Sonntag, 11. Oktober 2015

Annette von Droste-Hülshoff - Motive aus Poesie und Prosa, illustriert von Michael Blümel

Annette von Droste-Hülshoff - Motive aus Poesie und Prosa, illustriert von Michael Blümel








Annette von Droste-Hülshoff

(1797-1848)

 
 
 


 

Die Jagd

 

Die Luft hat schlafen sich gelegt,

Behaglich in das Moos gestreckt,

Kein Rispeln, das die Kräuter regt,

Kein Seufzer, der die Halme weckt.

Nur eine Wolke träumt mitunter

Am blassen Horizont hinunter,

Dort, wo das Tannicht überm Wall

Die dunkeln Kandelabern streckt.

 

Da horch, ein Ruf, ein ferner Schall:

»Hallo! hoho!« so lang gezogen,

Man meint, die Klänge schlagen Wogen

Im Ginsterfeld, und wieder dort:

»Hallo! hoho!« - am Dickicht fort

Ein zögernd Echo, - alles still!

Man hört der Fliege Angstgeschrill

Im Mettennetz, den Fall der Beere,

Man hört im Kraut des Käfers Gang,

Und dann wie ziehnder Kranichheere

Kling klang! von ihrer luft'gen Fähre,

Wie ferner Unkenruf: Kling! klang!

Ein Läuten das Gewäld entlang -

Hui schlüpft der Fuchs den Wall hinab -

Er gleitet durch die Binsenspeere,

Und zuckelt fürder seinen Trab:

Und aus dem Dickicht, weiß wie Flocken,

Nach stäuben die lebend'gen Glocken,

Radschlagend an des Dammes Hang;

Wie Aale schnellen sie vom Grund,

Und weiter, weiter, Fuchs und Hund. -

 

Der schwankende Wacholder flüstert,

Die Binse rauscht, die Heide knistert,

Und stäubt Phalänen um die Meute.

Sie jappen, klaffen nach der Beute,

Schaumflocken sprühn aus Nas' und Mund;

Noch hat der Fuchs die rechte Weite,

Gelassen trabt er, schleppt den Schweif,

Zieht in dem Taue dunklen Streif,

Und zeigt verächtlich seine Socken.

Doch bald hebt er die Lunte frisch,

Und, wie im Weiher schnellt der Fisch,

Fort setzt er über Kraut und Schmelen,

Wirft mit den Läufen Kies und Staub;

Die Meute mit geschwollnen Kehlen

Ihm nach, wie rasselnd Winterlaub.

Man höret ihre Kiefern knacken,

Wenn fletschend in die Luft sie hacken;

In weitem Kreise so zum Tann,

Und wieder aus dem Dickicht dann

Ertönt das Glockenspiel der Bracken.

 

Was bricht dort im Gestrüppe am Revier?

Im holprichten Galopp stampft es den Grund;

Ha! brüllend Herdenvieh! voran der Stier,

Und ihnen nach klafft ein versprengter Hund.

Schwerfällig poltern sie das Feld entlang,

Das Horn gesenkt, waagrecht des Schweifes Strang,

Und taumeln noch ein paarmal in die Runde,

Eh Posto wird gefaßt im Heidegrunde.

Nun endlich stehn sie, murren noch zurück,

Das Dickicht messend mit verglastem Blick,

Dann sinkt das Haupt und unter ihrem Zahne

Ein leises Rupfen knirrt im Thymiane;

Unwillig schnauben sie den gelben Rauch,

Das Euter streifend am Wacholderstrauch,

Und peitschen mit dem Schweife in die Wolke

Von summendem Gewürm und Fliegenvolke.

So, langsam schüttelnd den gefüllten Bauch

Fort grasen sie bis zu dem Heidekolke.

 

Ein Schuß: »Hallo!« - ein zweiter Schuß: »Hoho!«

Die Herde stutzt, des Kolkes Spiegel kraust

Ihr Blasen, dann die Hälse streckend, so

Wie in des Dammes Mönch der Strudel saust,

Ziehn sie das Wasser in den Schlund, sie pusten,

Die kranke Sterke schaukelt träg herbei,

Sie schaudert, schüttelt sich in hohlem Husten,

Und dann - ein Schuß, und dann - ein Jubelschrei!

 

Das grüne Käppchen auf dem Ohr,

Den halben Mond am Lederband,

Trabt aus der Lichtung rasch hervor

Bis mitten in das Heideland

Ein Weidmann ohne Tasch' und Büchse;

Er schwenkt das Horn, er ballt die Hand,

Dann setzt er an, und tausend Füchse

Sind nicht so kräftig totgeblasen,

Als heut es schmettert übern Rasen.

 

»Der Schelm ist tot, der Schelm ist tot!

Laßt uns den Schelm begraben!

Kriegen ihn die Hunde nicht,

Dann fressen ihn die Raben,

Hoho hallo!«

 

Da stürmt von allen Seiten es heran,

Die Bracken brechen aus Genist und Tann;

Durch das Gelände sieht in wüsten Reifen

Man johlend sie um den Hornisten schweifen.

Sie ziehen ihr Geheul so hohl und lang,

Daß es verdunkelt der Fanfare Klang,

Doch lauter, lauter schallt die Gloria,

Braust durch den Ginster die Viktoria:

 

»Hängt den Schelm, hängt den Schelm!

Hängt ihn an die Weide,

Mir den Balg und dir den Talg,

Dann lachen wir alle beide;

Hängt ihn! Hängt ihn

Den Schelm, den Schelm! - -«





 










 
 



 

 

Die Mergelgrube

 

Stoß deinen Scheit drei Spannen in den Sand,

Gesteine siehst du aus dem Schnitte ragen,

Blau, gelb, zinnoberrot, als ob zur Gant

Natur die Trödelbude aufgeschlagen.

