Dienstag, 27. Juni 2017

„Zurück zur Natur“! im „Discours“ - Plädoyer für das einfache Leben und harsche Gesellschaftskritik. Macht die „Sozialisierung“ den an sich guten Menschen schlecht?- Jean-Jacques Rousseau 


1.2. „Zurück zur Natur“! im „Discours“ - Plädoyer für das einfache Leben und harsche Gesellschaftskritik. Macht die „Sozialisierung“ den an sich guten Menschen schlecht?




„Scriptorum chorus omnis amat nemus, et fugit urbes.“

Horaz, (Lib. ll. Ep. II)



Nach einigen aktiven Jahren in Paris, wo alle Misanthropie und Melancholie zunächst verflogen schien, verfasste Rousseau im Jahr 1755 seinen berühmten „Discours“, in welchem er vehement - und weitaus radikaler als seinerzeit Epikur - für ein einfaches und selbstbestimmtes Leben eintritt, für ein radikales „Zurück zur Natur“!

Das einfache Leben „des freundlichen und sanften Wilden“, der im seelischen Einklang, in Harmonie mit seinem natürlichen Umfeld lebt, wird in dem Werk idealisiert, ja verherrlicht, während die als unnatürlich empfundene Existenz des Einzelnen in der zivilisierten Gesellschaft des Abendlandes diskrepant, ungerecht und lebensfeindlich erscheint und somit verteufelt wird. Eines der Exemplare seines „Discours“ schickte Rousseau an Voltaire, in der Hoffnung, sein großer Antipode im Geistigen werde die Schrift positiv aufnehmen, rezensieren, seine Thesen stützen. Weit gefehlt! Voltaire, die ausgewiesene Geistesgröße der Zeit par excellence, verspürte keine Lust, andere Götter neben sich zu dulden und ließ den Enthusiasten aus Genf galant abblitzen, ja er gab die Schrift des philosophischen Rivalen sogar der Lächerlichkeit preis, indem er in seiner sarkastischen Briefantwort die Thesen des Autors auch noch verhöhnte. In der scharfen Replik spottet der Zyniker Voltaire hämisch: „Ich habe, mein Herr, Ihr neues Buch gegen das Menschengeschlecht erhalten und danke Ihnen dafür. Sie werden bei den Menschen, denen Sie die Wahrheiten über die Menschen sagen, Gefallen finden, aber Sie werden sie nicht bessern.“

Dann folgt der bitterböse polemische Zusatz: „Nie hat man soviel Geist darauf verwendet, uns wieder zu Eseln zu machen. Man bekommt Lust, auf vier Füßen zu gehen, wenn man ihr Werk ließt.“[2]

In seiner Auseinandersetzung mit der Naturrecht-Debatte der Zeit, strebt Rousseau, im „Discours“ bestimmt mehr begeisterungsfähiger Schriftsteller als exakter Wissenschaftler, trotzdem keine Idealisierung des Urzustandes der Menschheit an. Ihm kommt es vielmehr darauf an, auf das inadäquate Sein und auf die Unfreiheit des gesellschaftlich eingebunden Menschen und Staatsbürgers in der modernen Gesellschaft des aufgeklärten Jahrhunderts aufmerksam zu machen - in deutlicher Absetzung speziell von John Lockes Schrift „Two Treatises of Government“ (1689); (Zwei Abhandlungen über die Regierung), in welcher, jedoch nicht repräsentativ für die Neuzeit, der gute Mensch des Goldenen Zeitalters in intakter Gesellschaftsform beschrieben wird. Für den gesellschaftskritischen Rousseau des „Discours“ hingegen gilt unmissverständlich: Die Gesellschaft tötet die Individualität des Einzelnen ab, sie zerstört seine Positivität, das Gute in ihm. Die Sozialisierung, der Eintritt des Menschen in die politisch geordnete Gesellschaft, verändert den Menschen in seiner Wesenheit, in seinem naturbestimmten Sein; sie macht ihn böse und schlecht.[3]

Die gleiche Skepsis, mit der gesellschaftliche Kritik geübt wird, setzt Rousseau gegen die Intellektuellen ein. Vor allem bemängelt er deren, in der Realität nicht überprüfte Bücherweisheiten und stellt - mit der Kritik an der eigenen Gelehrten-Kaste - sich letztendlich selbst in Frage. Eine Konsequenz dieser gesellschaftskritischen Haltung, die er Zeit seines Lebens nie mehr aufgeben wird, ist der Rückzug aus der Öffentlichkeit, verbunden mit einer gezielten Flucht in die Einsamkeit.



Leseprobe aus: Carl Gibson, Koryphäen der Einsamkeit und Melancholie in Philosophie und Dichtung aus Antike, Renaissance und Moderne, von Ovid und Seneca zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche.



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Inhalt des Buches: 


Carl Gibson


Koryphäen
der
Einsamkeit und Melancholie
in
Philosophie und Dichtung
aus Antike, Renaissance und Moderne,
von Ovid und Seneca


zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche


Carl Gibson

Koryphäen
der
Einsamkeit und Melancholie
in
Philosophie und Dichtung
aus Antike, Renaissance und Moderne,
von Ovid und Seneca
zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche





Das 521 Seiten umfassende Buch ist am 20 Juli 2015 erschienen. 

