwicklung als neutraler Beobachter mit einer gewissen Sympathie für den mutigen Reformator – allerdings ohne jede Möglichkeit einer Intervention. Vielleicht erkannte er in den Umbrüchen sogar eine persönliche Chance zum Aufstieg? Jedenfalls bleibt Machiavellis Bild von Savonarola, mit dem ihn trotzdem noch viele substantielle Gemeinsamkeiten verbinden, insgesamt wohlwollend positiv. Das haben auch neuere Forschungen zur Thematik, im Gegensatz zu eher oberflächlichen Ansätzen früherer Arbeiten, eindeutig bestätigt.

Inzwischen dürfte auch wissenschaftlich gesichert sein, dass Savonarolas Ausführungen zur Staatstheorie Machiavellis Schriften nachhaltig inspiriert und oft auch direkt beeinflusst haben. Dafür sprechen verwandte Textstellen im „Principe“ und in anderen Werken Machiavellis.




[1] Machiavelli: Der Fürst, „Il Pricipe“. Übersetzt und herausgegeben von Rudolf Zorn. Stuttgart 1978. S. 23. Es ist anzunehmen, dass weite Teile der wirkungsreichen Schrift des politischen Theoretikers nur marginal veränderte Savonarola-Paraphrasen darstellen, Auszüge aus Predigten, die Machiavelli als frommer, regelmäßiger, doch wenig loyaler Zuhörer auf der Kirchenbank nur noch aufschreiben und in Druck geben musste.
[2] Zitiert nach: Dirk Hoeges: Niccolò Machiavelli. Die Macht und der Schein. München 2000. S. 151.
[3] Ebenda, S. 155.





8.9. Einsamkeit, Kontemplation und rhetorischer Auftritt – Savonarola Volkstribun und Redner nach Cicero?


Da Bruder Girolamo Savonarola in seinem kurzen, aber sehr intensiven Leben auf vielen Ebenen agiert und vielfache Aktivitäten entfaltet hat, fällt es kaum auf, dass auch er im Grunde seines Wesens ein Einsamer war, ein einfacher Mönch, der oft in sich selbst versunken in der kargen Zelle betend seinen individuellen Weg zu Gott suchte. Irgendwo war er ein später Anachoret, der in mystischen Phasen seine Visionen hatte und der auch im rationalen Zwiegespräch mit Gott nach Lösungen suchte, über sich hinaus – konkret an den Bedürfnissen der Welt orientiert, in der er lebte.
Nur richteten sich seine Totengespräche nicht, wie einst bei Augustinus oder Petrarca, auf die Auseinandersetzung mit den geliebten Heiden der Antike, mit den Botschaftern des Humanismus, sondern auf die Botschaften der Propheten des Alten und des Neuen Testaments.

Savonarolas Umgang mit der Einsamkeit gleicht dem Erleben der Einsamkeit bei Cicero. Beide ziehen sich in ein stilles, abgeschiedenes Refugium zurück, in die karge Zelle, ins Studierzimmer, entwerfen sich dann aber umso extensiver in der öffentlichen Rede auf dem Forum, im Plädoyer des Anwalts oder auf der Kanzel, wobei die res publica Ciceros bei Savonarola noch um die Sache Gottes erweitert wird.



Der aufgeklärte Römer und politische Pragmatiker Cicero, dem der Polytheismus der Antike nicht mehr bedeutet als eine religiös verbrämte rituelle Angelegenheit, argumentiert ausschließlich diesseitsbezogen, während Savonarola über das „hic et nunc“ der Gesellschaft stets die „lex divina“ als „lex aeterna“ im Auge hat und die Zukunft auf diesem göttlichen Recht entwirft. Gottes Wort, das verinnerlichte Christentum, ist Naturrecht, göttliches Recht und somit einziges Gesetz. Alle positiven Setzungen eines Staates basieren auf diesem göttlichen Recht.

8.10. Einsamkeit und Gesellschaft bei Savonarola.


Savonarola schätzte zwar das Leben in Abgeschiedenheit, weil es ein Leben der Reinheit, der Selbstbesinnung und der religiösen Innerlichkeit war, aber er huldigte ihm nicht in der Ausschließlichkeit wie das zeitweise sein lyrisches Vorbild Petrarca bei Avignon betrieb. Auch sah er im einsamen Leben auch kein Existenzmodell für seine Mitmenschen.
In einer seiner Predigten zur florentinischen Politik aus dem Jahr 1494 heißt es schon zum Auftakt ganz explizit: „Da der Mensch ein soziales Lebewesen ist, das einsam[1] nicht zu leben vermag, ist es notwendig gewesen, dass die Menschen sich untereinander vereinigten und zusammenfanden, in Städten oder Flecken oder Dörfern, und einen gegenseitigen Zusammenschluss für die gemeinsamen Bedürfnisse aller durchführten.“[2]

Damit greift der philosophisch durchaus gebildete Savonarola auf das aristotelische Paradigma zurück, auf die Definition des Menschen als ein „zoon politikon“, als ein gesellschaftliches Tier und stimmt somit dem heidnischen „Naturphilosophen“ – wie er Aristoteles nennt – in diesem Punkt zu. Seit frühesten Zeiten, seit der Zusammenrottung zur Gruppe, ist der Mensch auf die Gesellschaft angewiesen. Er kann ohne die Einbindung in eine soziale Struktur und ohne den Schutz der Gesellschaft - von wenigen Starken, die sich selbst behaupten, einmal abgesehen - weder existieren, noch gedeihen.




[1] Savonarola, Predigten und Schriften. S. 146. Die Aussage, „Da der Mensch ein soziales Lebewesen ist, das einsam nicht zu leben vermag, ist es notwendig gewesen, daß die Menschen sich untereinander vereinigten“, ist eine eindeutige Paraphrase der Aussagen aus dem „Staat“ des Aristoteles („Politik“), wo es, wie oben ausgeführt heißt: Wer aber nicht in Gemeinschaft leben kann oder in seiner Autarkie ihrer nicht bedarf, der ist kein Teil des Staates, sondern ein wildes Tier oder Gott.“ In: Aristoteles, Politik, Übersetzt und herausgegeben von Olof Gigon. München 1996. S. 50. Das ist die „direkte“ Aristoteles-Rezeption, namentlich eines deklarierten Gegners des philosophiedurchdrungenen „Humanismus“ der Zeit, wie er von den Repräsentanten der Akademie von Florenz (Pico, Ficino) gelehrt wurde. Der gute Aristoteles-Kenner Savonarola kennt natürlich auch die Aussage seines dominikanischen Glaubensbruders, Aristotelikers und großen Gewährmannes Sankt Thomas, nur Gott oder der Teufel könne in Einsamkeit leben – und hält deshalb auch an der Definition des Menschen als „Zoon politikon“ fest.
[2] Ebenda.

8.11. Christliche Ethik als geistige Basis der Staatsform – Contra Tyrannis.

 

Die beste Regierungsform ist nach Savonarolas ethischer Überzeugung die Regierung und Leitung des Staatsgebildes durch ein Haupt, mit dem zentralen Zusatz: wenn dieses Haupt gut ist. „Aber wenn ein solches Haupt böse ist, gibt es keine schlechtere Regierungs- und Herrschaftsform als diese, indem ja das Schlechteste der Gegensatz des Besten ist.“[1]

Dies aber ist die Tyrannis, eine jener entarteten Regierungsformen, die schon in der Antike, vor allem seit Platon, verabscheut und bekämpft wird.

Savonarola beschreibt den Tyrannen in seinen sehr klaren Ausführungen zur Staatstheorie[2], deren letzte Fassung aus dem Jahr 1498 stammt, also kurz vor seiner Ermordung abgeschlossen wurde. Sein Tyrannenbild orientiert sich - die Tyrannis-Kritik der Antike genau kennend - an den Gewaltherrschern seiner Zeit, an Ferdinand von Neapel, Ludovico Il Moro, dem Mäzen Leonardos in Mailand, an Cosimo de‘ Medici, an Cesare Borgia, besonders aber an Lorenzo de’ Medici, den Savonarola - als Sozialkritiker und politischer Reformator - mit völlig anderen Augen betrachtet als die Schöngeister, Literaten, Philosophen und Künstler um Lorenzo herum, und an den er viel schärfere ethische Maßstäbe anlegt, als an den offensichtlichen Verbrecher Cesare Borgia, der es, wie es Machiavelli bezeugt, schaffte, nahezu alle seine politischen Gegner umzubringen.

Für die Mitglieder der philosophischen Akademie von Florenz, für Ficino, Picooder Angelo Poliziano war der Erlauchte in erster Linie ein Freund und Förderer, ein Sohn der Sonne, ein Freigeist, liberal und tolerant, ein Mäzen Michelangelos und anderer Künstler, ein Apologet des Schönen überhaupt, der geschickte Diplomat und erfolgreiche Geschäftsmann, der alle seine Tugenden und Fertigkeiten einsetzte, um über den Erhalt des Hauses Medici die Stadt und die Region Florenz zu stärken.

Für Savonarola hingegen war Lorenzo nicht der Dichter, der melancholische Sonette schrieb, sondern lediglich der Erbe und Fortführer einer Dynastie selbstherrlicher Fürsten, die mit Cosimo durch Gewalt an die Macht gekommen war, die auf ihre Weise Terror ausgeübt, politische Gegner ermordet und Missliebige in die Einsamkeit der Verbannung geschickt hatte.

Ungeachtet seiner Nähe zur Welt der Künste und der Akademie und seines Dichtertums sah der Prediger in Lorenzo dem Erlauchten vor allem einen im politischen Alltag rücksichtslosen Despoten, einen selbstherrlichen Machtmenschen, der, zurückgezogen in die Einsamkeit seines „mundus aestheticus“[3], die eigenen Bürger mied, dafür aber Fremde bewirtete und für diese rauschende Dionysien veranstaltete.

