Freitag, 25. März 2016

„Jeglicher Ort ist für den Weisen Heimatland.“ – Oder: „Patria est, ubicumque est bene“. (Seneca). Leseprobe aus: Carl Gibson, Koryphäen der Einsamkeit und Melancholie in Philosophie und Dichtung aus Antike, Renaissance und Moderne, von Ovid und Seneca zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche.


Leseprobe aus: Carl Gibson, Koryphäen der Einsamkeit und Melancholie in Philosophie und Dichtung aus Antike, Renaissance und Moderne, von Ovid und Seneca zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche.

 

4. 5. „Jeglicher Ort ist für den Weisen Heimatland.“[9] – Oder: „Patria est, ubicumque est bene“[10]


 


Was bedeutet Verbannung überhaupt, fragt Seneca: „videamus, quid sit exsilium“[11]. Provozierend stellt er dann die weit verbreitete These in den Raum: Carere patria intolerabile est“[12]Der Verlust des Vaterlandes sei unerträglich, nicht hinnehmbar. Stimmt das wirklich? Seneca muss rhetorisch so vorgehen, um unmittelbar widersprechen zu können. Noch bevor Seneca weit ausholend auf den natürlichen Lauf der Dinge und das kosmisch bestimmte Werden und Vergehen verweist, kommt er - das individuelle Schicksal der eigenen Verbannung und das Los der betroffenen Mutter einbeziehend - in seiner Gegenargumentation auf die zahlreichen Migranten zu sprechen, auf die ökonomisch motivierten Flüchtlingsströme der Antike, die seit der Jahrtausendwende aus allen Teilen des Römischen Weltreichs nach Rom strebten, um dort ihr Glück zu machen. Sie alle gaben ihr Vaterland, ihre angestammte Heimat freiwillig auf, um am Wohlstand der Ewigen Stadt teilzuhaben, ganz nach dem - auch heute noch gültigen - Motto der Zeit: Ubi bene ibi patria! („Patria est, ubicumque est bene“): „Wohlan, sieh Dir genau die Menschenmenge an, für die kaum der ungeheuren Hauptstadt Häuser reichen: Der größte Teil dieser Menge ist heimatlos. Aus ihren Kleinstädten und Siedlungen, ja aus der ganzen Welt sind sie zusammengeströmt.“[13]

Das Mekka der - nach Freiheit und einem menschenwürdigen Auskommen gierenden - Menschen aus den römischen Provinzen rund um das Mittelmeer hieß damals Rom. Wie bei den europäischen Auswanderern nach Amerika auch, die den alten Kontinent aus Not verließen, war der emotionale Wert Heimat bereits in der Antike etwas, was gern gegen existenzielle Sicherheit aufgegeben werden konnte. Das Römische Reich von Cäsar bis Trajan und Hadrian war der Vielvölkerstaat überhaupt, während Rom einen Schmelztiegel darstellte, der jeden Untertan zum Römer – und somit zum tolerant-humanen Weltbürger formte. Seneca, der Politiker, sah die Dinge klar und pragmatisch. „Nempe loci commutatio.“[14] Was ist Exil mehr als Ortswechsel?

Seneca, der die Negativ-Auswirkungen der Verbannung nicht aus den Augen verliert, steigert sein verharmlosendes Zurechtbiegen der Exil-Situation trotzdem noch weiter, indem er sarkastisch hinzufügt, es gäbe keinen Verbannungsort, an welchem sich nicht auch Menschen aus Neigung aufhielten. Man könne, wie er auf Korsika, auch den kahlsten Fels, das unfruchtbarste Land und das schlechteste Klima gut finden: „Trotzdem halten sich da mehr Fremde als Einheimische auf. Derart leicht ist also der Ortswechsel an sich zu ertragen, daß sogar ein solcher Ort bestimmte Leute aus ihrer Heimat fortgelockt hat.“[15] Das klingt wenig überzeugend. Wer freiwillig seine Wurzeln aufgibt und in die Welt zieht, auch auf die Gefahr hin, in der ungewissen Fremde zu stranden, alles zu verlieren, selbst das nackte Leben, der kann sich vielleicht zu einer ähnlichen Sichtweise durchringen. Wer aber unter Zwang gehen muss, wer seine Identität einbüßt, nur weil er sie unter anderen Bedingungen nicht mehr aufrecht erhalten kann, der wird ganz entgegengesetzt argumentieren – wie der ans Schwarze Meer verbannte Ovid.