Carl Gibson

Koryphäen
der
Einsamkeit und Melancholie
in
Philosophie und Dichtung
aus Antike, Renaissance und Moderne,
von Ovid und Seneca
zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche


Motivik europäischer Geistesgeschichte und anthropologische Phänomenbeschreibung – Existenzmodell „Einsamkeit“ als „conditio sine qua non“ geistig-künstlerischen Schaffens


Mit Beiträgen zu:

Epikur, Cicero, Augustinus, Petrarca, Meister Eckhart, Heinrich Seuse, Ficino, Pico della Mirandola, Lorenzo de’ Medici, Michelangelo, Leonardo da Vinci, Savonarola, Robert Burton, Montaigne, Jean-Jacques Rousseau, Chamfort, J. G. Zimmermann, Kant, Jaspers und Heidegger,


dargestellt in Aufsätzen, Interpretationen und wissenschaftlichen Essays

1. Auflage, Juli 2015
Copyright © Carl Gibson 2015
Bad Mergentheim

Alle Rechte vorbehalten.


ISBN: 978-3-00-049939-5


Aus der Reihe:

Schriften zur Literatur, Philosophie, Geistesgeschichte
und Kritisches zum Zeitgeschehen. Bd. 2, 2015

Herausgegeben vom
Institut zur Aufklärung und Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Europa, Bad Mergentheim


Bestellungen direkt beim Autor Carl Gibson,

Email: carlgibsongermany@gmail.com

-         oder regulär über den Buchhandel.

„Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit!“ – Das verkündet Friedrich Nietzsche in seinem „Zarathustra“ als einer der Einsamsten überhaupt aus der langen Reihe illustrer Melancholiker seit der Antike. Einsamkeit – Segen oder Fluch?

Nach Aristoteles, Thomas von Aquin und Savonarola ist das „zoon politikon“ Mensch nicht für ein Leben in Einsamkeit bestimmt – nur Gott oder der Teufel könnten in Einsamkeit existieren. Andere Koryphäen und Apologeten des Lebens in Abgeschiedenheit und Zurückgezogenheit werden in der Einsamkeit die Schaffensbedingung des schöpferischen Menschen schlechthin erkennen, Dichter, Maler, Komponisten, selbst Staatsmänner und Monarchen wie Friedrich der Große oder Erz-Melancholiker Ludwig II. von Bayern – Sie alle werden das einsame Leben als Form der Selbstbestimmung und Freiheit in den Himmel heben, nicht anders als seinerzeit die Renaissance-Genies Michelangelo und Leonardo da Vinci.

Alle großen Leidenschaften entstehen in der Einsamkeit, postuliert der Vordenker der Französischen Revolution, Jean-Jacques Rousseau, das Massen-Dasein genauso ablehnend wie mancher solitäre Denker in zwei Jahrtausenden, beginnend mit Vorsokratikern wie Empedokles oder Demokrit bis hin zu Martin Heidegger, der das Sein in der Uneigentlichkeit als eine dem modernen Menschen nicht angemessene Lebensform geißelt. Ovid und Seneca verfassten große Werke der Weltliteratur isoliert in der Verbannung. Petrarca lebte viele Jahre seiner Schaffenszeit einsam bei Avignon in der Provence. Selbst Montaigne verschwand für zehn Jahre in seinem Turm, um, lange nach dem stoischen Weltenlenker Mark Aurel, zum Selbst zu gelangen und aus frei gewählter Einsamkeit heraus zu wirken.

Weshalb zog es geniale Menschen in die Einsamkeit? Waren alle Genies Melancholiker? Wer ist zur Melancholie gestimmt, disponiert? Was bedingt ein Leben in Einsamkeit überhauptWelche Typen bringt die Einsamkeit hervor? Was treibt uns in die neue Einsamkeit? Weshalb leben wir heute in einer anonymen Single-Gesellschaft? Wer entscheidet über ein leidvolles Los im unfreiwilligen Alleinsein, in Vereinsamung und Depression oder über ein erfülltes, glückliches Dasein in trauter Zweisamkeit? Das sind existenzbestimmende Fragen, die über unser alltägliches Wohl und Wehe entscheiden. Große Geister, Dichter, Philosophen von Rang, haben darauf geantwortet – richtungweisend für Gleichgesinnte in ähnlicher Existenzlage, aber auch gültig für den Normalsterblichen, der in verfahrener Situation nach Lösungen und Auswegen sucht. Dieses Buch zielt auf das Verstehen der anthropologischen Phänomene und Grunderfahrungen Einsamkeit, Vereinsamung, Melancholie und Acedia im hermeneutischen Prozess als Voraussetzung ihrer Bewältigung. Erkenntnisse einer langen Phänomen-Geschichte können so von unmittelbar Betroffenen existentiell umgesetzt werden und auch in die „Therapie“ einfließen.

Carl Gibson, Praktizierender Philosoph, Literaturwissenschaftler, Zeitkritiker, zwölf Buchveröffentlichungen. Hauptwerke: Lenau. Leben – Werk – Wirkung. Heidelberg 1989, Symphonie der Freiheit, 2008, Allein in der Revolte, 2013, Die Zeit der Chamäleons, 2014.






ISBN: 978-3-00-049939-5

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