Lorenzo war für ihn schlechthin der Tyrann, der sich das nahm, was er wollte und dabei zahlreiche Menschen ins Unglück stürzte. Er verkörperte gar den skrupellosen, jenseits der Moral agierenden „Principe“, der sich möglicherweise nur als Kunstmäzen betätigte, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen.



[1] Savonarola, Predigten und Schriften. S. 1.
[2] Savonarola, Predigten und Schriften. S. 171ff.
[3] Das verklärte Lorenzo de‘ Medici-Bild der Nachwelt erinnert in manchen Zügen an die Stilisierung des „Algabal“ in der Poesie Stefan Georges, der seinen idealisierten und ästhetisierten Protagonisten ebenfalls in eine realitätsferne Welt des „Schönen Scheins“ versetzt.



8.12. „Der Tyrann“ trägt „alle Sünden der Welt im Keim in sich“ - Melancholie als Krankheit: Savonarolas Typologie, Definition und Phänomen-Beschreibung des Renaissance-Macht-Menschen und das Primat des Ethos im Leben und im Staat.

 

In seiner Unterscheidung zwischen Gut und Böse fragte Savonarola nie danach, wer einer war, sondern immer nur, wie einer lebte: Der Lebenswandel, die Taten zählten – und dies bei Papst Alexander VI. ebenso wie bei Lorenzo de‘ Medici.
Savonarola schreibt in seinen staatstheoretischen Ausführungen, die als Kommentare und Verdeutlichung seiner oft entstellt wiedergegebenen Predigten angesehen werden können, zu diesem Thema:

„Tyrann ist der Name eines Menschen von üblem Lebenswandel, des schlechtesten unter allen andern Menschen, der mit Gewalt über alle herrschen will, und besonders, wenn er sich vom Bürger zum Alleinherrscher aufgeschwungen hat. Darum ist als erstes zu sagen, dass er hochmütig ist, indem er sich über seinesgleichen erheben will, vielmehr über die, die besser sind als er, und über die, denen er unterworfen zu sein verdiente: und daher ist er neidisch und betrübt sich über den Ruhm anderer Menschen, und besonders seiner Mitbürger; und er kann es nicht leiden, andre loben zu hören, wenngleich er es oftmals verhehlt und mit Qual im Herzen zuhört; und er ist froh, wenn der Nächste geschmäht wird, so sehr, dass er jedermann getadelt wissen möchte, damit er allein glorreich dastünde. Und wegen der schweren Wahngedanken, Depressionen und Ängste, die stets innerlich an ihm nagen, sucht er Genüsse wie Medizin für seine Niedergeschlagenheit: und darum findet sich selten – oder vielleicht niemals – ein Tyrann, der sich nicht wollüstig den fleischlichen Genüssen hingibt. Und weil er ohne eine Menge Geld nicht auf die Dauer imstande ist, sich die Vergnügungen zu verschaffen, die er wünscht, muß er folgerichtig in ungeordneter Weise nach Besitz begehren: daher wird jeder Tyrann zum habsüchtigen Räuber, denn er reißt nicht nur die Herrschaft an sich, die dem ganzen Volk gehört, sondern er nimmt auch das Gemeindevermögen weg, noch zu dem dazu, was er von den einzelnen Bürgern begeht und wegholt, mit dunklen Geschäften, auf verborgenen Wegen und manchmal ganz offensichtlich. Und aus diesem folgt, dass der Tyrann alle Sünden der Welt im Keim in sich trägt.“[1] 

Thomas von Aquin hatte die „Acedia“ oder „Tristitia“ als die Hauptsünde ausgemacht, als die Quelle und Mutter aller Laster, aus der alle anderen Sünden hervorgehen. Savonarola, der die Schriften dieses Meister-Scholasten besonders gut kennt, namentlich die „Summa theologiae“, lehnt sich - auch in diesem Punkt - an Thomas an und identifiziert den Tyrannen als den Träger dieses sündhaften Keims.




[1] Savonarola, Predigten und Schriften. S. 180f.




8.13. Genies des Bösen – Lorenzo de’ Medici und der Borgia-Clan.


Der hier von Savonarola beschriebene Tyrann, als dessen Prototypen in der römischen Geschichte vor allem Caligula und Nero gelten können, ist der Melancholiker überhaupt, dem letztendlich nur der Wahn bleibt. Dieser sündhafte, mit allen Lastern der Welt ausgestattete Tyrann, zieht sich in die Einsamkeit der Macht zurück und verfällt in ihr im Misstrauen und Weltekel der Vereinsamung, der krankhaften Melancholie, hinter welcher nur noch Verzweiflung und Wahn lauern.

Der Tyrann in der höchst luziden Umschreibung Savonarolas kommt dem antiken Machtmenschen in der Auffassung der Sophisten sehr nahe. Er steht für das rücksichtslose Individuum, das sich nimmt, was es will, welches aber – im Gegensatz zum ähnlich gelagerten, doch schöpferischen Renaissance-Künstler, aus der Negativität heraus agiert. Sein Hauptcharakterzug ist die Hybris, die Verstiegenheit oder, christlich gesprochen, die Sünde, aus der dann Laster und Krankheiten entspringen. Dieser Melancholiker-Typus hat nichts mehr mit dem illustren Menschen zu tun, mit dem Genie in der Auffassung von Aristoteles, mit dem verklärten Feingeist, der sich in Savonarolas Umfeld der Akademie von Florenz noch höchster Wertschätzung erfreut – nein: Er ist das Gegenteil davon, er verkörpert das Genie des Bösen.
Das Los aller Diktatoren und Usurpatoren bis hin zu den finstern Gewaltherrschern[1] totalitärer Systeme im 20. Jahrhundert ist letztendlich der Verfall in weltabgewandtes, die Realitäten verkennendes Irresein. Tyrannen, Usurpatoren und Diktatoren der Neuzeit werden - mit zunehmender Isolation - von Wahnvorstellungen regiert, die oft Verbrechen in kaum noch nachvollziehbaren Dimensionen auslösen. Neben einer Fülle negativer Eigenschaften vereint dieser Typus des Melancholikers eine Reihe charakteristischer Symptome in sich: Depressionen, schwere Wahngedanken, Ängste und die Niedergeschlagenheit, alles Merkmale, die das Phänomen der Melancholie aus psychopathologischer Sicht umschreiben.

Fast hat man das Gefühl, Savonarola konnte das geheime Schrifttum seines Landsmannes Petrarca nicht nur gekannt, sondern sogar intensiv studiert haben, denn das, was er als Mann Gottes anklagend zu Protokoll gibt, findet sich, wie oben dargestellt, in Petrarcas „Secretum“ wieder, in einem geheim gehaltenen, ja vor der Welt versteckten Werk.
Bemerkenswert: Auch Savonarola akzentuiert den Aspekt der Wollust als – an sich ungeeignetes Mittel der Melancholie-Bewältigung und Therapie. Wie schon Savonarolas philosophischer Konterpart Ficino am Fall des Epikureers Lukrez darlegte, versucht der Melancholiker sein Leiden zu überwinden, indem er sich übermäßig in die Fleischeslust stürzt. Das sieht der asketisch lebende Prediger und Purist Savonarola ähnlich, wenn er in seiner Beschreibung des Tyrannen als Melancholiker ein weiteres schattenhaftes Lorenzo-Bild wachruft, das Bild des Lasterhaften, das dieser im Bewusstsein seiner Zeitgenossen verkörperte: „libidinoso e tutto venereo“, nämlich das des „Wollüstigen“, ja des „Wüstlings“, der sich – als „usurpatore della roba“ - zur bloßen Triebbefriedigung - und ohne Rücksicht auf den betroffenen Menschen – mit Gewalt das nimmt, was er begehrt.

Teilweise schwebt dem Zeit- und Religionskritiker Savonarola aber auch das moralisch verheerende Beispiel des Borgia-Clans vor, namentlich des Cesare Borgia, der – neben seinen vielfachen Verbrechen – auch noch den Kardinalshut trug sowie das noch verwerflichere Image des Borgia Papstes, des angeblichen Päderasten Alexander VI. – „lussurioso in ambo“, der als geistlicher Fürst und Oberhirte in den Augen eines strengen Gläubigen noch viel tiefer gesunken war als der weltliche Herrscher und Fürst Lorenzo de’ MediciBeide Machtfiguren der Renaissance- und Reformationsepoche, der weltliche Fürst ebenso wie der geistliche Führer, haben eine hohe moralische Vorbildfunktion inne, der sie nicht gerecht werden. Bei Borgia, den Savonarola noch in seiner letzten Predigt indirekt als Sohn der Wollust bezeichnet, ist dies aber umso schlimmer, da er nicht nur eine politische Einheit, ein Fürstentum oder einen Staat repräsentiert, sondern das geistige Oberhaupt der gesamten Christenheit darstellt. Mit der hier eindeutig vorgenommenen Festlegung des Tyrannen auf eine krankhafte Melancholie verschiebt sich die Melancholie-Auffassung der Zeit stark ins Negative. Als Negativcharakteristikum stellt sie einen neuen Aspekt dar. Melancholie ist jetzt nicht mehr das Kennzeichen des genialen Individuums, kein Phänomen, das man auch noch lieben und verherrlichen kann, sondern das Stigma des Tyrannen, des Diktators, des Verbrechers: Der Gewaltherrscher erscheint nun als der große Einsame, der, je mehr in der Hierarchie der Machtvervollkommnung steigt, umso weltfremder und einsamer wird.