Ovid hätte da auf keinen Fall zugestimmt, weil für ihn der Begriff „patria“, Vaterland, gleichbedeutend war mit der Summe aller positiven Assoziationen, mit römischer Kultur und Zivilisation, mit Werten wie Geborgenheit, Sprache, Kultur, Recht, Gesetz, Sitte und Kunst. Doch Seneca, all dies ignorierend, stellt nur fest, dass diese positive Kategorie für unendlich viele Menschen überhaupt nicht existiert; nicht nur für den, über den Dingen stehenden, kosmisch verankerten, stoischen Philosophen, der von der Überzeugung ausgeht, jeder Mensch trage den göttlichen Samen in sich, jeder Mensch sei an sich göttlich und diese Göttlichkeit könne er überall hin mitnehmen, wohin auch immer ihn das Schicksal verschlage, sondern das Gleiche gelte auch für ganze Völker, die seit Jahrhunderten durch Europa wandern, der Vermischung und der Assimilation unterworfen waren; ebenso für viele Einzelmenschen und große Individuen aus der römischen Geschichte, die fern der Heimat als Exilierte in eigentlicher Selbstbesinnung glücklich werden konnten, ohne etwas Substanzielles zu vermissen. „Und all diese Völkerwanderungen – was sind sie anderes als massenweises Exil?“[16]

Heimatlose, Vertriebene gibt es überall auf der Welt – selbst Rom, der Mittelpunkt der Welt, wurde von einem Vertriebenen gegründet, von Äneas, der, nachdem Troja gefallen war, mit seinem Volk den Exodus wählen und nach Italien ziehen musste. Nach Senecas Ausführungen, kann der Einzelmensch überall auf der Welt das Bewusstsein seiner Freiheit erlangen, indem er, ganz egal in welchem Land er auch sein sollte, den Blick zum Firmament, zu den Sternen erhebt: „Das Weltall hier, die größte und herrlichste Schöpfung der Natur, und der Geist, der das All betrachtet und bewundert als sein großartigster Teil, sind unser beständiges Eigentum und werden solange für uns da sein, wie wir selbst sind. Froh und mutig wollen wir deshalb, wohin auch immer das Geschick uns führt, mit festen Schritten eilen. Ziehen wir durch alle möglichen Länder: Kein Ort für die Verbannung ist zu finden, denn nichts, was in der Welt ist, ist dem Menschen fremd. Von überall erhebt er gleichermaßen den Blick zum Himmel; stets gleich weit ist alles Göttliche von allem Irdischen entfernt.“[17]

Der deutsche Aufklärer und Metaphysiker Immanuel Kant wird später diesen schönen Gedanken, der aus einer psychischen Notwendigkeit entspringt, aber auch in die Selbsttäuschung führen kann, aufgreifen. Seneca verweist auf die kosmopolitische Weltsicht, die eigentlich für jeden Humanisten gültig sein sollte: „Daß Du der Heimat fern bist, ist nicht schlimm. Du hast dich so mit Philosophie vertraut gemacht, daß du wissen müsstest: Jeglicher Ort ist für den Weisen Heimatland.“[18]

Diese, dem edlen Marcellus entlehnten, an die Mutter gerichteten Trost-Worte, die ein Ovid, vom Fühlen bestimmt, sicher ablehnen würde, bezieht Seneca auf seine eigene, physisch noch erträgliche Situation auf der warmen Mittelmer-Insel Korsika, während Ovid am Ende der Zivilisation - unter Geten und Sarmaten - im Eis erstarrte. Eine Verurteilung zur Verbannung zieht zwar oft den Verlust des Bürgerrechts und des Vermögens nach sich und führt – selbst bei der milderen Form der „relegatio“, die Ovid traf, in die Armut. Doch kein Verbannungsort ist karg genug, um nicht das Wenige abzuwerfen, was der Mensch zur Erhaltung seiner Existenz benötigt. Keine Insel, selbst der wasserlose und dornenreiche Felsblock Korsika nicht, und keine Wüste kann öd genug sein, um den Menschen abzuhalten, neu Wurzeln zu schlagen; denn, da er, wenn er stoisch denkt, all seine Vorzüge bei sich hat, kann er auch die anfänglichen Unannehmlichkeiten des Exils überwinden und sich seines Dasein erfreuen. Schließlich kann der Verbannte, der sich selbst entwirft, nie seiner inneren Freiheit beraubt werden. „Deswegen kann er auch niemals heimatlos sein, da er frei und den Göttern verwandt und mit der ganzen Welt, der ganzen Ewigkeit verbunden ist. Denn seine Gedanken kreisen um den ganzen Himmel und machen sich jede Vergangenheit und Zukunft eigen.“[19]

Der Stoiker erhebt sich leibverachtend über die körperliche Hülle und konzentriert sich auf Geist und Seele: „Animus est, qui divites facit.“[20] – „Der Geist ist’s, der reich macht.“ Ergänzend heißt es: „Er geht mit ins Exil und in den unwirtlichsten Wüsteneien (solitudinibus) ist er selbst, wenn er soviel fand, wie zur Erhaltung des Leibes genügt“.