Kein Pardelfell war je so bunt gefleckt,

Kein Rebhuhn, keine Wachtel so gescheckt,

Als das Gerölle, gleißend wie vom Schliff

Sich aus der Scholle bröckelt bei dem Griff

Der Hand, dem Scharren mit des Fußes Spitze.

 

Wie zürnend sturt dich an der schwarze Gneis,

Spatkugeln kollern nieder, milchig weiß,

Und um den Glimmer fahren Silberblitze;

Gesprenkelte Porphyre, groß und klein,

Die Ockerdruse und der Feuerstein -

Nur wenige hat dieser Grund gezeugt,

Der sah den Strand, und der des Berges Kuppe;

Die zorn'ge Welle hat sie hergescheucht,

Leviathan mit seiner Riesenschuppe,

Als schäumend übern Sinai er fuhr,

Des Himmels Schleusen dreißig Tage offen,

Gebirge schmolzen ein wie Zuckerkand,

Als dann am Ararat die Arche stand,

Und eine fremde, üppige Natur,

Ein neues Leben quoll aus neuen Stoffen. -

 

Findlinge nennt man sie, weil von der Brust,

Der mütterlichen, sie gerissen sind,

In fremde Wiege, schlummernd unbewußt,

Die fremde Hand sie legt' wie's Findelkind.

O welch' ein Waisenhaus ist diese Heide,

Die Mohren, Blaßgesicht, und rote Haut

Gleichförmig hüllet mit dem braunen Kleide!

Wie endlos ihre Zellenreihn gebaut!

 

Tief ins Gebröckel, in die Mergelgrube

War ich gestiegen, denn der Wind zog scharf;

Dort saß ich seitwärts in der Höhlenstube,

Und horchte träumend auf der Luft Geharf.

Es waren Klänge, wie wenn Geisterhall

Melodisch schwinde im zerstörten All;

Und dann ein Zischen, wie von Moores Klaffen,

Wenn brodelnd es in sich zusamm'gesunken;

Mir überm Haupt ein Rispeln und ein Schaffen,

Als scharre in der Asche man den Funken.

Findlinge zog ich Stück auf Stück hervor

Und lauschte, lauschte mit berauschtem Ohr.

 

Vor mir, um mich der graue Mergel nur,

Was drüber, sah ich nicht; doch die Natur

Schien mir verödet, und ein Bild erstand

Von einer Erde, mürbe, ausgebrannt;

Ich selber schien ein Funken mir, der doch

Erzittert in der toten Asche noch,

Ein Findling im zerfallnen Weltenbau.

Die Wolke teilte sich, der Wind ward lau;

Mein Haupt nicht wagt' ich aus dem Hohl zu strecken,

Um nicht zu schauen der Verödung Schrecken,

Wie Neues quoll und Altes sich zersetzte -

War ich der erste Mensch oder der letzte?

 

Ha, auf der Schieferplatte hier Medusen -

Noch schienen ihre Strahlen sie zu zücken,

Als sie geschleudert von des Meeres Busen,

Und das Gebirge sank, sie zu zerdrücken.

Es ist gewiß, die alte Welt ist hin,

Ich Petrefakt, ein Mammutsknochen drin!

Und müde, müde sank ich an den Rand

Der staub'gen Gruft; da rieselte der Grand

Auf Haar und Kleider mir, ich ward so grau

Wie eine Leich' im Katakomben-Bau,

Und mir zu Füßen hört' ich leises Knirren,

Ein Rütteln, ein Gebröckel und ein Schwirren.

Es war der Totenkäfer, der im Sarg

So eben eine frische Leiche barg;

Ihr Fuß, ihr Flügelchen empor gestellt

Zeigt eine Wespe mir von dieser Welt.

Und anders ward mein Träumen nun gewandet,

Zu einer Mumie ward ich versandet,

Mein Linnen Staub, fahlgrau mein Angesicht,

Und auch der Skarabäus fehlte nicht.

 

Wie, Leichen über mir? - so eben gar

Rollt mir ein Byssusknäuel in den Schoß;

Nein, das ist Wolle, ehrlich Lämmerhaar -

Und plötzlich ließen mich die Träume los.

Ich gähnte, dehnte mich, fuhr aus dem Hohl,

Am Himmel stand der rote Sonnenball

Getrübt von Dunst, ein glüher Karneol,

Und Schafe weideten am Heidewall.

Dicht über mir sah ich den Hirten sitzen,

Er schlingt den Faden und die Nadeln blitzen,

Wie er bedächtig seinen Socken strickt.

Zu mir hinunter hat er nicht geblickt.

»Ave Maria« hebt er an zu pfeifen,

So sacht und schläfrig, wie die Lüfte streifen,

Er schaut so seelengleich die Herde an,

Daß man nicht weiß, ob Schaf er oder Mann.

Ein Räuspern dann, und langsam aus der Kehle

Schiebt den Gesang er in das Garngesträhle:

 

»Es stehet ein Fischlein in einem tiefen See,

Danach tu ich wohl schauen, ob es kommt in die Höh';

Wandl' ich über Grunheide bis an den kühlen Rhein,

Alle meine Gedanken bei meinem Feinsliebchen sein.

 

Gleich wie der Mond ins Wasser schaut hinein,

Und gleich wie die Sonne im Wald gibt güldenen Schein,

Also sich verborgen bei mir die Liebe findt,

Alle meine Gedanken, sie sind bei dir, mein Kind.