Mit der Verknüpfung von Negativmelancholie und Tyrannis ist ein Typus definiert, den die Literatur der kommenden Jahrhunderte noch stärker herausarbeiten wird. Beginnend mit den großen Einsamen Shakespeares führt die Gestaltung des Themas bis in die französische Literatur des 20. Jahrhunderts, die sich im geistigen Umfeld der Existenzphilosophie ausbilden wird.





[1] Verwiesen sei hier lediglich auf die größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte, auf Hitler und Stalin, paranoide Gestalten, die im Verlauf ihres Lebens immer einsamer wurden und allen misstrauten, die um sie waren.




8.14. Thomasso Campanellas idealer Gegenentwurf zum Typus des Tyrannen in seiner christlich-kommunistischen Utopie „Città del sole“.

 

Das positive Gegenbild zum dekadenten Gewaltherrscher könnte Savonarola in einem Herrschertyp erkannt haben wie ihn Mark Aurel, der Philosoph auf dem Thron, verkörperte; in einem Kaiser oder Principe, der unter Beherrschung seiner eigenen Affekte eine ethisch fundierte Regierungsform umsetzt.

Thomasso Campanella[1], ein weiterer Dominikaner und Zeitgenosse Giordano Brunos – wie Savonarola und Bruno gesellschaftlich geächtet, verfolgt und für lange Jahre in den Kerker geworfen – nutzte sein Leben in der Einsamkeit um in seinem Sonnenstaat „Città del sole“ eine christlich-kommunistische Utopie zu entwerfen, eine Staatsform, die, wie schon bei Platon angestrebt, von erhabenen Priesterphilosophen geleitet wird. An der Spitze dieses Staatmodells sollte ein idealer Papst agieren, ein Oberhirte der Christenheit, welcher sich vom wohl berüchtigtsten Papst der Renaissance und aller Zeiten, von dem lasterhaften Borgia, in extremer Positivität abhob. Im Jesuitenstaat Paraguay wurde dieses Modell bis zu einem gewissen Grad umgesetzt.




[1] Campanella, Thommaso: Philosophische Gedichte, übersetzt und herausgegeben von Thomas Flasch, Frankfurt 1996.


8.15. Golgatha - Traurigkeit und Verlassenheit in der Todeszelle und auf dem Scheiterhaufen.


Frate Girolamo kannte aber auch noch eine andere Form der Melancholie, eine individuelle und existenzielle. Schließlich war er sowohl als charakterlicher wie als religiöser Melancholiker mit den negativen Auswirkungen der Phänomene gut vertraut. Die beiden Predigten seiner letzten Tage und Stunden „Miserere mei, Deus“ und „In te, Domine, speravi“ zeugen davon.

In den letzten Tagen vor seiner Ermordung durch seine päpstlichen Henker und deren Helfershelfer aus der florentinischen Bürgerschaft, muss der Prior die einsame Zelle im Kloster von San Marco gegen eine noch einsamere Gefängniszelle eintauschen. Diese letzte Station unfreiwilliger Isolation wird, wie ihm bald bewusst werden sollte, zugleich seine Todeszelle sein. Systematisch gefoltert, physisch wie psychisch gequält und gedemütigt, durchlebt Savonarola in jener engen, dunklen Haftzelle eine Reihe von existenziellen Grenzsituationen, in welchen sich immer wieder tiefe Heimsuchungen von Melancholie, Verlassenheit und naher Verzweiflung einstellen.

Bild 6.
Christus am Kreuz,
Arkau-Wald, Bad Mergentheim

Jene Haltung, die von außen betrachtet vielleicht heroisch erscheinen mag, ist in Wirklichkeit ein fast übermenschliches Erleiden von Seelenqualen zwischen schmerzlicher Verzweiflung und hoffnungsvoller Errettung. Savonarolas letzter Leidensweg, beginnend mit der Verhaftung, der Geißelung und dem Märtyrertod auf dem Scheiterhaufen, gleicht in vielen Elementen der Passionsgeschichte Christi, in der das menschliche Leiden während des Lebensweges eingefangen ist – archetypisch, von der Stunde der Geburt bis hin zum individuellen Tod. Auch sind da noch mehr Parallelen: Wie Jesus Christus folgt der Charismatiker und große Visionär seiner inneren Berufung und Bestimmung: Er lehrt das Wort Gottes, er stiftet Frieden in turbulenten Tagen politischer Machtkämpfe und Intrigen, er bannt Unheil in Florenz, er brandmarkt die Laster, er entfernt die Schurken aus den Zentren der politischen Macht, er will den großen Tempel Katholische Kirche reinigen – und er bezahlt schließlich sein idealistisches, zutiefst altruistisches Engagement auf politischer, sozialer und religiöser Ebene mit Stigmatisierung, Verleumdung, Exkommunikation, Kerkerhaft und Martyrium.

Selbst die Erfahrung letzter Verlassenheit wird Savonarola nicht erspart bleiben. Er wird von seinem Volk, von seiner Anhängerschaft verlassen werden. Seine Getreuen, die bis zuletzt loyal zu ihm stehen, werden ihn nicht in den Tod begleiten können. Die letzten Stunden Savonarolas in der Kerkerzelle, auf den zur letzten Gewissheit gewordenen Tod wartend, sind dem Golgatha-Erlebnis Christi am Kreuz vergleichbar: Golgatha – das ist letztes und tiefstes Erleben und Durchleiden von Vereinsamung, von extremer Verlassenheit, in Todesangst und in Anflügen von Verzweiflung.



8.16. Hybris und Zuflucht zu Gott – „in Schwermut und voll Schmerz“!


In solchen Extrem-Situationen, wo alles Irdische unwichtig wird, formuliert der große Reformator vor Luther seine Klage, die er in besonderer christlicher Demut als „mea culpa, mea maxima culpa“ zur – an sich unbegründeten – Selbstanklage steigert, denn seine Sache war stets uneigennützig die Sache Gottes:

„Unselig, wie ich bin, verlassen von jedermanns Hilfe, der ich den Himmel beleidigt habe und die Erde!
Wo soll ich hingehen? an wen mich wenden? zu wem flüchten? wer wird mit mir Erbarmen haben?
Ich wage nicht, die Augen zum Himmel zu erheben, denn gegen ihn habe ich schwer gesündigt. Auf der Erde finde ich keine Zuflucht, denn ich bin ihr zum Ärgernis geworden. Was soll ich also tun?
Werde ich verzweifeln?
Gewiss nicht. Gott ist barmherzig, mein Erlöser ist voll väterlicher Liebe.
Wohlan, Gott allein ist meine Zuflucht. Er wird sein Werk nicht verachten, wird sein Bild nicht von sich jagen.
Zu dir also, du liebreicher Gott, flüchte ich, und komme ganz in Schwermut und voll Schmerz, denn du allein bist meine Hoffnung, du allein meine Zuflucht. Aber was soll ich dir sagen, da ich ja nicht die Augen zu erheben wage? Ich werde Worte des Schmerzes vergießen und deine Barmherzigkeit anflehen und sagen:

„Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam.“[1]

Wer diese Predigt heute liest, fühlt sich an Franz Schuberts schlichte und zugleich geniale Vertonung jener altkatholischen Weise erinnert, in der sich Savonarolas Worte nahezu identisch wiederfinden:

„Wohin soll ich mich wenden,
wenn Gram und Schmerz mich drücken?
Wem künd' ich mein Entzücken,
wenn freudig pocht mein Herz?
Zu dir, zu dir, o Vater,
komm ich in Freud' und Leiden,
du sendest ja die Freuden,
du heilest jeden Schmerz.

Savonarola nimmt sich selbst zurück. Er bezichtigt sich der Hybris, der Verstiegenheit, des Hochmuts und somit der Sünde – und wirft sich somit all das vor, war er früher den melancholischen Tyrannen und Macht-Usurpatoren einer und aller Zeiten vorgeworfen hatte. Und dies, obwohl er die Sache Gottes sowie die von höherer Warte an ihn herangetragene Mission der Katharsis und Reformation nie aus den Augen verloren oder mit unredlichen, amoralischen Mitteln durchgesetzt hatte! Oder doch?

Der objektiv gescheiterte Erneuerer der christlichen Kirche begibt sich auf die Stufe des einfachen Sünders, des Menschen, der versagt hat. Hatte er versagt? Womit hatte der aufrichtige Christ, den es nach einer geläuterten Kirche und einem vereinten Vaterland verlangte, gegen den Himmel gesündigt? Etwa, als er, die Grenzen des Glaubens sprengend, ein Wunder provozieren wollte, indem er - wohl schon in Antizipation der drohenden Verbrennung auf dem Scheiterhaufen - durch einen Korridor lodernder Flammen zu gehen versprach, dann aber doch zögerte und allzu menschlich zurück schreckte? Zweifelte das schwache, unentschlossene Individuum damit also letztendlich auch an Gott? Verwiesen die Selbstzweifel, dem Feuermeer heil zu entkommen, und das symbolträchtige Zurückweichen auf fehlendes Gottvertrauen - und waren sie deshalb gleichbedeutend mit sündhaftem Verhalten? War dieser Akt menschlicher Unzulänglichkeit und Schwäche ein Beweis von Hybris, einer Untat, die über die Preisgabe des eigenen Lebens abgestraft werden musste?





[1] Savonarola, Predigten und Schriften. S. 365.


8.17. Melancholia - „In te, Domine, speravi“, letzte Einsamkeit und existenzielle Traurigkeit - Hoffnung gegen Melancholie?