Während Ovid, schon zur Hypochondrie neigend, den kranken Körper streng beobachtet, ohne sich den psychosomatischen Auswirkungen entziehen zu können, verkündet Seneca – obwohl auch er körperliche Leiden kannte – zumindest theoretisch die befreiende Selbsterhebung des Subjekts: „Der arme Leib da, das Gefängnis und die Fessel der Seele, wird dahin und dorthin gestoßen. Er muß Martern, er muss Überfälle, er muss Krankheiten erleiden. Die Seele selber freilich ist gottgeweiht und ewig und von der Art, daß man nicht Hand an sie legen kann.“[21] Plotin, der sich angeblich schämte, in einem Leib wohnen zu müssen, Gnostiker und fromme Christen werden ihm in diesen Anschauungen folgen.

Senecas Ausführungen zur Exilsituation stehen in der Tradition jahrhundertealter Problematisierungen der Thematik in der griechischen Literatur und Philosophie. Als einer seiner unmittelbaren Vorgänger hatte bereits Cicero die Exilfrage in seinen „Gesprächen in Tusculum“ angeschnitten und dabei im fünften Gespräch die Verbannung als ein großes Übel ausgemacht. Was hat jener zu fürchten, der Geld und Ehre verachtet? „Exilium, credo, quod in maxumis malis ducitur“ – „Ich denke, die Verbannung, die man zu den größten Unglücken rechnet.“[22] In diesen Gesprächen, die Ovid, dem poeta doctus, bekannt sein konnten, neigt Cicero allerdings auch schon zur Bagatellisierung der Exilsituation, indem er in der Verbannung nur eine ausgedehnte Reise oder eine Reise ohne Rückkehr sieht. Der statische Ortswechsel Senecas erfährt eine dynamische Ausweitung, die ins Unendliche strebt. Deshalb greift Cicero – stellvertretend für den Weisen überhaupt, der kraft seiner Rückbesinnung auf die Philosophie jedes Übel zu bewältigen weiß – ein Wort des Sokrates auf, in welchem sich dieser als Bewohner des Kosmos bezeichnet – als Weltbürger par excellence. Ein Kosmopolit ist überall zu Hause – frei nach der Überzeugung des Griechen Teukros: „Patria est, ubicumque est bene“[23] – das Vaterland ist dort, wo es einem gut geht – also dort, wo eine freie Geistesentfaltung möglich ist, ganz egal ob diese als Philosoph oder Dichter erfolgt. Dabei kann eine adäquate Versklavung daheim sogar einem freiwilligen Exil vorgezogen werden.

Cicero erwähnt eine ganze Reihe illustrer Griechen, unter ihnen Aristoteles, Theophrast[24], Kleanthes und Chrysipp, die allesamt ihr halbes Leben auf Reisen durch die Fremde verbrachten, um das Ausgesetztsein außerhalb der Heimat zu entschärfen. Ovid wird viele subjektive Argumente finden, um in seinem Oeuvre vom Schwarzen Meer aus massiv zu widersprechen. Ihm sind das existenziell Erlebte, der Schmerz, die Traurigkeit und die echte Melancholie, näher als der synthetische, oft nur daher gesagte Moral-Entwurf. Doch Seneca wird, das Ideal stoischer Ethik voll im Visier, Cicero folgen. Dort, wo das Vorbild sich noch vornehm zurückhält, wird Seneca mutig seinem Umfeld den Spiegel vorhalten und die bereits dahinsiechende, römische Gesellschaft kritisch angehen.



[9] Seneca, Lucius Annaeus: Die kleinen Dialoge. Bd. II „Trostschrift für Mutter Helvia“, S. 305.
 
[10] „Auf alle diese Gründe lässt sich der Ausspruch des Teukros anwenden: Vaterland ist, wo es einem gut geht“. Cicero, Marcus Tullius: Gespräche in Tusculum. S. 415.
 
[11] Ebenda, S. 291.
[12] Ebenda.
[13] S. 291.
[14] Ebenda.
[15] Ebenda, 293.
 
[16] Seneca, Lucius Annaeus: Die kleinen Dialoge. Bd. II „Trostschrift für Mutter Helvia“, S. 297.
 
[17] Seneca, Lucius Annaeus: Die kleinen Dialoge. Bd. II „Trostschrift für Mutter Helvia“, S. 301.
 
[18] Ebenda, S.305.
[19] Ebenda, S. 315.
[20] Ebenda, S. 314/315.
[21] Ebenda.
 
[22] Cicero, Marcus Tullius: Gespräche in Tusculum. S. 412. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, der politischen Blöcke und Machtkonstellationen sowie in den Tagen des Wankens – nicht nur der Werte der westlichen Welt – sondern der gesamten Weltordnung ist das Recht auf Freizügigkeit ein Privileg von Wenigen in den Wohlstandsstaaten der nördlichen Hemisphäre, während die Flüchtlingsströme überwiegend aus den armen, politisch instabilen und machtpolitisch destabilisierten Staaten Afrikas dramatisch zunimmt. Während die „happy few“ sich noch philosophischen Fragen zuwenden und im Elfenbeinturm disputieren, geht es für viele Flüchtlinge - auf ihrem Weg in die Freiheit und zum „Asyl“ in Extremsituationen der Flucht und des Überlebens - um die nackte Existenz.
[23] Auf alle diese Gründe lässt sich der Ausspruch des Teukros anwenden: Vaterland ist, wo es einem gut geht“. Cicero, Marcus Tullius: Gespräche in Tusculum. S.415.
 