 

Wer da hat gesagt, ich wollte wandern fort,

Der hat sein Feinsliebchen an einem andern Ort;

Trau nicht den falschen Zungen, was sie dir blasen ein,

Alle meine Gedanken, sie sind bei dir allein.«

 

Ich war hinaufgeklommen, stand am Bord,

Dicht vor dem Schäfer, reichte ihm den Knäuel;

Er steckt' ihn an den Hut, und strickte fort,

Sein weißer Kittel zuckte wie ein Weihel.

Im Moose lag ein Buch; ich hob es auf -

»Bertuchs Naturgeschichte; lest ihr das?«

Da zog ein Lächeln seine Lippen auf:

»Der lügt mal, Herr! doch das ist just der Spaß!

Von Schlangen, Bären, die in Stein verwandelt,

Als, wie Genesis sagt, die Schleusen offen;

Wär's nicht zur Kurzweil, wär' es schlecht gehandelt:

Man weiß ja doch, daß alles Vieh versoffen.«

Ich reichte ihm die Schieferplatte: »Schau,

Das war ein Tier.« Da zwinkert' er die Brau

Und hat mir lange pfiffig nachgelacht -

Daß ich verrückt sei, hätt' er nicht gedacht! –




 

 




 

Die Krähen

 

Heiß, heiß der Sonnenbrand

Drückt vom Zenit herunter,

Weit, weit der gelbe Sand

Zieht sein Gestäube drunter;

Nur wie ein grüner Strich

Am Horizont die Föhren;

Mich dünkt, man müßt' es hören,

Wenn nur ein Kanker schlich.

 

Der blasse Äther siecht,

Ein Ruhen rings, ein Schweigen,

Dem matt das Ohr erliegt;

Nur an der Düne steigen

Zwei Fichten dürr, ergraut,

Wie Trauernde am Grabe,

Wo einsam sich ein Rabe

Die rupp'gen Federn kraut.

 

Da zieht's in Westen schwer

Wie eine Wetterwolke,

Kreist um die Föhren her

Und fällt am Heidekolke;

Und wieder steigt es dann,

Es flattert und es ächzet,

Und immer näher krächzet

Das Galgenvolk heran.

 

Recht, wo der Sand sich dämmt,

Da lagert es am Hügel;

Es badet sich und schwemmt,

Stäubt Asche durch die Flügel

Bis jede Feder grau;

Dann rasten sie im Bade,

Und horchen der Suade

Der alten Krähenfrau,

 

Die sich im Sande reckt,

Das Bein lang ausgeschossen,

Ihr eines Aug' gefleckt,

Das andre ist geschlossen;

Zweihundert Jahr und mehr

Gehetzt mit allen Hunden,

Schnarrt sie nun ihre Kunden

Dem jungen Volke her:

 

»Ja, ritterlich und kühn all sein Gebar!

Wenn er so herstolzierte vor der Schar,

Und ließ sein bäumend Roß so drehn und schwenken,

Da mußt' ich immer an Sankt Görgen denken,

Den Wettermann, der - als am Schlot ich saß,

Ließ mir die Sonne auf den Rücken brennen -

Vom Wind getrillt mich schlug so hart, daß baß

Ich es dem alten Raben möchte gönnen,

Der dort von seiner Hopfenstange schaut,

Als sei ein Baum er und wir andern Kraut! -

 

»Kühn war der Halberstadt, das ist gewiß!

Wenn er die Braue zog, die Lippe biß,

Dann standen seine Landsknecht' auf den Füßen

Wie Speere, solche Blicke konnt' er schießen.

Einst brach sein Schwert: er riß die Kuppel los,

Stieß mit der Scheide einen Mann vom Pferde.

Ich war nur immer froh, daß flügellos,

Ganz sonder Witz der Mensch geboren werde:

Denn nie hab' ich gesehn, daß aus der Schlacht

Er eine Leber nur beiseit' gebracht.

 

»An einem Sommertag, - heut sind es grad

Zweihundertfünfzehn Jahr, es lief die Schnat

Am Damme drüben damals bei den Föhren -

Da konnte man ein frisch Drommeten hören,

Ein Schwerterklirren und ein Feldgeschrei,

Radschlagen sah man Reuter von den Rossen,

Und die Kanone fuhr ihr Hirn zu Brei!

Entlang die Gleise ist das Blut geflossen,

Granat und Wachtel liefen kunterbunt

Wie junge Kiebitze am sand'gen Grund.

 

»Ich saß auf einem Galgen, wo das Bruch

Man überschauen konnte recht mit Fug;

Dort an der Schnat hat Halberstadt gestanden,

Mit seinem Sehrohr streifend durch die Banden,

Hat seinen Stab geschwungen so und so;

Und wie er schwenkte, zogen die Soldaten -

Da plötzlich aus den Mörsern fuhr die Loh',

Es knallte, daß ich bin zu Fall geraten,

Und als kopfüber ich vom Galgen schoß,

Da pfiff der Halberstadt davon zu Roß.

 

»Mir stieg der Rauch in Ohr und Kehl', ich schwang

Mich auf, und nach der Qualm in Strömen drang;

Entlang die Heide fuhr ich mit Gekrächze.

Am Grunde, welch Geschrei, Geschnaub', Geächze!

Die Rosse wälzten sich und zappelten,

Todwunde zuckten auf, Landsknecht' und Reuter

Knirschten den Sand, da näher trappelten

Schwadronen, manche krochen winselnd weiter,

Und mancher hat noch einen Stich versucht,

Als über ihn der Bayer weggeflucht.

 

»Noch lange haben sie getobt, geknallt,

Ich hatte mich geflüchtet in den Wald;

Doch als die Sonne färbt' der Föhren Spalten,

Ha, welch ein köstlich Mahl ward da gehalten!