 

Savonarola, nach eigener Auffassung ein später Prophet, stets Gott vertrauend - im Bewusstsein, nur ein Medium, nur ein Instrument göttlicher Willensausübung zu sein, war bereits einmal der menschlichen Schwäche erlegen, indem er – fern von egoistischen Absichten, doch die Sache Gottes vergessend - irdische Notwendigkeiten über religiöse Zwecke stellte, nämlich seinerzeit, als er auch das politische Schicksal der Stadt Florenz bestimmen und gegen den feudal-aristokratischen Clan der Medici das Blatt für die „res publica“ hatte wenden wollen? Hatte er damit das irdische Wohlbefinden der Gemeinschaft über das Seelenheil des Einzelnen gestellt und somit den religiösen Endzweck verraten? Vielleicht!

Nach dem Scheitern als politisch Handelnder, als Gläubiger und letztendlich auch als Mensch stellte sich totale Verzweiflung ein, die ins Metaphysische ausgedehnt wurde. Doch war nicht auch der religiöse und sozialpolitische Erneuerer Jesus Christus in einer ähnlichen Verzweiflungslage als er – gar als Gott und Mensch zugleich – am Kreuz anklagend ausrief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Wer, wie Christus und Savonarola, alles gegeben hat, um die hehrsten aller Ziele zu erreichen, darf diesen leisen Vorwurf formulieren – selbst an die Adresse Gottes, dessen tiefen Pläne nicht durchschaut werden können.

Das Schuldigwerden und das Scheitern sind Wesenheiten der menschlichen Existenz – in vielen Formen. Savonarola ist sich dieser vermeintlichen Sünde und Schuld bewusst. Als geschulter Dominikaner weiß er, dass die von Zweifeln genährte „Schwermut“ aus scholastischer Sicht einer Hauptsünde gleichkommt, aus der alles Böse emaniert. Diese „Schwermut“ ist die berüchtigte „Accidia“ oder „Tristitia“, die auch ein Petrarca tief erfahren hat, nur anders ausgedrückt. Der Prediger Savonarola steht zu dieser sündhaften Haltung in Schwermut und bekennt sich zu ihr – in Demut. Deshalb ist die innig erlebte Vereinsamung ebenso echt wie das Gefühl der Verzweiflung.

Nur der Prior von San Marco wird nicht verzweifeln. Er wird sich noch einmal aufbäumen und in nahezu übermenschlicher Anstrengung die körperlichen Folter ertragen, so wie Christus seine Geißelung durch römische Heiden und Handlanger aus dem Judentum ertragen hat;  Savonarola wird - am großen Vorbild orientiert - als Märtyrer ausharren und als solcher den letzten einsamen Gang beschreiten: den grausamsten aller Wege, den Weg in den Flammen-Tod!

Savonarola, der während den zahlreichen Misshandlungen im inquisitorischen Verhör - richtungweisend für Giordano Bruno und bis zu einem gewissen Grad auch für Galileo Galilei - weder gestehen noch widerrufen wird, ist auch in der nahen Stunde seines Todes von dem Bewusstsein erfüllt, aus dem irdischen Jammertal, aus den Abgründen des Elends dieser Welt in die Sphären der Geistigkeit und des Lichts hinüber zu schreiten.

In seinem letzten großen Dokument „In te, Domine, speravi“ steht das Gefühl der letzten Einsamkeit, der tiefen Melancholie, als existenzielle Traurigkeit im Mittelpunkt.

Es ist wiederum nicht die Acedia der frühchristlichen Eremiten, die vom Mittagsdämon herrührt, oder die bei Thomas von Aquin und Bonaventura abgehandelte Tristitia, die der Langeweile entspringt, sondern es ist existenzielle Traurigkeit, die dann aufkommt, wenn die gesamte Sinnstruktur der Existenz einbricht, wenn das irdische Leben sinnlos wird – im Angesicht der Vergänglichkeit und des Todes:

Die Traurigkeit hält mich belagert; mit großem, starkem Heer hat sie mich umgeben; sie hat mein Herz besetzt; mit Lärm und Waffen, bei Tag und Nacht läßt sie nicht ab, gegen mich zu kämpfen.
Meine Freunde sind in ihrem Lager und sind mir Feind geworden. Alle Dinge, die ich sehe, alle Dinge, die ich höre, halten mir die Banner der Traurigkeit entgegen.
Das Gedenken an die Freunde macht mich traurig; die Erinnerung an meine Söhne drückt mich nieder;
die Betrachtung des Klosters und der Zelle foltert mich;
die Meditation über meine Studien tut mir weh;
der Gedanke an meine Sünden drückt mich sehr; und wie denen, die Fieber haben, alles Süße bitter scheint, so verkehrt sich mir alles in Schmerz und Traurigkeit.
Sicher, große Last auf dem Herzen ist diese Traurigkeit;
sie ist ein Schlangengift, eine todbringende Pest:
sie murrt gegen Gott,
lässt nicht ab zu lästern,
treibt zur Verzweiflung.
Ich unglücklicher Mensch, was soll ich tun?
Wer wird es sein, der mich aus ihren gottesräuberischen Händen befreit?
Wenn alles, was ich seh‘ und höre, ihren Feldzeichen folgt und gegen mich kämpft – wer wird dann mein Schützer sein?
Wer wird mir helfen?
Wohin soll ich gehen?
Auf welche Weise kann ich fliehen?
Ich weiß, was ich tun werde.
Ich will mich den unsichtbaren Dingen zuwenden und sie gegen die sichtbaren setzen. Und wer wird Hauptmann und Führer eines so erhabenen und so schrecklichen Heeres werden? Es wird die Hoffnung sein, die dem Unsichtbaren zugehört.
Die Hoffnung, sag ich, wird sich der Traurigkeit entgegenstellen und sie besiegen.[1]

Hoffnung gegen Melancholie? Augustinus hatte diese Qualen des Zweifelns und Verzweifelns durchlebt und in seinen Gesprächen mit sich selbst, in jenen „Soliloquien,“ festgehalten, jedoch nur bis zu einem gewissen Grad – und nicht existenziell exponiert. Petrarca hat die gleiche Auseinandersetzung mit den Heimsuchungen der Melancholie Jahrhunderte später in Rückbesinnung auf das Vorbild Augustinus in der Schrift über die Weltverachtung, in seinem „Secretum“, wieder aufleben lassen, aber auch er nicht unmittelbar betroffen, gar vom nahen Tode bedroht. An diese Tradition des geistig-spirituellen Ankämpfens gegen die Melancholie und ihre Begleitphänomene mit Vernunft-Argumenten und Glaubensüberzeugungen knüpft nun Savonarola wieder an, im Versuch, sich mental über die Traurigkeit und Verlassenheit hinweg zu setzen, indem er letztendlich auf göttliche Rettung hofft. Der Überhand nehmenden, alles zerstörenden Melancholie setzt er den Glauben an einen christlichen „deus ex machina“ entgegen, auf dessen endgültige Rettungstat er bis zum bitteren Ende zählt. Seine einzige Hoffnung überhaupt – das ist der liebende, gnadenreiche, alles vergebende Gott der Christenheit.




[1] Savonarola, Predigten und Schriften. 


8.18. Auch Päpste irren! Schweigepflicht, Exkommunikation, Inquisition, Folter – Reformator Savonarola stirbt den Flammentod in Florenz.


Die letzten Tage des Martyriums in der Todeszelle sind ein Nacherleben des Passionsganges Christi vom Weg hinauf zum Ölberg bis hin zur Kreuzigung auf der Schädelstätte. Selbst Jesus muss den Willen des Vaters hinnehmen und das letzte Verlassensein ertragen, dem ein Mensch ausgesetzt werden kann – die Gottverlassenheit, die einer absoluten Verlassenheit im Irdischen gleichkommt. Jesus fügte sich und nahm das Wollen des Vaters an in einem einsichtigen wie schmerzvoll resignativen: „Dein Wille geschehe“, jedoch ohne zu verzweifeln. Der leidensfähige Dominikaner folgt ihm darin mit übermenschlicher Kraft und mit der fatalistischen Fügung alttestamentarischer Propheten, die himmlische Unterstützung gefunden hat. Die Aufrichtigkeit, eine Eigenschaft, die sich durch das gesamte Leben Savonarolas zieht und aus allen seinen Predigten spricht, bestimmt auch die letzten Stunden seines Seins. Er scheut es nicht, von seinem maßlosen Schmerz zu sprechen, der in tiefer Traurigkeit gipfelt, in der giftigen, todbringenden Pest, die gegen Gott murrt und lästert und den Leidenden bis zur Verzweiflung treibt. Doch er widersteht ihr, wie er bis dahin allem widerstanden hatte, was ihn bedrohte: die Schweigepflicht, die Exkommunikation, die Folter, im Zurückgriff auf den letzten Wert, auf den unerschütterlichen Glauben an Gott.

Als ihn ein sittenloser, verbrecherischer Papst ohne Grund exkommunizierte, wusste sich Savonarola zu wehren. Wie sein Ordensbruder Meister Eckhart zwei Jahrhunderte vor ihm in Avignon antrat, um kühne Thesen zu rechtfertigen, dann aber angeblich spurlos verschwand, ohne dass seine Rechtfertigungen bekannt geworden wären; und ebenso wie Savonarolas Anhänger Graf Pico della Mirandola antrat, um die Verdammung seiner 900 Thesen mit der neuen Schrift Heptaplus zu rechtfertigen, um dann für seine mutige Haltung und Vision Jahre in Verbannung leben zu müssen und schließlich, so vermutet man, als Anhänger Savonarolas vergiftet zu werden, so wehrte sich Savonarola selbst gegen die Exkommunikation.