[24] Theophrast, mehr Schriftsteller als Denker, ist der Verfasser der seinerzeit viel gelesenen „Charaktere“, psychologisch-typologische Skizzen in humorvoller Beschreibung, die eine massive Ausweitung der Typen-Lehre des Hippokrates darstellen. Bei Diogenes Laertios findet sich der Hinweis auf ein Werk „Von der Melancholie“ aus der Feder des Theophrast.



Inhalt des Buches: 


Carl Gibson

Koryphäen
der
Einsamkeit und Melancholie
in
Philosophie und Dichtung
aus Antike, Renaissance und Moderne,
von Ovid und Seneca


zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche




https://www.buchhandel.de/buch/Koryphaeen-der-Einsamkeit-und-Melancholie-in-Philosophie-und-Dichtung-aus-Antike-Renaissance-und-Moderne-von-Ovid-und-Seneca-zu-Schopenhauer-Lenau-und-Nietzsche-9783000499395

 
Carl Gibson

Koryphäen
der
Einsamkeit und Melancholie
in
Philosophie und Dichtung
aus Antike, Renaissance und Moderne,
von Ovid und Seneca
zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche





Das 521 Seiten umfassende Buch ist am 20 Juli 2015 erschienen. 

Carl Gibson

Koryphäen
der
Einsamkeit und Melancholie
in
Philosophie und Dichtung
aus Antike, Renaissance und Moderne,
von Ovid und Seneca
zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche


Motivik europäischer Geistesgeschichte und anthropologische Phänomenbeschreibung – Existenzmodell „Einsamkeit“ als „conditio sine qua non“ geistig-künstlerischen Schaffens


Mit Beiträgen zu:

Epikur, Cicero, Augustinus, Petrarca, Meister Eckhart, Heinrich Seuse, Ficino, Pico della Mirandola, Lorenzo de’ Medici, Michelangelo, Leonardo da Vinci, Savonarola, Robert Burton, Montaigne, Jean-Jacques Rousseau, Chamfort, J. G. Zimmermann, Kant, Jaspers und Heidegger,


dargestellt in Aufsätzen, Interpretationen und wissenschaftlichen Essays

1. Auflage, Juli 2015
Copyright © Carl Gibson 2015
Bad Mergentheim

Alle Rechte vorbehalten.


ISBN: 978-3-00-049939-5


Aus der Reihe:

Schriften zur Literatur, Philosophie, Geistesgeschichte
und Kritisches zum Zeitgeschehen. Bd. 2, 2015

Herausgegeben vom
Institut zur Aufklärung und Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Europa, Bad Mergentheim


Bestellungen direkt beim Autor Carl Gibson,

Email: carlgibsongermany@gmail.com

-         oder regulär über den Buchhandel.

„Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit!“ – Das verkündet Friedrich Nietzsche in seinem „Zarathustra“ als einer der Einsamsten überhaupt aus der langen Reihe illustrer Melancholiker seit der Antike. Einsamkeit – Segen oder Fluch?

Nach Aristoteles, Thomas von Aquin und Savonarola ist das „zoon politikon“ Mensch nicht für ein Leben in Einsamkeit bestimmt – nur Gott oder der Teufel könnten in Einsamkeit existieren. Andere Koryphäen und Apologeten des Lebens in Abgeschiedenheit und Zurückgezogenheit werden in der Einsamkeit die Schaffensbedingung des schöpferischen Menschen schlechthin erkennen, Dichter, Maler, Komponisten, selbst Staatsmänner und Monarchen wie Friedrich der Große oder Erz-Melancholiker Ludwig II. von Bayern – Sie alle werden das einsame Leben als Form der Selbstbestimmung und Freiheit in den Himmel heben, nicht anders als seinerzeit die Renaissance-Genies Michelangelo und Leonardo da Vinci.

Alle großen Leidenschaften entstehen in der Einsamkeit, postuliert der Vordenker der Französischen Revolution, Jean-Jacques Rousseau, das Massen-Dasein genauso ablehnend wie mancher solitäre Denker in zwei Jahrtausenden, beginnend mit Vorsokratikern wie Empedokles oder Demokrit bis hin zu Martin Heidegger, der das Sein in der Uneigentlichkeit als eine dem modernen Menschen nicht angemessene Lebensform geißelt. Ovid und Seneca verfassten große Werke der Weltliteratur isoliert in der Verbannung. Petrarca lebte viele Jahre seiner Schaffenszeit einsam bei Avignon in der Provence. Selbst Montaigne verschwand für zehn Jahre in seinem Turm, um, lange nach dem stoischen Weltenlenker Mark Aurel, zum Selbst zu gelangen und aus frei gewählter Einsamkeit heraus zu wirken.