Kein Geier schmaust', kein Weihe je so reich!

In achtzehn Schwärmen fuhren wir herunter,

Das gab ein Hacken, Picken, Leich' auf Leich' -

Allein der Halberstadt war nicht darunter:

Nicht kam er heut, noch sonst mir zu Gesicht,

Wer ihn gefressen hat, ich weiß es nicht.«

 

Sie zuckt die Klaue, kraut den Schopf,

Und streckt behaglich sich im Bade;

Da streckt ein grauer Herr den Kopf,

Weit älter, als die Scheh'razade.

»Ha,« krächzt er, »das war wüste Zeit, -

Da gab's nicht Frauen, wie vor Jahren,

Als Ritter mit dem Kreuz gefahren,

Und man die Münster hat geweiht!«

 

Er hustet, speit ein wenig Sand und Ton,

Dann hebt er an, ein grauer Seladon:

»Und wenn er kühn, so war sie schön,

Die heil'ge Frau im Ordenskleide!

Ihr mocht' der Weihel süßer stehn,

Als andern Güldenstück und Seide.

Kaum war sie holder an dem Tag,

Da ihr jungfräulich Haar man fällte,

Als ich ans Kirchenfenster schnellte,

Und schier Tobias' Hündlein brach.

 

»Da stand die alte Gräfin, stand

Der alte Graf, geduldig harrend;

Er aufs Barettlein in der Hand,

Sie fest aufs Paternoster starrend;

Ehrbar, wie bronzen sein Gesicht -

Und aus der Mutter Wimpern glitten

Zwei Tränen auf der Schaube Mitten,

Doch ihre Lippe zuckte nicht.

 

»Und sie in ihrem Sammetkleid,

Von Perlen und Juwel' umfunkelt,

Bleich war sie, aber nicht von Leid,

Ihr Blick, doch nicht von Gram, umdunkelt.

So mild hat sie das Haupt gebeugt,

Als woll' auf den Altar sie legen

Des Haares königlichen Segen,

Vom Antlitz ging ein süß Geleucht.

 

»Doch als nun, wie am Blutgerüst,

Ein Mann die Seidenstränge packte,

Da faßte mich ein wild Gelüst,

Ich schlug die Scheiben, daß es knackte,

Und flattert' fort, als ob der Stahl

Nach meinem Nacken wolle zücken -

Ja wahrlich, über Kopf und Rücken

Fühlt' ich den ganzen Tag mich kahl!

 

»Und später sah ich manche Stund

Sie betend durch den Kreuzgang schreiten,

Ihr süßes Auge übern Grund

Entlang die Totenlager gleiten;

Ins Quadrum flog ich dann herab,

Spazierte auf dem Leichensteine,

Sang, oder suchte auch zum Scheine

Nach einem Regenwurm am Grab.

 

»Wie sie gestorben, weiß ich nicht;

Die Fenster hatte man verhangen,

Ich sah am Vorhang nur das Licht

Und hörte, wie die Schwestern sangen;

Auch hat man keinen Stein geschafft

Ins Quadrum, doch ich hörte sagen,

Daß manchem Kranken Heil getragen

Der sel'gen Frauen Wunderkraft.

 

»Ein Loch gibt es am Kirchenend',

Da kann man ins Gewölbe schauen,

Wo matt die ew'ge Lampe brennt,

Steinsärge ragen, fein gehauen;

Da streck' ich oft im Dämmergrau

Den Kopf durchs Gitter, klage, klage

Die Schlafende im Sarkophage,

So hold, wie keine Krähenfrau!«

 

Er schließt die Augen, stößt ein lang »Krahah!«

Gestreckt die Zunge und den Schnabel offen;

Matt, flügelhängend, ein zertrümmert Hoffen,

Ein Bild gebrochnen Herzens sitzt er da. -

 

Da schnarrt es über ihm: »Ihr Narren all!«

Und nieder von der Fichte plumpt der Rabe:

»Ist einer hier, der hörte von Walhall,

Von Teut und Thor, und von dem Hünengrabe?

Saht ihr den Opferstein« - da mit Gekrächz

Hebt sich die Schar und klatscht entlang den Hügel.

Der Rabe blinzt, er stößt ein kurz Geächz,

Die Federn sträubend wie ein zorn'ger Igel;

Dann duckt er nieder, kraut das kahle Ohr,

Noch immer schnarrend fort von Teut und Thor. –

 

 

 

 

 

 

Das Hirtenfeuer

 

Dunkel, Dunkel im Moor,

Über der Heide Nacht,

Nur das rieselnde Rohr

Neben der Mühle wacht,

Und an des Rades Speichen

Schwellende Tropfen schleichen.

 

Unke kauert im Sumpf,

Igel im Grase duckt,

In dem modernden Stumpf

Schlafend die Kröte zuckt,

Und am sandigen Hange

Rollt sich fester die Schlange.

 

Was glimmt dort hinterm Ginster,

Und bildet lichte Scheiben?

Nun wirft es Funkenflinster,

Die löschend niederstäuben;

Nun wieder alles dunkel -

Ich hör' des Stahles Picken,

Ein Knistern, ein Gefunkel,

Und auf die Flammen zücken.

 

Und Hirtenbuben hocken

Im Kreis' umher, sie strecken

Die Hände, Torfes Brocken

Seh' ich die Lohe lecken;

Da bricht ein starker Knabe

Aus des Gestrüppes Windel,

Und schleifet nach im Trabe

Ein wüst Wacholderbündel.

 

Er läßt's am Feuer kippen -

Hei, wie die Buben johlen,

Und mit den Fingern schnippen

Die Funken-Girandolen!