Sein Landsmann und Ordensbruder Giordano Bruno wird ihm im gleichen Bewusstsein hundert Jahre später auf den Scheiterhaufen der Inquisition folgen und dabei die Worte aussprechen, die auch von Bruder Girolamo stammen könnten: „Majori forsan cum timore sententiam in me fertis quam ego accipiam“ – Mit größerer Furcht wohl sprecht Ihr mir das Urteil, als ich es empfange. Das geht noch über die Haltung und das Bewusstsein frühchristlichen Märtyrer hinaus, die in den Löwengruben Roms für ihren Glauben das Leben lassen mussten. In seinen Predigten zum Exodus, die der Vatikan auf den Index gesetzt hat, schmettert Savonarola dem Kirchenfürsten genau das entgegen, was dieser am wenigsten geneigt ist zu hören und zu begreifen. Seine Apologie ist die eines reinen, autarken Bewusstseins mit der zentralen Aussage: auch ein Papst kann irren! Denn das Irren ist menschlich – und auch ein Papst ist ein Mensch. Darüber hinaus entstehen Irrtümer auf falschen Denkvoraussetzungen oder falschen und gefälschten Informationen. Dass Päpste irren, beweist nicht zuletzt die Geschichte, die festhält, dass ein Papst die Erlasse seiner Vorgänger abgeändert und aufgelöst hat.

Savonarola bleibt bis zu seiner letzten Stunde ein heroischer Mensch, ein Märtyrer des Glaubens, an dem er ungeachtet all der Folterqualen in einer bewundernswerten Willensleistung festhält. Diese Haltung, sein konsequentes Leben und Wirken sowie sein über seine Zeit hinaus strahlendes, reformatorisches Werk machen aus Savonarola eines jener großen Individuen, die der Geist der Renaissance hervorgebracht hat – Individuen, die weite Strecken ihres schaffensreichen Lebens Einsame waren.




8.19. Giordano Bruno und die Flammen der Inquisition – Der Märtyrer-Tod auf dem Scheiterhaufen wiederholt sich … doch.


„tanti uomini, che in terra hanno voluto gustare vita celeste, dissero con una voce: ecce elongavi fugiens et mansi in solitudine“
Schopenhauer zitiert „Jordanus Brunus“,
in: Aphorismen zur Lebensweisheit.[1]
„In hilaritate tristis: in tristitia hilaris“.
Giordano Bruno, Motto zu „Candelaio“[2].


Hundert Jahre nach dem kühl inszenierten Justizmord an dem Dominikanermönch Savonarola, der als großer Visionär seiner Zeit weit voraus war, folgte ein weiterer Justizmord. Die tragische Geschichte schien sich zu wiederholen. Wieder loderte ein Scheiterhaufen auf italienischem Boden. Doch diesmal nicht auf der Piazza del Popolo in Florenz, sondern auf dem Campo dei Fiori, im Herzen der Ewigen Stadt Rom. Und wieder griffen die Flammen der Inquisition nach einem Denker gegen seine Zeit, nach einem Visionär, der an die Göttlichkeit der Natur und an die Unendlichkeit des Weltalls glaubte, nach einem Freigeist, der sein Leben dem freien Denken, der freien Forschung und freien Lehre gewidmet hatte, nach einem Philosophen und Schriftsteller, der nur das freie Wort verkündet hatte – und dafür wie sein Ordensbruder Savonarola vertrieben, exkommuniziert und schließlich als Schismatiker und Herätiker verbrannt wurde, nachdem man schon seine Werke dem Feuer geopfert hatte. Während diese auf den Stufen des Sankt Peter verglühten, züngelten die Flammen nach seinem nackten, lebenden Körper – so endete Giordano Bruno – ein weiteres Menschheitsgenie in obskurer Zeit. Nach einem rastlosen Leben auf einsamer Wanderschaft, das ihn, den faustischen Menschen der Spätrenaissance, nach der Flucht aus dem Kloster über Paris und Oxford nach Wittenberg führte, wo er vorübergehend eine Heimat fand, geriet er – als Lutheraner verdächtigt - in Venedig in die Fänge der Inquisition, aus denen es für ihn kein Entkommen geben sollte. Auch Bruno, dem Bewunderer des Kopernikus und Zeitgenosse Galileis, blieb es nicht erspart, die lichte Klosterzelle in ein finsteres Kerkerloch eintauschen zu müssen. Giordano Bruno verbrachte - bis zu seiner Aburteilung und Exekution - ganze acht Jahre in extremer Isolation, in der Einsamkeit eines Turms nahe der Engelsburg, dem Zufluchtsort der Päpste, nur einen Steinwurf vom Herz der Christenheit entfernt, um dort, im Kerkerverließ unter psychischen und physischen Leiden für Gedanken, für Überzeugungen zu büßen, die er nicht widerrufen wollte. Savonarolas letzte Aufzeichnungen sind erhalten – und mit ihnen sein leidvoller Kampf gegen die Melancholie. Von den Qualen Brunos in achtjähriger Zwangseinsamkeit aber ist nichts überliefert.







[1] Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit. Herausgegeben von Rudolf Marx. Stuttgart 1956. S. 163 bzw. S. 275, „Soviel Menschen, die auf Erden ein himmlisches Leben schmecken wollten, sagten wie aus einem Munde: Siehe, ich bin geflohen eine lange Zeit und geblieben in der Einsamkeit.“
[2] Zitiert nach Völker, L., S. 513. „In der Freude traurig: in der Trauer froh.“




Leseprobe aus: Carl Gibson, Koryphäen der Einsamkeit und Melancholie in Philosophie und Dichtung aus Antike, Renaissance und Moderne, von Ovid und Seneca zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche.


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Zur Person/ Vita Carl Gibson - Wikipedia:

https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gibson_(Autor)


Inhalt des Buches: 


Carl Gibson


Koryphäen
der
Einsamkeit und Melancholie
in
Philosophie und Dichtung
aus Antike, Renaissance und Moderne,
von Ovid und Seneca


zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche


Carl Gibson

Koryphäen
der
Einsamkeit und Melancholie
in
Philosophie und Dichtung
aus Antike, Renaissance und Moderne,
von Ovid und Seneca
zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche





Das 521 Seiten umfassende Buch ist am 20 Juli 2015 erschienen. 

Carl Gibson

Koryphäen
der
Einsamkeit und Melancholie
in
Philosophie und Dichtung
aus Antike, Renaissance und Moderne,
von Ovid und Seneca
zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche


Motivik europäischer Geistesgeschichte und anthropologische Phänomenbeschreibung – Existenzmodell „Einsamkeit“ als „conditio sine qua non“ geistig-künstlerischen Schaffens


Mit Beiträgen zu:

Epikur, Cicero, Augustinus, Petrarca, Meister Eckhart, Heinrich Seuse, Ficino, Pico della Mirandola, Lorenzo de’ Medici, Michelangelo, Leonardo da Vinci, Savonarola, Robert Burton, Montaigne, Jean-Jacques Rousseau, Chamfort, J. G. Zimmermann, Kant, Jaspers und Heidegger,


dargestellt in Aufsätzen, Interpretationen und wissenschaftlichen Essays

1. Auflage, Juli 2015
Copyright © Carl Gibson 2015
Bad Mergentheim

Alle Rechte vorbehalten.


ISBN: 978-3-00-049939-5


Aus der Reihe:

Schriften zur Literatur, Philosophie, Geistesgeschichte
und Kritisches zum Zeitgeschehen. Bd. 2, 2015

Herausgegeben vom
Institut zur Aufklärung und Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Europa, Bad Mergentheim


Bestellungen direkt beim Autor Carl Gibson,

Email: carlgibsongermany@gmail.com

-         oder regulär über den Buchhandel.

„Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit!“ – Das verkündet Friedrich Nietzsche in seinem „Zarathustra“ als einer der Einsamsten überhaupt aus der langen Reihe illustrer Melancholiker seit der Antike. Einsamkeit – Segen oder Fluch?

Nach Aristoteles, Thomas von Aquin und Savonarola ist das „zoon politikon“ Mensch nicht für ein Leben in Einsamkeit bestimmt – nur Gott oder der Teufel könnten in Einsamkeit existieren. Andere Koryphäen und Apologeten des Lebens in Abgeschiedenheit und Zurückgezogenheit werden in der Einsamkeit die Schaffensbedingung des schöpferischen Menschen schlechthin erkennen, Dichter, Maler, Komponisten, selbst Staatsmänner und Monarchen wie Friedrich der Große oder Erz-Melancholiker Ludwig II. von Bayern – Sie alle werden das einsame Leben als Form der Selbstbestimmung und Freiheit in den Himmel heben, nicht anders als seinerzeit die Renaissance-Genies Michelangelo und Leonardo da Vinci.

Alle großen Leidenschaften entstehen in der Einsamkeit, postuliert der Vordenker der Französischen Revolution, Jean-Jacques Rousseau, das Massen-Dasein genauso ablehnend wie mancher solitäre Denker in zwei Jahrtausenden, beginnend mit Vorsokratikern wie Empedokles oder Demokrit bis hin zu Martin Heidegger, der das Sein in der Uneigentlichkeit als eine dem modernen Menschen nicht angemessene Lebensform geißelt. Ovid und Seneca verfassten große Werke der Weltliteratur isoliert in der Verbannung. Petrarca lebte viele Jahre seiner Schaffenszeit einsam bei Avignon in der Provence. Selbst Montaigne verschwand für zehn Jahre in seinem Turm, um, lange nach dem stoischen Weltenlenker Mark Aurel, zum Selbst zu gelangen und aus frei gewählter Einsamkeit heraus zu wirken.