Weshalb zog es geniale Menschen in die Einsamkeit? Waren alle Genies Melancholiker? Wer ist zur Melancholie gestimmt, disponiert? Was bedingt ein Leben in Einsamkeit überhauptWelche Typen bringt die Einsamkeit hervor? Was treibt uns in die neue Einsamkeit? Weshalb leben wir heute in einer anonymen Single-Gesellschaft? Wer entscheidet über ein leidvolles Los im unfreiwilligen Alleinsein, in Vereinsamung und Depression oder über ein erfülltes, glückliches Dasein in trauter Zweisamkeit? Das sind existenzbestimmende Fragen, die über unser alltägliches Wohl und Wehe entscheiden. Große Geister, Dichter, Philosophen von Rang, haben darauf geantwortet – richtungweisend für Gleichgesinnte in ähnlicher Existenzlage, aber auch gültig für den Normalsterblichen, der in verfahrener Situation nach Lösungen und Auswegen sucht. Dieses Buch zielt auf das Verstehen der anthropologischen Phänomene und Grunderfahrungen Einsamkeit, Vereinsamung, Melancholie und Acedia im hermeneutischen Prozess als Voraussetzung ihrer Bewältigung. Erkenntnisse einer langen Phänomen-Geschichte können so von unmittelbar Betroffenen existentiell umgesetzt werden und auch in die „Therapie“ einfließen.

Carl Gibson, Praktizierender Philosoph, Literaturwissenschaftler, Zeitkritiker, zwölf Buchveröffentlichungen. Hauptwerke: Lenau. Leben – Werk – Wirkung. Heidelberg 1989, Symphonie der Freiheit, 2008, Allein in der Revolte, 2013, Die Zeit der Chamäleons, 2014.




ISBN: 978-3-00-049939-5


Inhalt:


Einleitung: „Einsamkeit“ heute – Segen oder Fluch?. 6
Der Mensch der Single-Gesellschaft – Leben im uneigentlichen Sein?. 6

Teil I: Griechisch-römische Antike. 12

1. Waren die heiteren Griechen auch einsam? Das Verständnis von Einsamkeit und Melancholie bei Vorsokratikern und Aristoteles. 12
1.2. Der Melancholiker – ein Genie? - Empedokles, Demokrit und eine nicht authentische, missverstandene Aristoteles-Sentenz  13
1.3. Im Garten des Epikur – Lebe zurückgezogen! Das naturgemäße Leben im Verborgenen. 18
2. Marcus Tullius Cicero - Einsamkeit und Gesellschaft: Musischer Rückzug in den ruhigen Hafen – „otio“ - „Gespräche in Tusculum“  22
3. Ovidius Naso in Verbannung in Tomis, am Schwarzen Meer – Vereinsamung und Melancholie im Spätwerk, in den Elegien „Tristia“ und in den Briefen „Epistulae ex Ponto“. 26
3. 1. „einsam lieg’ ich am Strande des äußersten Endes der Erde“ - Zur Einsamkeit verdammt am Ende der Welt: Ovids melancholische Dichtung vom Pontus. 26
3. 2. Nemo propheta in patria?. 32
3. 3. Kummer, „aegritudo“, „mania“, „melankolia“ in Ciceros „Disputationes Tusculanae“ - Bellerophon, der antike Einsame, Unbehauste; Einsamkeit und Melancholie in der mythisch-analytischen Zeitdiskussion. 35
3. 4. Psychosomatik. 40
3. 5. Das „Schwarze Meer“ und „Tomis“ – antike Unort(e)?. 43
3. 6. Künstlerisches Schaffen in Einsamkeit an sich und als Selbsttherapie  47
3. 7. Melancholie und Versöhnung – Concordia und Amor fati 54
4. Lucius Annäus Seneca - Lebe zurückgezogen - „solitudine“ und „in otio“  57
4. 1. „exsilium“, Senecas Verbannung auf Korsika – Unfreiwillige, äußere Einsamkeit und innere Freiheit, dargestellt im „Epigramm“  58
4. 2. Existenzbewältigung über Poesie bei Ovid und ethisches Philosophieren bei Seneca  63
4. 3. Ruhe der Einsamkeit - Apathie, Ataraxie, Eudämonie, „constantia“. 64
4. 4. „De constantia sapientis“ – Die „Unerschütterlichkeit des Weisen“. 66
4. 5. „Jeglicher Ort ist für den Weisen Heimatland.“ – Oder: „Patria est, ubicumque est bene“  68
4. 6. Senecas Klage als Anklage – Gesellschaftskritik und Dekadenz-Kritik aus der Einsamkeit des Exils heraus in der Auseinandersetzung mit den Tyrannen Caligula und Nero. 74
4. 7. „De otio“ – Von der „Zurückgezogenheit“; Zwischen stiller Muße (otio) und hektischer Geschäftigkeit (negotio) 77
4. 8. In „secreto“ – „Menschen (…) leisten in der Einsamkeit Größtes“- Ethische Haltung und Charakterbildung entstehen in der Stille der „Zurückgezogenheit“. Die Funktionen des einsamen Lebens und der Nutzen für die Gesellschaft 77
4. 9. Selbsterkenntnis und die Idee des Selbstseins erwachsen dem Alleinsein - Das Existieren in der Eigentlichkeit. Psychologische und soziologische Aspekte erfahrener Einsamkeit 81
4. 10. Die Gefahren des Alleinseins – Einsamkeit als Last 83
4. 11. Das Alleinsein in den eigenen vier Wänden – Chance und Risiko. Freiwilliger Rückzug in die Einsamkeit, statt Weltflucht aus Enttäuschung und Überdruss. 84
4. 12. Typen und Charaktere – introvertiert oder extrovertiert? Senecas Beschreibung der Melancholie-Symptomatik  86
4. 13. Geselligkeit – Senecas Plädoyer für ein ausgewogenes Wechselverhältnis zwischen freiwilligem Sein in Einsamkeit und sozialem Austausch  90
4. 14. Schöpferische Einsamkeit - Medium des Kreativen. 91
4. 15. Die Apotheose des einsam-kontemplativen Lebens in der Schrift „De brevitate vitae“, „Die Kürze des Lebens“  93
4. 16. Im „Jetzt“ leben, nicht erst morgen und am Leben vorbei! Hic et nunc und Memento mori! 95
4. 17. Der ruhige Hafen als Endziel - Individuelles Leben oder Massen-Existenz?  97
5. Mark Aurel - Der Weg zum Selbst in Zurückgezogenheit 99
5. 1. Gelebter Stoizismus als Vorbild. 101
5.2. „Alleinsein“ bei Epiktet – Individualität und Selbsterkenntnis. 101