Wie ihre Zipfelmützen

Am Ohre lustig flattern,

Und wie die Nadeln spritzen,

Und wie die Äste knattern!

 

Die Flamme sinkt, sie hocken

Aufs Neu' umher im Kreise,

Und wieder fliegen Brocken,

Und wieder schwehlt es leise;

Glührote Lichter streichen

An Haarbusch und Gesichte,

Und schier Dämonen gleichen

Die kleinen Heidewichte.

 

Der da, der Unbeschuhte,

Was streckt er in das Dunkel

Den Arm wie eine Rute?

Im Kreise welch Gemunkel?

Sie spähn wie junge Geier

Von ihrer Ginsterschütte:

Hah, noch ein Hirtenfeuer,

Recht an des Dammes Mitte!

 

Man sieht es eben steigen

Und seine Schimmer breiten,

Den wirren Funkenreigen

Übern Wacholder gleiten;

Die Buben flüstern leise,

Sie räuspern ihre Kehlen,

Und alte Heideweise

Verzittert durch die Schmehlen.

 

»Helo, heloe!

Heloe, loe!

Komm du auf unsre Heide,

Wo ich meine Schäflein weide,

Komm, o komm in unser Bruch,

Da gibt's der Blümelein genug, -

Helo, heloe!«

 

Die Knaben schweigen, lauschen nach dem Tann,

Und leise durch den Ginster zieht's heran:

 

        Gegenstrophe

 

»Helo, heloe!

Ich sitze auf dem Walle,

Meine Schäflein schlafen alle,

Komm, o komm in unsern Kamp,

Da wächst das Gras wie Brahm so lang! -

Helo, heloe!

Heloe, loe!«

 

 



 

Der Heidemann

 

»Geht, Kinder, nicht zu weit ins Bruch,

Die Sonne sinkt, schon surrt den Flug

Die Biene matter, schlafgehemmt,

Am Grunde schwimmt ein blasses Tuch,

Der Heidemann kömmt!« -

 

Die Knaben spielen fort am Raine,

Sie rupfen Gräser, schnellen Steine,

Sie plätschern in des Teiches Rinne,

Erhaschen die Phalän' am Ried

Und freun sich, wenn die Wasserspinne

Langbeinig in die Binsen flieht.

 

»Ihr Kinder, legt euch nicht ins Gras! -

Seht, wo noch grad' die Biene saß,

Wie weißer Rauch die Glocken füllt.

Scheu aus dem Busche glotzt der Has,

Der Heidemann schwillt!« -

 

Kaum hebt ihr schweres Haupt die Schmehle

Noch aus dem Dunst, in seine Höhle

Schiebt sich der Käfe,r und am Halme

Die träge Motte höher kreucht,

Sich flüchtend vor dem feuchten Qualme,

Der unter ihre Flügel steigt.

 

»Ihr Kinder, haltet euch bei Haus!

Lauft ja nicht in das Bruch hinaus;

Seht, wie bereits der Dorn ergraut,

Die Drossel ächzt zum Nest hinaus,

Der Heidemann braut!« -

 

Man sieht des Hirten Pfeife glimmen,

Und vor ihm her die Herde schwimmen,

Wie Proteus seine Robbenscharen

Heimschwemmt im grauen Ozean.

Am Dach die Schwalben zwitschernd fahren

Und melancholisch kräht der Hahn.

 

»Ihr Kinder, bleibt am Hofe dicht!

Seht, wie die feuchte Nebelschicht

Schon an des Pförtchens Klinke reicht;

Am Grunde schwimmt ein falsches Licht,

Der Heidemann steigt!« -

 

Nun strecken nur der Föhren Wipfel

Noch aus dem Dunste grüne Gipfel,

Wie übern Schnee Wacholderbüsche;

Ein leises Brodeln quillt im Moor,

Ein schwaches Schrillen, ein Gezische

Dringt aus der Niederung hervor.

 

»Ihr Kinder kommt, kommt schnell herein!

Das Irrlicht zündet seinen Schein,

Die Kröte schwillt, die Schlang' im Ried;

Jetzt ist's unheimlich draußen sein,

Der Heidemann zieht!« -

 

Nun sinkt die letzte Nadel, rauchend

Zergeht die Fichte, langsam tauchend

Steigt Nebelschemen aus dem Moore,

Mit Hünenschritten gleitet's fort;

Ein irres Leuchten zuckt im Rohre,

Der Krötenchor beginnt am Bord.

 

Und plötzlich scheint ein schwaches Glühen

Des Hünen Glieder zu durchziehen;

Es siedet auf, es färbt die Wellen,

Der Nord, der Nord entzündet sich -

Glutpfeile, Feuerspeere schnellen,

Der Horizont ein Lavastrich!

 

»Gott gnad' uns! wie es zuckt und dräut,

Wie's schwehlet an der Dünenscheid'!

Ihr Kinder, faltet eure Händ',

Das bringt uns Pest und teure Zeit -

Der Heidemann brennt!« -

 


 

Der Knabe im Moor

 

O schaurig ist's übers Moor zu gehn,

Wenn es wimmelt vom Heiderauche,

Sich wie Phantome die Dünste drehn

Und die Ranke häkelt am Strauche,

Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,

Wenn aus der Spalte es zischt und singt,

O schaurig ist's übers Moor zu gehn,

Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

 

Fest hält die Fibel das zitternde Kind

Und rennt, als ob man es jage;

Hohl über die Fläche sauset der Wind -

Was raschelt drüben am Hage?

Das ist der gespenstische Gräberknecht,

Der dem Meister die besten Torfe verzecht;

Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!

Hinducket das Knäblein zage.