Weshalb zog es geniale Menschen in die Einsamkeit? Waren alle Genies Melancholiker? Wer ist zur Melancholie gestimmt, disponiert? Was bedingt ein Leben in Einsamkeit überhauptWelche Typen bringt die Einsamkeit hervor? Was treibt uns in die neue Einsamkeit? Weshalb leben wir heute in einer anonymen Single-Gesellschaft? Wer entscheidet über ein leidvolles Los im unfreiwilligen Alleinsein, in Vereinsamung und Depression oder über ein erfülltes, glückliches Dasein in trauter Zweisamkeit? Das sind existenzbestimmende Fragen, die über unser alltägliches Wohl und Wehe entscheiden. Große Geister, Dichter, Philosophen von Rang, haben darauf geantwortet – richtungweisend für Gleichgesinnte in ähnlicher Existenzlage, aber auch gültig für den Normalsterblichen, der in verfahrener Situation nach Lösungen und Auswegen sucht. Dieses Buch zielt auf das Verstehen der anthropologischen Phänomene und Grunderfahrungen Einsamkeit, Vereinsamung, Melancholie und Acedia im hermeneutischen Prozess als Voraussetzung ihrer Bewältigung. Erkenntnisse einer langen Phänomen-Geschichte können so von unmittelbar Betroffenen existentiell umgesetzt werden und auch in die „Therapie“ einfließen.

Carl Gibson, Praktizierender Philosoph, Literaturwissenschaftler, Zeitkritiker, zwölf Buchveröffentlichungen. Hauptwerke: Lenau. Leben – Werk – Wirkung. Heidelberg 1989, Symphonie der Freiheit, 2008, Allein in der Revolte, 2013, Die Zeit der Chamäleons, 2014.




ISBN: 978-3-00-049939-5



Inhalt:


Einleitung: „Einsamkeit“ heute – Segen oder Fluch?
Der Mensch der Single-Gesellschaft – Leben im uneigentlichen Sein?

Teil I: Griechisch-römische Antike

1. Waren die heiteren Griechen auch einsam? Das Verständnis von Einsamkeit und Melancholie bei Vorsokratikern und Aristoteles.
1.2. Der Melancholiker – ein Genie? - Empedokles, Demokrit und eine nicht authentische, missverstandene Aristoteles-Sentenz
1.3. Im Garten des Epikur – Lebe zurückgezogen! Das naturgemäße Leben im Verborgenen.
2. Marcus Tullius Cicero - Einsamkeit und Gesellschaft: Musischer Rückzug in den ruhigen Hafen – „otio“ - „Gespräche in Tusculum“
3. Ovidius Naso in Verbannung in Tomis, am Schwarzen Meer – Vereinsamung und Melancholie im Spätwerk, in den Elegien „Tristia“ und in den Briefen „Epistulae ex Ponto“.
3. 1. „einsam lieg’ ich am Strande des äußersten Endes der Erde“ - Zur Einsamkeit verdammt am Ende der Welt: Ovids melancholische Dichtung vom Pontus
3. 2. Nemo propheta in patria?
3. 3. Kummer, „aegritudo“, „mania“, „melankolia“ in Ciceros „Disputationes Tusculanae“ - Bellerophon, der antike Einsame, Unbehauste; Einsamkeit und Melancholie in der mythisch-analytischen Zeitdiskussion.
3. 4. Psychosomatik
3. 5. Das „Schwarze Meer“ und „Tomis“ – antike Unort(e)?
3. 6. Künstlerisches Schaffen in Einsamkeit an sich und als Selbsttherapie
3. 7. Melancholie und Versöhnung – Concordia und Amor fati
4. Lucius Annäus Seneca - Lebe zurückgezogen - „solitudine“ und „in otio“
4. 1. „exsilium“, Senecas Verbannung auf Korsika – Unfreiwillige, äußere Einsamkeit und innere Freiheit, dargestellt im „Epigramm“
4. 2. Existenzbewältigung über Poesie bei Ovid und ethisches Philosophieren bei Seneca
4. 3. Ruhe der Einsamkeit - Apathie, Ataraxie, Eudämonie, „constantia“
4. 4. „De constantia sapientis“ – Die „Unerschütterlichkeit des Weisen“
4. 5. „Jeglicher Ort ist für den Weisen Heimatland.“ – Oder: „Patria est, ubicumque est bene“
4. 6. Senecas Klage als Anklage – Gesellschaftskritik und Dekadenz-Kritik aus der Einsamkeit des Exils heraus in der Auseinandersetzung mit den Tyrannen Caligula und Nero
4. 7. „De otio“ – Von der „Zurückgezogenheit“; Zwischen stiller Muße (otio) und hektischer Geschäftigkeit (negotio)
4. 8. In „secreto“ – „Menschen (…) leisten in der Einsamkeit Größtes“- Ethische Haltung und Charakterbildung entstehen in der Stille der „Zurückgezogenheit“. Die Funktionen des einsamen Lebens und der Nutzen für die Gesellschaft
4. 9. Selbsterkenntnis und die Idee des Selbstseins erwachsen dem Alleinsein - Das Existieren in der Eigentlichkeit. Psychologische und soziologische Aspekte erfahrener Einsamkeit
4. 10. Die Gefahren des Alleinseins – Einsamkeit als Last
4. 11. Das Alleinsein in den eigenen vier Wänden – Chance und Risiko. Freiwilliger Rückzug in die Einsamkeit, statt Weltflucht aus Enttäuschung und Überdruss
4. 12. Typen und Charaktere – introvertiert oder extrovertiert? Senecas Beschreibung der Melancholie-Symptomatik
4. 13. Geselligkeit – Senecas Plädoyer für ein ausgewogenes Wechselverhältnis zwischen freiwilligem Sein in Einsamkeit und sozialem Austausch
4. 14. Schöpferische Einsamkeit - Medium des Kreativen
4. 15. Die Apotheose des einsam-kontemplativen Lebens in der Schrift „De brevitate vitae“, „Die Kürze des Lebens“
4. 16. Im „Jetzt“ leben, nicht erst morgen und am Leben vorbei! Hic et nunc und Memento mori!
4. 17. Der ruhige Hafen als Endziel - Individuelles Leben oder Massen-Existenz?
5. Mark Aurel - Der Weg zum Selbst in Zurückgezogenheit
5. 1. Gelebter Stoizismus als Vorbild
5.2. „Alleinsein“ bei Epiktet – Individualität und Selbsterkenntnis

Teil II: Vom frühen Mittelalter bis zur Scholastik

1. „Einsamkeit“ und „Melancholie“ im frühen Mittelalter. Anachoreten im frühen Christentum - „anachoresis“ und „monachoi“.
1.1.         Eremitentum und monastisches Leben um 300 – 400 n. Chr. Antonius, (der Ägypter), Evagrius Ponticus und Augustinus: DerWeg zu Gott vollzieht sich in der Einsamkeit
1.2. Antonius, der Ägypter – Einsiedlertum, Wüstenspiritualität und Mystik
1.3. Aurelius Augustinus in „reiner Einsamkeit“ - „Alleingespräche“ aus Cassiciacum - Früchte des Schaffens in der Einsamkeit des Selbstgesprächs
1.4. „Acedia“ seit Evagrius Ponticus, bei Thomas von Aquin und Bonaventura
1.5. Die „Wirkscheu“ des Johannes Cassian
1.6. Thomas von Aquin - Wirkscheu ist Todsünde – Acedia oder „Tristitia“
2. Deutsche Mystik
2.1. Meister Eckhart: Die absolute Freiheit des Gottsuchenden - Der unmittelbare, mystische Weg zu Gott. „Abgeschiedenheit“ und „innerliche Einsamkeit“ neu definiert
2.2. In der Abgeschiedenheit – Das Aufgeben des Selbst, das Ledigwerden, als Voraussetzung der Unio mystica und die Gottesgeburt
2.3. „innerliche Einsamkeit“ – Zum Wesen der Dinge!
2.4. „Unio mystica“ und Buddhismus – Stufen und Wege des Rückzugs aus allgemein philosophischer, christlicher Sicht bzw. aus der Perspektive der Zen-Meditation - Exkurs
2.5. Heinrich Seuses „Weg in die Innerlichkeit“ und die Beschreibung der Mönchskrankheit (Acedia) in der Schrift „Das Leben des Dieners“
2.6. „Das Büchlein der ewigen Weisheit“ - „Wie man innerlich leben soll“, „lautere Abgeschiedenheit“ und Entwerdung (Selbst- bzw. Ich-Auflösung)
2.7. Theresa von Avila - „Der Weg zur Vollkommenheit“ und „Die Seelenburg“.

Teil III: Humanismus

1. Francesco Petrarcas Loblieder auf die Einsamkeit. Der zentrale Stellenwert der „Einsamkeit“ im Werk der Humanisten
1.1. Zur Vita Petrarcas – Von der Vita activa zur Vita contemplativa im mundus aestheticus
1. 2. „De otio et solitudine“ - Von Freiheit (Muße) und Einsamkeit
1.3. „De vita solitaria“: Francesco Petrarcas Hymnus in Prosa auf das Leben in Einsamkeit. Die Begründung der Auffassung von der „schöpferischen Einsamkeit” als elitäre Phänomen-Definition
1.4. „felix solitarius“ contra „miser occupatus“ – besser allein, frei und glücklich als vielbeschäftigt, gestresst und in permanenter Disharmonie – Einsamkeit: die „conditio sine qua non“ einer ethisch fundierten Lebensführung und Existenzbewältigung
1.5. Zur Modernität des Existenzmodells „Leben in der Eigentlichkeit“
1.6. Das schaffende Subjekt … und die Ahnenreihe der Einsamen
1.7. „Secretum“ – Melancholie und Misanthropie
1.8. „Gespräche über die Weltverachtung“: Petrarcas negativer Melancholie-Begriff und Dante
1.9. Melancholie und Selbst-Therapie – Ist die „unheilvolle“ „Seelenkrankheit“ „Weltschmerz“heilbar?
1.10. Dante weist die Muse Melancholie zurück

