Sonntag, 7. Oktober 2012

Ich lüge, also bin ich - Hommage an Descartes

Carl Gibson:





Ich lüge, also bin ich

Hommage an Descartes


Leute gibt es, die gut mit der Lüge leben.

Selbst in schwerer Krankheit,

im Angesicht des Todes, lügen sie weiter,

weil die Lüge zum Wesen geworden ist,

zum eigentlichen Element.


Sie lügen, weil sie einmal logen,

sie lügen, weil sie zum Lügen erzogen wurden,

weil ein verlogenes System ihnen das Lügen beigebracht hat,

als Überlebensstrategie

als Methode,

als das Mittel, zum Endzweck zu gelangen.


Also logen sie weiter,

mit dickem Fell und gutem Gewissen,

mit dem Gewissen der Täuscher.


Selbst als die Lüge längst durchschaut war,

hielten sie immer noch an ihr fest,

als Überlebensstrategie

als Methode,

als das Mittel, zum Endzweck zu gelangen.



Wo keine Welt war,

erfanden sie eine Welt,

wo keine Wahrheit war,

erfanden sie etwas

und gaben dies dafür aus.


So wurde die Erfindung zur Wahrheit

und alle, die an dieser Wahrheit zweifelten zu Lügnern.


De omnibus dubitandum est?

Clarus et distinctus?


Das Licht fällt in die Dunkelheit zurück,

der Schleier vernebelt die Sinne.

Ein Blick in den Spiegel offenbart die Fratze,

die Eigentlichkeit in der Uneigentlichkeit,

den Ungeist der Lüge in der Welt

als Geist der Zeit.

Die Guten und Gerechten tragen alles mit.


Werte stürzen,

Freiheit endet im Sarg.


So wird Tyrannis möglich.



© Carl Gibson

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