Teil II: Vom frühen Mittelalter bis zur Scholastik. 103

1. „Einsamkeit“ und „Melancholie“ im frühen Mittelalter. Anachoreten im frühen Christentum - „anachoresis“ und „monachoi“. 103
1.1.         Eremitentum und monastisches Leben um 300 – 400 n. Chr. Antonius, (der Ägypter), Evagrius Ponticus und Augustinus: DerWeg zu Gott vollzieht sich in der Einsamkeit 103
1.2. Antonius, der Ägypter – Einsiedlertum, Wüstenspiritualität und Mystik  105
1.3. Aurelius Augustinus in „reiner Einsamkeit“ - „Alleingespräche“ aus Cassiciacum - Früchte des Schaffens in der Einsamkeit des Selbstgesprächs  107
1.4. „Acedia“ seit Evagrius Ponticus, bei Thomas von Aquin und Bonaventura  110
1.5. Die „Wirkscheu“ des Johannes Cassian. 113
1.6. Thomas von Aquin - Wirkscheu ist Todsünde – Acedia oder „Tristitia“  113
2. Deutsche Mystik. 115
2.1. Meister Eckhart: Die absolute Freiheit des Gottsuchenden - Der unmittelbare, mystische Weg zu Gott. „Abgeschiedenheit“ und „innerliche Einsamkeit“ neu definiert 115
2.2. In der Abgeschiedenheit – Das Aufgeben des Selbst, das Ledigwerden, als Voraussetzung der Unio mystica und die Gottesgeburt 115
2.3. „innerliche Einsamkeit“ – Zum Wesen der Dinge! 120
2.4. „Unio mystica“ und Buddhismus – Stufen und Wege des Rückzugs aus allgemein philosophischer, christlicher Sicht bzw. aus der Perspektive der Zen-Meditation - Exkurs. 121
2.5. Heinrich Seuses „Weg in die Innerlichkeit“ und die Beschreibung der Mönchskrankheit (Acedia) in der Schrift „Das Leben des Dieners“  125
2.6. „Das Büchlein der ewigen Weisheit“ - „Wie man innerlich leben soll“, „lautere Abgeschiedenheit“ und Entwerdung (Selbst- bzw. Ich-Auflösung) 129
2.7. Theresa von Avila - „Der Weg zur Vollkommenheit“ und „Die Seelenburg“.