 

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,

Unheimlich nicket die Föhre,

Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,

Durch Riesenhalme wie Speere;

Und wie es rieselt und knittert darin!

Das ist die unselige Spinnerin,

Das ist die gebannte Spinnlenor',

Die den Haspel dreht im Geröhre!

 

Voran, voran! nur immer im Lauf,

Voran, als woll' es ihn holen;

Vor seinem Fuße brodelt es auf,

Es pfeift ihm unter den Sohlen

Wie eine gespenstige Melodei;

Das ist der Geigemann ungetreu,

Das ist der diebische Fiedler Knauf,

Der den Hochzeitheller gestohlen!

 

Da birst das Moor, ein Seufzer geht

Hervor aus der klaffenden Höhle;

Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:

»Ho, ho, meine arme Seele!«

Der Knabe springt wie ein wundes Reh;

Wär' nicht Schutzengel in seiner Näh',

Seine bleichenden Knöchelchen fände spät

Ein Gräber im Moorgeschwehle.

 

Da mählich gründet der Boden sich,

Und drüben, neben der Weide,

Die Lampe flimmert so heimatlich,

Der Knabe steht an der Scheide.

Tief atmet er auf, zum Moor zurück

Noch immer wirft er den scheuen Blick:

Ja, im Geröhre war's fürchterlich,

 





 

Am Turme

 

Ich steh' auf hohem Balkone am Turm,

Umstrichen vom schreienden Stare,

Und lass' gleich einer Mänade den Sturm

Mir wühlen im flatternden Haare;

O wilder Geselle, o toller Fant,

Ich möchte dich kräftig umschlingen,

Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand

Auf Tod und Leben dann ringen!

 

Und drunten seh' ich am Strand, so frisch

Wie spielende Doggen, die Wellen

Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch,

Und glänzende Flocken schnellen.

O, springen möcht' ich hinein alsbald,

Recht in die tobende Meute,

Und jagen durch den korallenen Wald

Das Walroß, die lustige Beute!

 

Und drüben seh ich ein Wimpel wehn

So keck wie eine Standarte,

Seh auf und nieder den Kiel sich drehn

Von meiner luftigen Warte;

O, sitzen möcht' ich im kämpfenden Schiff,

Das Steuerruder ergreifen,

Und zischend über das brandende Riff

Wie eine Seemöve streifen.

 

Wär' ich ein Jäger auf freier Flur,

Ein Stück nur von einem Soldaten,

Wär' ich ein Mann doch mindestens nur,

So würde der Himmel mir raten;

Nun muß ich sitzen so fein und klar,

Gleich einem artigen Kinde,

Und darf nur heimlich lösen mein Haar,

Und lassen es flattern im Winde!

 



 

Am Bodensee

 

Über Gelände, matt gedehnt,

Hat Nebelhauch sich wimmelnd gelegt,

Müde, müde die Luft am Strande stöhnt,

Wie ein Roß, das den schlafenden Reiter trägt;

Im Fischerhause kein Lämpchen brennt,

Im öden Turme kein Heimchen schrillt

Nur langsam rollend der Pulsschlag schwillt

In dem zitternden Element.

 

Ich hör' es wühlen am feuchten Strand,

Mir unterm Fuße es wühlen fort,

Die Kiesel knistern, es rauscht der Sand,

Und Stein an Stein entbröckelt dem Bord.

An meiner Sohle zerfährt der Schaum,

Eine Stimme klaget im hohlen Grund,

Gedämpft, mit halbgeschlossenem Mund,

Wie des grollenden Wetters Traum.

 

Ich beuge mich lauschend am Turme her,

Sprühregenflitter fährt in die Höh',

Ha, meine Locke ist feucht und schwer!

Was treibst du denn, unruhiger See?

Kann dir der heilige Schlaf nicht nahn?

Doch nein, du schläfst, ich seh es genau,

Dein Auge decket die Wimper grau,

Am Ufer streckt sich der Kahn.

 

Hast du so Vieles, so Vieles erlebt,

Daß dir im Traume es kehren muß,

Daß deine gleißende Nerv' erbebt,

Naht ihr am Strand eines Menschen Fuß?

Dahin, dahin! die einst so gesund,

So reich und mächtig, so arm und klein,

Und nur ihr flüchtiger Spiegelschein

Liegt zerflossen auf deinem Grund.

 

Der Ritter, so aus der Burg hervor

Vom Hange trabte in aller Früh;

- Jetzt nickt die Esche vom grauen Tor,

Am Zwinger zeichnet die Mylady -

Das arme Mütterlein, das gebleicht

Sein Leichenhemde den Strand entlang;

Der Kranke, der seinen letzten Gang

An deinem Borde gekeucht;

 

Das spielende Kind, das neckend hier

Sein Schneckenhäuschen geschleudert hat;

Die glühende Braut, die lächelnd dir

Von der Ringelblume gab Blatt um Blatt;

Der Sänger, der mit trunkenem Aug'

Das Metrum geplätschert in deiner Flut,

Der Pilger, so am Gestein geruht,

Sie alle dahin wie Rauch!

 

Bist du so fromm, alte Wasserfey,

Hältst nur umschlungen, läßt nimmer los?

Hat sich aus dem Gebirge die Treu'

Geflüchtet in deinen heiligen Schoß?

O, schau mich an! ich zergeh wie Schaum,

Wenn aus dem Grabe die Distel quillt,

Dann zuckt mein längst zerfallenes Bild

Wohl einmal durch deinen Traum!

 

 






 

 

Das alte Schloß

 

Auf der Burg haus' ich am Berge,

Unter mir der blaue See,

Höre nächtlich Koboldzwerge,

Täglich Adler aus der Höh',

Und die grauen Ahnenbilder

Sind mir Stubenkameraden,

Wappentruh' und Eisenschilder

Sofa mir und Kleiderladen.