Teil IV: Renaissance

Einsamkeit und Melancholie während der Renaissance in Italien - Die „Saturniker“ des Mediceer-Kreises
1. Angelo Poliziano – Der Dichter am Kamin als personifizierte Melancholie und eine Melancholie-Beschreibung im Geist der Zeit.
2. Marsilio Ficino – Therapierte Melancholie. Das Bei-sich-Selbst-Sein der Seele führt zu Außergewöhnlichem in Philosophie und Kunst
2.1. Marsilio Ficino in freiwilliger Zurückgezogenheit in Carreggi - Einsamkeit als „conditio sine qua non“ des künstlerischen Schaffens
2.2. Im Zeichen des Saturn - Marsilio Ficinos Werk, „De vita triplici“, eine Diätetik des saturnischen Menschen. Ficinos astrologisch determinierter, antik physiologischer Melancholie-Begriff.
2.3. Definition der Melancholie und des Melancholikers in „Über die Liebe oder Platons Gastmahl“ - Die Liebe als melancholische Krankheit?
2.4. Krankheit „Melancholie“ - Therapeutikum Musik
3. Pico della Mirandolas Entwurf des Renaissancegenies in „De hominis dignitate“ – Von Einsamkeit und Freiheit
3.1. Die „dunkle Einsamkeit Gottes“
3.2. „Die Freiheit des Menschen“ und der „Geniebegriff der Epoche“ in „Oratio“
3.3. Die ethisch eingeschränkte Freiheit des Genies und das Humanum als Endziel
4. Lorenzo de’ Medicis „melancholische“ Dichtung
4.1. War der Prächtige ein Melancholiker? Vanitas, Wehmut und Schwermut
4.2. Der Typus des „Inamoroso“ als Melancholiker - Liebeslyrik im Sonett
4. 3. Melancholia - Lorenzo de’ Medici rezipiert Walter von der Vogelweide
5. Die Familie der Melancholiker oder die Metamorphose des sinnenden Geistes zur Plastik und zum Gedicht - Exkurs
6. Einsamkeit, Melancholie und künstlerisches Schaffen während der Renaissance in Italien.
6.1. Geniale Werke der Einsamkeit bei Michelangelo Buonarroti und Leonardo da Vinci - Einsamkeit als die künstlerische Schaffensbedingung schlechthin, als „conditio sine qua non“ des kreativen Subjekts.
6.2. Michelangelo Buonarroti - „Wer kann, wird niemals willig sein.“ – Individuelle Freiheit und künstlerische Selbstbestimmung
6.3. Große Kunst ist gottgewollt
6.4. Der Schaffende ist das Maß aller Dinge - oder die Lust, mit dem Hammer neue Werte zu schaffen
6.5. Weltflucht und Weltverachtung
6.6. Der sinnende Melancholiker „Micha Ange bonarotanus Florentinus sculptor optimus“
6.7. – „La mia allegrezz’ e la maniconia” – “Meine Lust ist die Melancholie!” – Existenzbewältigung im “Amor fati“ oder eine ins Positive transponierte „Melancholie als Mode“?
6.8. Hypochondrie und Misanthropie in burlesker Entladung – bei Michelangelo und Leonardo
6.9. Michelangelos „Sonette“: Kreationen reiner Eitelkeit?
7. Leonardo da Vinci – Ein Einsamer, aber kein Melancholiker. Die Wertschätzung der „vita solitaria e contemplativa“.
7.1. Leonardo und Michelangelo – ein geistesgeschichtlicher Vergleich. Der verbindende Hang zur Einsamkeit … und viele Kontraste!
8. Girolamo Savonarola – Der melancholische Reformator vor der Reformation
8.1. Gott geweihtes Leben in stiller Einkehr und früher Protest aus der Klosterzelle
8. 2. Zeitkritik und Fragen der Moral in „Weltflucht“ und „De ruina mundi“- Vom Verderben der Welt
8.3. Kritik des Christentums sowie des dekadenten Papsttums im poetischen Frühwerk - „De ruina Ecclesiae“ oder „Sang vom Verderben der Kirche“, (1475)
8.4. „Poenitentiam agite“! – Buße , Einkehr, Rückbesinnung, Katharsis
8.5. Savonarolas Humanismus-Kritik und seine Zurückweisung der Astrologie – ist die Philosophie eine Magd der Theologie?
8.6. Sozialreformer Savonarola - „De Simplicitate vitae christianae“ - Von der Schlichtheit im Christenleben.
8.7. Savonarola setzt politische Reformen durch – Über die demokratische Verfassung in Florenz zum Fernziel der Einheit Italiens
8.8. Niccolo Machiavelli und Die Schwermut der Tyrannen
8.9. Einsamkeit, Kontemplation und rhetorischer Auftritt – Savonarola Volkstribun und Redner nach Cicero?
8.10. Einsamkeit und Gesellschaft bei Savonarola
8.11. Christliche Ethik als geistige Basis der Staatsform – Contra Tyrannis
8.12. „Der Tyrann“ trägt „alle Sünden der Welt im Keim in sich“ - Melancholie als Krankheit: Savonarolas Typologie, Definition und Phänomen-Beschreibung des Renaissance-Macht-Menschen und das Primat des Ethos im Leben und im Staat.
8.13. Genies des Bösen – Lorenzo de’ Medici und der Borgia-Clan
8.14. Thomasso Campanellas idealer Gegenentwurf zum Typus des Tyrannen in seiner christlich-kommunistischen Utopie „Città del sole“
8.15. Golgatha - Traurigkeit und Verlassenheit in der Todeszelle und auf dem Scheiterhaufen
8.16. Hybris und Zuflucht zu Gott – „in Schwermut und voll Schmerz“!
8.17. Melancholia - „In te, Domine, speravi“, letzte Einsamkeit und existenzielle Traurigkeit - Hoffnung gegen Melancholie?
8.18. Auch Päpste irren! Schweigepflicht, Exkommunikation, Inquisition, Folter – Reformator Savonarola stirbt den Flammentod in Florenz
8.19. Giordano Bruno und die Flammen der Inquisition – Der Märtyrer-Tod auf dem Scheiterhaufen wiederholt sich … doch
9. Michel de Montaignes Essay „De la solitude“- Das Leben in Abgeschiedenheit zwischen profaner Weltflucht und ästhetischer Verklärung
9.1. Süße Weltflucht in den Turm – Melancholie als Habitus
9.2. War Michel de Montaigne ein Melancholiker?
9.3. Einsamkeit, ein Wert an sich, ist nie Mittel zum Zweck, sondern immer Selbstzweck.
9.4. „Nichts in der Welt ist so ungesellig und zugleich so gesellig als der Mensch“ – Einsamkeit und Gesellschaft
9.5. Vanitas - Der Rückzug aus der Gesellschaft ist auch historisch bedingt
10. „The Anatomy of Melancholy“ - Der extensive Melancholie-Begriff bei Democritus junior alias Robert Burton
10.1. „Elisabethanische Krankheit“ oder „maladie englaise“ – Melancholie als Mode!? Von der Pose zur Posse?
10.2. Demokritos aus Abdera – Der lachende Philosoph als Vorbild und Quelle der Inspiration
10.3. „sweet melancholy“ - Burtons Verdienste bei der Umwertung und Neuinterpretation der grundlosen Tieftraurigkeit zur „süßen Melancholie“
10.4. „Göttliche Melancholie“: „Nothing’s so dainty sweet as lovely melancholy“ - Zur positiven Melancholie-Bewertung vor, neben und nach Burton