Teil III: Humanismus

1. Francesco Petrarcas Loblieder auf die Einsamkeit. Der zentrale Stellenwert der „Einsamkeit“ im Werk der Humanisten  135
1.1. Zur Vita Petrarcas – Von der Vita activa zur Vita contemplativa im mundus aestheticus  135
1. 2. „De otio et solitudine“ - Von Freiheit (Muße) und Einsamkeit 137
1.3. „De vita solitaria“: Francesco Petrarcas Hymnus in Prosa auf das Leben in Einsamkeit. Die Begründung der Auffassung von der „schöpferischen Einsamkeit” als elitäre Phänomen-Definition. 139
1.4. „felix solitarius“ contra „miser occupatus“ – besser allein, frei und glücklich als vielbeschäftigt, gestresst und in permanenter Disharmonie – Einsamkeit: die „conditio sine qua non“ einer ethisch fundierten Lebensführung und Existenzbewältigung  141
1.5. Zur Modernität des Existenzmodells „Leben in der Eigentlichkeit“. 142
1.6. Das schaffende Subjekt … und die Ahnenreihe der Einsamen. 143
1.7. „Secretum“ – Melancholie und Misanthropie. 147
1.8. „Gespräche über die Weltverachtung“: Petrarcas negativer Melancholie-Begriff und Dante  148
1.9. Melancholie und Selbst-Therapie – Ist die „unheilvolle“ „Seelenkrankheit“ „Weltschmerz“ heilbar?  149
1.10. Dante weist die Muse Melancholie zurück. 155