 

Schreit' ich über die Terrasse

Wie ein Geist am Runenstein,

Sehe unter mir die blasse

Alte Stadt im Mondenschein,

Und am Walle pfeift es weidlich,

- Sind es Käuze oder Knaben? -

Ist mir selber oft nicht deutlich,

Ob ich lebend, ob begraben!

 

Mir genüber gähnt die Halle,

Grauen Tores, hohl und lang,

Drin mit wunderlichem Schalle

O Langsam dröhnt ein schwerer Gang;

Mir zur Seite Riegelzüge,

Ha, ich öffne, laß die Lampe

Scheinen auf der Wendelstiege

Lose modergrüne Rampe,

 

Die mich lockt wie ein Verhängnis,

Zu dem unbekannten Grund;

Ob ein Brunnen? ob Gefängnis?

Keinem Lebenden ist's kund;

Denn zerfallen sind die Stufen,

Und der Steinwurf hat nicht Bahn,

Doch als ich hinab gerufen,

Donnert's fort wie ein Orkan.

 

Ja, wird mir nicht baldigst fade

Dieses Schlosses Romantik,

In den Trümmern, ohne Gnade,

Brech' ich Glieder und Genick;

Denn, wie trotzig sich die Düne

Mag am flachen Strande heben,

Fühl' ich stark mich wie ein Hüne,

Von Zerfallendem umgeben.

 




 




 

Mein Beruf

 

»Was meinem Kreise mich enttrieb,

Der Kammer friedlichem Gelasse?«

Das fragt ihr mich, als sei, ein Dieb,

Ich eingebrochen am Parnasse.

So hört denn, hört, weil ihr gefragt:

Bei der Geburt bin ich geladen,

Mein Recht, so weit der Himmel tagt,

Und meine Macht von Gottes Gnaden.

 

Jetzt, wo hervor der tote Schein

Sich drängt am modervollen Stumpfe,

Wo sich der schönste Blumenrain

Wiegt über dem erstorbnen Sumpfe,

Der Geist, ein blutlos Meteor,

Entflammt und lischt im Moorgeschwehle,

Jetzt ruft die Stunde: »Tritt hervor,

Mann oder Weib, lebend'ge Seele!

 

»Tritt zu dem Träumer, den am Rand

Entschläfert der Datura Odem,

Der, langsam gleitend von der Wand,

Noch zucket gen den Zauberbrodem.

Und wo ein Mund zu lächeln weiß

Im Traum, ein Auge noch zu weinen,

Da schmettre laut, da flüstre leis,

Trompetenstoß und West in Hainen!

 

»Tritt näher, wo die Sinnenlust

Als Liebe gibt ihr wüstes Ringen,

Und durch der eignen Mutter Brust

Den Pfeil zum Ziele möchte bringen,

Wo selbst die Schande flattert auf,

Ein lustiges Panier zum Siege,

Da rüttle hart: ›Wach auf, wach auf,

Unsel'ger, denk an deine Wiege!

 

»›Denk an das Aug', das überwacht

Noch eine Freude dir bereitet,

Denk an die Hand, die manche Nacht

Dein Schmerzenslager dir gebreitet,

Des Herzens denk, das einzig wund

Und einzig selig deinetwegen,

Und dann knie nieder auf den Grund

Und fleh um deiner Mutter Segen!‹

 

»Und wo sich träumen wie in Haft

Zwei einst so glüh ersehnte Wesen,

Als hab' ein Priesterwort die Kraft

Der Banne seligsten zu lösen,

Da flüstre leise: ›Wacht, o wacht!

Schaut in das Auge euch, das trübe,

Wo dämmernd sich Erinnrung facht,

Und dann: Wach auf, o heil'ge Liebe!‹

 

»Und wo im Schlafe zitternd noch

Vom Opiat die Pulse klopfen,

Das Auge dürr, und gäbe doch

Sein Sonnenlicht um einen Tropfen, -

O, rüttle sanft: ›Verarmter, senk

Die Blicke in des Äthers Schöne,

Kos' einem blonden Kind und denk

An der Begeistrung erste Träne.‹«

 

So rief die Zeit, so ward mein Amt

Von Gottes Gnaden mir gegeben,

So mein Beruf mir angestammt,

Im frischen Mut, im warmen Leben;

Ich frage nicht, ob ihr mich nennt,

Nicht fröhnen mag ich kurzem Ruhme,

Doch wißt: wo die Sahara brennt,

Im Wüstensand, steht eine Blume,

 

Farblos und Duftes bar, nichts weiß

Sie, als den frommen Tau zu hüten

Und dem Verschmachtenden ihn leis

In ihrem Kelche anzubieten.

Vorüber schlüpft die Schlange scheu

Und Pfeile ihre Blicke regnen,

Vorüber rauscht der stolze Leu,

Allein der Pilger wird sie segnen.

 

 
 
 
Mörike - Hülshoff 


 

 

Meine Toten

 

Wer eine ernste Fahrt beginnt,

Der Segen Not und frischer Wind,

Er schaut verlangend in die Weite

Nach eines treuen Auges Brand,

Nach einem warmen Druck der Hand,

Nach einem Wort, das ihn geleite.

 

Ein ernstes Wagen heb' ich an,

So tret' ich denn zu euch hinan,

Ihr meine stillen strengen Toten;

Ich bin erwacht an eurer Gruft,

Aus Wasser, Feuer, Erde, Luft,

Hat eure Stimme mir geboten.