Teil V: „Einsamkeit“ und Melancholie in der Moderne

1. Jean-Jacques Rousseau – Alle großen Leidenschaften entstehen in der Einsamkeit. Die Apotheose der Einsamkeit im Oeuvre des Vordenkers der Französischen Revolution
1.1. Rückzug, „Schwermut“ und „Hypochondrie“
1.2. „Zurück zur Natur“! im „Discours“ - Plädoyer für das einfache Leben und harsche Gesellschaftskritik. Macht die „Sozialisierung“ den an sich guten Menschen schlecht?
1.3. Im Refugium der Eremitage von Montmorency: Kult der Einsamkeit – Landleben, Naturgenuss und geistiges Schaffen
1.4. „Sanssouci“ – Asyl: Ein Einsamer, Friedrich der Große unterstützt einen anderen Einsamen, den verfolgten Wahlverwandten Jean-Jacques Rousseau
1.5. „Les Rêveries du promeneur solitaire“ - Träumereien eines einsamen Spaziergängers
1.6. Einsamkeit ist im Wesen des Künstlers selbst begründet - «Toutes les grandes passions se forment dans la solitude»!
2. Einsamkeit und Gesellschaftskritik im Werk der Französischen Moralisten La Rochefoucauld, Vauvenargues und Chamfort
2.1. Rekreation im Refugium – die bücherlesende Einsamkeit des Herzogs La Rochefoucauld
2.2. Einsamkeit – Katharsis, Chance und Gefahr
2.3. Chamfort - „Vom Geschmack am einsamen Leben und der Würde des Charakters“ - „Man ist in der Einsamkeit glücklicher als in der Welt.“
2.4. Abkehr von der Gesellschaft, melancholische Heimsuchungen, Vereinsamung und Menschenhass
2.5. „Ein Philosoph, ein Dichter, sind fast notwendig Menschenfeinde“ – Chamforts Rechtfertigung von Misanthropie und Melancholie.
3. „Ueber die Einsamkeit“ - Johann Georg Zimmermanns Monumentalwerk aus dem Jahr 1784/85 - Einsamkeit als Lebenselixier – Die Gestimmtheit im deutschen Barock – Inklination zur Melancholie?
3.1. Von den „Betrachtungen über die Einsamkeit“ zur Abhandlung „Von der Einsamkeit“ – Thema mit Variationen
3.2. Die Ursachen von wahrer und falscher Einsamkeit - Müßiggang, Menschenhass, Weltüberdruss und Hypochondrie
3.3. „gesellige Einsamkeit“ - eine „contradictio in adjecto“?
3.4. Aufklärer Immanuel Kant definiert den zur „Melancholie Gestimmte(n)“, „Melancholie“ als „Tiefsinnigkeit“ und die „Grillenkrankheit“ Hypochondrie richtungweisend für die Neuzeit. Exkurs.
4. Arthur Schopenhauers „elitäres“ Verständnis von Einsamkeit - nur wer allein ist, ist wirklich frei!
4.1. Der Ungesellige - „Er ist ein Mann von großen Eigenschaften.“
4.2. Die „Einsamkeit ist das Los aller hervorragenden Geister“ - Ist der Mensch von Natur aus einsam? Ist „Einsamkeit“ ein Wert an sich?
4.3. Das Sein in der Einsamkeit als existenzielles Problem - Einübung in die zurückgezogene Lebensführung.
5. Lenau, Dichter der Melancholie. „Einsamkeit“ und Schwermut (Melancholie) im Werk von Nikolaus Lenau – Anthropologische Phänomenbeschreibung und literarisches Motiv
5.1 Lenaus Verhältnis zur Philosophie. Entwicklung und Ansätze
5.2. „Einsamkeit“ und „Vereinsamung“ als existenzielle Erfahrung
5.3. Nikolaus Niembsch von Strehlenau, genannt „Lenau“ vereinsamt in Wien
5.4. Das „melancholische Sumpfgeflügel der Welt“ - Vereinsamt in Heidelberg und Weinsberg. Therapeutikum Philosophie: Lenau setzt der „Seelenverstimmung“ die „Schriften Spinozas“ entgegen!
5.5. Amerika – Lenaus Ausbruch in die Welt der Freiheit
5.6. Schwermut und Hypochondrie – Therapeutikum: Philosophie und Sarkasmus
5.7. „Einsam bin ich hier, ganz einsam. Aber ich vermisse in meiner Einsamkeit nur dich.“
5.8. „wahre Menschenscheu“ - „Die Geselligkeit“ „ist ein Laster“ - „Mein Leben ist hier Einsamkeit und etwas Lyrik.“
5.9. Die „äußere Einsamkeit“– Vom „Locus amoenus“ zum „Locus terribilis“
5.10. Situation und Grenzsituation – präexistenzphilosophisches Gedankengut bei Lenau auf dem Weg zu Karl Jaspers. Exkurs.
5.11. „Einsamkeit“ als ontische Dimension - Menschliches Dasein ist nicht Gesellig-Sein – Mensch-Sein bedeutet ein Sein in Einsamkeit.
5.12. „Einsame Klagen sinds, weiß keine von der andern“ - Monologische Existenz in dem existenzphilosophischen Gedicht „Täuschung“
5.13. In „dunklen Monologen“ - „Jedes Geschöpf lebt sein Privatleben“ - Mitsein in existenzieller Gemeinschaft erscheint unmöglich
5.14. „O Einsamkeit! Wie trink ich gerne / Aus deiner frischen Waldzisterne!“ Dionysisch „zelebrierte Einsamkeit“ im Spätwerk
5.15. „Der einsame Trinker“ - Das dionysische Erleben der Einsamkeit im Fest
5.16. „Fremd bin ich eingezogen/Fremd zieh ich wieder aus“ - Der „Unbehauste“, ein „Fremdling ohne Ziel und Vaterland“
5.17. „Nun ist’s aus, wir müssen wandern!“ - In-der-Welt-Sein ist Einsamkeit
5.18. Lenaus melancholische Faust-Konzeption - „metaphysische Vereinsamung“.
5.18.1. Der „Unverstandene“, das ist der „Einsame“.
5.18.2. Endlichkeit und Ewigkeit
5. 18. 3. Die Geworfenheit des existenziellen Realisten „Görg“
5. 18. 4. Das Unbewusste als Antrieb - Die tragisch konzipierte Faust-Figur in Disharmonie mit dem Selbst und in der Uneigentlichkeit
5.18.5. Gott ist tot - existenzielle Exponiertheit des metaphysisch Vereinsamten vor Nietzsche und Rilke
5.19. Im dunklen Auge – ein „sehr ernster, melancholischer Knabe“„hochgradig zur Melancholie disponiert“  und hinab gestoßen in die „Hohlwege der Melancholie“„Mein Kern ist schwarz, er ist Verzweiflung.“ – Melancholie-Symptomatik und Definitionen der Krankheit bei Lenau
5.20. „Lieblos und ohne Gott! Der Weg ist schaurig“ – „Die ganze Welt ist zum Verzweifeln traurig.“ „Melancholie“ und „absolute Vereinsamung“ in Lenaus Doppelsonett „Einsamkeit“
5.21. Der Werte-Kampf in Lenaus Ballade „Die nächtliche Fahrt“ - Von darwinistischer Selektion über den „Kampf um das Dasein“ nach existenzphilosophischen Kategorien zur Ethik des Widerstands im Politischen - Exkurs
5.21.1. Wettkampf und Werte-Kampf
5.21.2. Lenaus Imperialismus-Kritik in seinem „anderen“ Polenlied
5.21.3. Ethik des Widerstands - Der Existenz-Kampf der Individuen entspricht dem Souveränitätsstreben der - tyrannisierten - Völker
6. Friedrich Nietzsche, der einsamste unter den Einsamen? Absolute Einsamkeit, extreme Vereinsamung und schwärzeste Melancholie
6.1. Wesensgemäße Daseinsform und  Schaffensbedingung der Werke der Einsamkeit.
6.2. „Also sprach Zarathustra“ - Nietzsches großer „Dithyrambus auf die Einsamkeit“
6.3. Strukturen der „Einsamkeit“ in „Also sprach Zarathustra“
6.4. „Fliehe, Fliehe mein Freund, in deine Einsamkeit!“ - „Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt.“
6.5. Die Auserwählten – Nietzsches kommende Elite: Der „Einsame“ als Brücke zum Übermenschen
6.6. Der Einsame – das ist der Schaffende! „Trachte ich nach Glück? Ich trachte nach meinem Werke!“
6.7. Nietzsches „Nachtlied“ - das einsamste Lied, welches je gedichtet wurde!
6.8. „Oh Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit!“
6.9. „Jede Gemeinschaft macht irgendwie, irgendwo, irgendwann – ‚gemein’“ – Zum Gegensatz von individuellem Leben in Einsamkeit und gesellschaftlichem Massen-Dasein.
6.10. „Einsam die Straße ziehn gehört zum Wesen des Philosophen.“ Fragmentarische Aussagen zur „Einsamkeit“
6.11. Therapeutikum Einsamkeit – schlimme und gefährliche Heilkunst! „In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst, in der Vielsamkeit fressen ihn die Vielen. Nun wähle.“
6.12. Die „siebente letzte Einsamkeit“ - Nietzsches „Dionysos-Dithyramben“
6.13. „Vereinsamt“ – Düstere Melancholie und metaphysische Verzweiflung
7. „Einsamkeit“ bei Jaspers und Heidegger - Exkurs
8. Der „Neue Mensch“ – eine Konsequenz der Einsamkeit? „selbstestes Selbst“ und Apologie des Selbst bei Lenau und Nietzsche - Exkurs
8.1. Die Suche nach dem „Humanum“ – Absage an den Irrweg „Übermensch“
8.2. Lenaus „Homo-Novus-Konzeption“ nach Amalrich von Bene
8.3. „Idemität“ und „Konkreativität“ – Der „menschliche Mensch“! Zur Strukturanthropologie Heinrich Rombachs. Exkurs

Teil VI: Essays zur Thematik und kleine Beiträge

9. Stufen der Einsamkeit – Auf dem Weg vom Alleinsein in die Vereinsamung, Melancholie und Verzweiflung – Zur Metamorphose eines anthropologischen Phänomens
9.1. Von der existenziellen Situation „Einsamkeit“ zum Krankheitsbild „Melancholie“ in der Erscheinungsform „Acedia“ und Hypochondrie
9.2. Melancholie als Charakteristikum des genialen Menschen.
9.3. Die Phänomene „Einsamkeit“, „Alleinsein“, „Vereinsamung“ und „Melancholie“ („Schwermut“, „Depression“) – im Wandel der Zeiten: Anthropologische Konstanten und Grundbefindlichkeiten des Daseins oder zeitbedingte Entwicklungsphänomene? Zur Begriffsbestimmung.
9.4. Strukturen der Einsamkeit - Zum Bedeutungswandel der Begriffe Einsamkeit und Melancholie durch die Zeiten
9.5. Existenzbewältigung: Angewandte Philosophie in philosophischer Praxis – Zur Konzeption und Intention der Studien zur Einsamkeit.
9.6. Zur Einsamkeit verflucht? – Alleinsein zwischen gesellschaftlicher Pest und segensreicher Schaffensbedingung –Selbsterfahrungen und Autobiographisches
9.7. Das Existenzmodell „Alleinsein“ zwischen Weltflucht und verklärender Utopie: Abgeschiedenheit, Einkehr, Selbstfindung, Eigentlichkeit - Selbst erfahrene und selbst beobachtete Phänomene – Einsamkeit, ein Zeitproblem?
9.8. Ein Einsamer von heute – In memoriam Theo Meyer.

 
Nachwort:
Inhalt:
Namenregister:
Bibliographie
Primärliteratur
Anthologien, Aufsatz-Sammelwerke zur Thematik:
Sekundärliteratur:
Bilder-Verzeichnis:
Bücher von Carl Gibson





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