 

Wenn die Natur in Hader lag,

Und durch die Wolkenwirbel brach

Ein Funke jener tausend Sonnen, -

Spracht aus der Elemente Streit

Ihr nicht von einer Ewigkeit

Und unerschöpften Lichtes Bronnen?

 

Am Hange schlich ich, krank und matt,

Da habt ihr mir das welke Blatt

Mit Warnungsflüstern zugetragen,

Gelächelt aus der Welle Kreis,

Habt aus des Angers starrem Eis

Die Blumenaugen aufgeschlagen.

 

Was meine Adern muß durchziehn,

Sah ich's nicht flammen und verglühn,

An eurem Schreine nicht erkalten?

Vom Auge hauchtet ihr den Schein,

Ihr meine Richter, die allein

In treuer Hand die Wage halten.

 

Kalt ist der Druck von eurer Hand,

Erloschen eures Blickes Brand,

Und euer Laut der Öde Odem,

Doch keine andre Rechte drückt

So traut, so hat kein Aug' geblickt,

So spricht kein Wort, wie Grabesbrodem!

 

Ich fasse eures Kreuzes Stab,

Und beuge meine Stirn hinab

Zu eurem Gräberhauch, dem stillen,

Zumeist geliebt, zuerst gegrüßt,

Laßt, lauter wie der Äther fließt,

Mir Wahrheit in die Seele quillen.



Meine Toten

 



 

 

Das Spiegelbild

 

Schaust du mich an aus dem Kristall

Mit deiner Augen Nebelball,

Kometen gleich, die im Verbleichen;

Mit Zügen, worin wunderlich

Zwei Seelen wie Spione sich

Umschleichen, ja, dann flüstre ich:

Phantom, du bist nicht meinesgleichen!

 

Bist nur entschlüpft der Träume Hut,

Zu eisen mir das warme Blut,

Die dunkle Locke mir zu blassen;

Und dennoch, dämmerndes Gesicht,

Drin seltsam spielt ein Doppellicht,

Trätest du vor, ich weiß es nicht,

Würd' ich dich lieben oder hassen?

 

Zu deiner Stirne Herrscherthron,

Wo die Gedanken leisten Fron

Wie Knechte, würd' ich schüchtern blicken;

Doch von des Auges kaltem Glast,

Voll toten Lichts, gebrochen fast,

Gespenstig, würd', ein scheuer Gast,

Weit, weit ich meinen Schemel rücken.

 

Und was den Mund umspielt so lind,

So weich und hülflos wie ein Kind,

Das möcht' in treue Hut ich bergen;

Und wieder, wenn er höhnend spielt,

Wie von gespanntem Bogen zielt,

Wenn leis' es durch die Züge wühlt,

Dann möcht' ich fliehen wie vor Schergen.

 

Es ist gewiß, du bist nicht Ich,

Ein fremdes Dasein, dem ich mich

Wie Moses nahe, unbeschuhet,

Voll Kräfte, die mir nicht bewußt,

Voll fremden Leides, fremder Lust;

Gnade mir Gott, wenn in der Brust

Mir schlummernd deine Seele ruhet!

 

Und dennoch fühl' ich, wie verwandt,

Zu deinen Schauern mich gebannt,

Und Liebe muß der Furcht sich einen.

Ja, trätest aus Kristalles Rund,

Phantom, du lebend auf den Grund,

Nur leise zittern würd' ich, und

Mich dünkt - ich würde um dich weinen!






 




 
 
Steineklopfer, nach westfälischen Gestalten

 



 

 

Im Grase

 

Süße Ruh', süßer Taumel im Gras,

Von des Krautes Arome umhaucht,

Tiefe Flut, tief tief trunkne Flut,

Wenn die Wolk' am Azure verraucht,

Wenn aufs müde, schwimmende Haupt

Süßes Lachen gaukelt herab,

Liebe Stimme säuselt und träuft

Wie die Lindenblüt' auf ein Grab.

 

Wenn im Busen die Toten dann,

Jede Leiche sich streckt und regt,

Leise, leise den Odem zieht,

Die geschloßne Wimper bewegt,

Tote Lieb', tote Lust, tote Zeit,

All die Schätze, im Schutt verwühlt,

Sich berühren mit schüchternem Klang

Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt.

 

Stunden, flüchtger ihr als der Kuß

Eines Strahls auf den trauernden See,

Als des ziehenden Vogels Lied,

Das mir nieder perlt aus der Höh,

Als des schillernden Käfers Blitz,

Wenn den Sonnenpfad er durcheilt,

Als der heiße Druck einer Hand,

Die zum letzten Male verweilt.

 

Dennoch, Himmel, immer mir nur

Dieses Eine mir: für das Lied

Jedes freien Vogels im Blau

Eine Seele, die mit ihm zieht,

Nur für jeden kärglichen Strahl

Meinen farbig schillernden Saum,

Jeder warmen Hand meinen Druck,

Und für jedes Glück meinen Traum.







Die Judenbuche









 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Joseph 
 
 
 


 
 
 
 
 
Sterbende Kreatur 


Lebt wohl



 


 

 
 
Ledwina
 



 
 


 
Durchwachte Nacht 
 
 
 







Prometheus


 
 
 


 
Durchwachte Nacht





 


Im Moose





Frei nach Droste






Copyright: Michael Blümel


Ausgewählt und zusammengestellt von Carl Gibson
 

1 Kommentar:

  1. Mit ANNETTE VON DROSTE HUELSHOFF on tour https://www.kulturreise-ideen.de/literatur/autoren/Tour-annette-von-droste-huelshoff.html

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Michel de Montaignes Essay „De la solitude“- Das Leben in Abgeschiedenheit zwischen profaner Weltflucht und ästhetischer Verklärung.

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