Teil IV: Renaissance. 156

Einsamkeit und Melancholie während der Renaissance in Italien - Die „Saturniker“ des Mediceer-Kreises  156
1. Angelo Poliziano – Der Dichter am Kamin als personifizierte Melancholie und eine Melancholie-Beschreibung im Geist der Zeit. 156
2. Marsilio Ficino – Therapierte Melancholie. Das Bei-sich-Selbst-Sein der Seele führt zu Außergewöhnlichem in Philosophie und Kunst 159
2.1. Marsilio Ficino in freiwilliger Zurückgezogenheit in Carreggi - Einsamkeit als „conditio sine qua non“ des künstlerischen Schaffens  160
2.2. Im Zeichen des Saturn - Marsilio Ficinos Werk, „De vita triplici“, eine Diätetik des saturnischen Menschen. Ficinos astrologisch determinierter, antik physiologischer Melancholie-Begriff. 161
2.3. Definition der Melancholie und des Melancholikers in „Über die Liebe oder Platons Gastmahl“ - Die Liebe als melancholische Krankheit?  163
2.4. Krankheit „Melancholie“ - Therapeutikum Musik. 166
3. Pico della Mirandolas Entwurf des Renaissancegenies in „De hominis dignitate“ – Von Einsamkeit und Freiheit 167
3.1. Die „dunkle Einsamkeit Gottes“. 168
3.2. „Die Freiheit des Menschen“ und der „Geniebegriff der Epoche“ in „Oratio“  170
3.3. Die ethisch eingeschränkte Freiheit des Genies und das Humanum als Endziel 172
4. Lorenzo de’ Medicis „melancholische“ Dichtung. 174
4.1. War der Prächtige ein Melancholiker? Vanitas, Wehmut und Schwermut 175
4.2. Der Typus des „Inamoroso“ als Melancholiker - Liebeslyrik im Sonett 179
4. 3. Melancholia - Lorenzo de’ Medici rezipiert Walter von der Vogelweide  184
5. Die Familie der Melancholiker oder die Metamorphose des sinnenden Geistes zur Plastik und zum Gedicht - Exkurs  186
6. Einsamkeit, Melancholie und künstlerisches Schaffen während der Renaissance in Italien. 189
6.1. Geniale Werke der Einsamkeit bei Michelangelo Buonarroti und Leonardo da Vinci - Einsamkeit als die künstlerische Schaffensbedingung schlechthin, als „conditio sine qua non“ des kreativen Subjekts. 190
6.2. Michelangelo Buonarroti - „Wer kann, wird niemals willig sein.“ – Individuelle Freiheit und künstlerische Selbstbestimmung  190
6.3. Große Kunst ist gottgewollt 192
6.4. Der Schaffende ist das Maß aller Dinge - oder die Lust, mit dem Hammer neue Werte zu schaffen  194
6.5. Weltflucht und Weltverachtung. 195
6.6. Der sinnende Melancholiker „Micha Ange bonarotanus Florentinus sculptor optimus“  197
6.7. – „La mia allegrezz’ e la maniconia” – “Meine Lust ist die Melancholie!” – Existenzbewältigung im “Amor fati“ oder eine ins Positive transponierte „Melancholie als Mode“?. 199
6.8. Hypochondrie und Misanthropie in burlesker Entladung – bei Michelangelo und Leonardo  201
6.9. Michelangelos „Sonette“: Kreationen reiner Eitelkeit?. 211
7. Leonardo da Vinci – Ein Einsamer, aber kein Melancholiker. Die Wertschätzung der „vita solitaria e contemplativa“. 214
7.1. Leonardo und Michelangelo – ein geistesgeschichtlicher Vergleich. Der verbindende Hang zur Einsamkeit … und viele Kontraste! 222
8. Girolamo Savonarola – Der melancholische Reformator vor der Reformation  225
8.1. Gott geweihtes Leben in stiller Einkehr und früher Protest aus der Klosterzelle  230
8. 2. Zeitkritik und Fragen der Moral in „Weltflucht“ und „De ruina mundi“- Vom Verderben der Welt 231
8.3. Kritik des Christentums sowie des dekadenten Papsttums im poetischen Frühwerk - „De ruina Ecclesiae“ oder „Sang vom Verderben der Kirche“, (1475) 237
8.4. „Poenitentiam agite“! – Buße , Einkehr, Rückbesinnung, Katharsis. 239
8.5. Savonarolas Humanismus-Kritik und seine Zurückweisung der Astrologie – ist die Philosophie eine Magd der Theologie?  243
8.6. Sozialreformer Savonarola - „De Simplicitate vitae christianae“ - Von der Schlichtheit im Christenleben. 246
8.7. Savonarola setzt politische Reformen durch – Über die demokratische Verfassung in Florenz zum Fernziel der Einheit Italiens  248
8.8. Niccolo Machiavelli und Die Schwermut der Tyrannen. 250
8.9. Einsamkeit, Kontemplation und rhetorischer Auftritt – Savonarola Volkstribun und Redner nach Cicero?  254
8.10. Einsamkeit und Gesellschaft bei Savonarola. 255
8.11. Christliche Ethik als geistige Basis der Staatsform – Contra Tyrannis  256
8.12. „Der Tyrann“ trägt „alle Sünden der Welt im Keim in sich“ - Melancholie als Krankheit: Savonarolas Typologie, Definition und Phänomen-Beschreibung des Renaissance-Macht-Menschen und das Primat des Ethos im Leben und im Staat. 259
8.13. Genies des Bösen – Lorenzo de’ Medici und der Borgia-Clan. 260
8.14. Thomasso Campanellas idealer Gegenentwurf zum Typus des Tyrannen in seiner christlich-kommunistischen Utopie „Città del sole“  263
8.15. Golgatha - Traurigkeit und Verlassenheit in der Todeszelle und auf dem Scheiterhaufen  264
8.16. Hybris und Zuflucht zu Gott – „in Schwermut und voll Schmerz“! 266
8.17. Melancholia - „In te, Domine, speravi“, letzte Einsamkeit und existenzielle Traurigkeit - Hoffnung gegen Melancholie?  268
8.18. Auch Päpste irren! Schweigepflicht, Exkommunikation, Inquisition, Folter – Reformator Savonarola stirbt den Flammentod in Florenz  272
8.19. Giordano Bruno und die Flammen der Inquisition – Der Märtyrer-Tod auf dem Scheiterhaufen wiederholt sich … doch  274
9. Michel de Montaignes Essay „De la solitude“- Das Leben in Abgeschiedenheit zwischen profaner Weltflucht und ästhetischer Verklärung  276
9.1. Süße Weltflucht in den Turm – Melancholie als Habitus. 276
9.2. War Michel de Montaigne ein Melancholiker?. 278
9.3. Einsamkeit, ein Wert an sich, ist nie Mittel zum Zweck, sondern immer Selbstzweck. 280
9.4. „Nichts in der Welt ist so ungesellig und zugleich so gesellig als der Mensch“ – Einsamkeit und Gesellschaft 284
9.5. Vanitas - Der Rückzug aus der Gesellschaft ist auch historisch bedingt 289
10. „The Anatomy of Melancholy“ - Der extensive Melancholie-Begriff bei Democritus junior alias Robert Burton  292
10.1. „Elisabethanische Krankheit“ oder „maladie englaise“ – Melancholie als Mode!? Von der Pose zur Posse?  292
10.2. Demokritos aus Abdera – Der lachende Philosoph als Vorbild und Quelle der Inspiration  294
10.3. „sweet melancholy“ - Burtons Verdienste bei der Umwertung und Neuinterpretation der grundlosen Tieftraurigkeit zur „süßen Melancholie“  297
10.4. „Göttliche Melancholie“: „Nothing’s so dainty sweet as lovely melancholy“ - Zur positiven Melancholie-Bewertung vor, neben und nach Burton  302

Teil V: „Einsamkeit“ und Melancholie in der Moderne. 304

1. Jean-Jacques Rousseau – Alle großen Leidenschaften entstehen in der Einsamkeit. Die Apotheose der Einsamkeit im Oeuvre des Vordenkers der Französischen Revolution. 304
1.1. Rückzug, „Schwermut“ und „Hypochondrie“. 304
1.2. „Zurück zur Natur“! im „Discours“ - Plädoyer für das einfache Leben und harsche Gesellschaftskritik. Macht die „Sozialisierung“ den an sich guten Menschen schlecht?. 306
1.3. Im Refugium der Eremitage von Montmorency: Kult der Einsamkeit – Landleben, Naturgenuss und geistiges Schaffen  308
1.4. „Sanssouci“ – Asyl: Ein Einsamer, Friedrich der Große unterstützt einen anderen Einsamen, den verfolgten Wahlverwandten Jean-Jacques Rousseau. 312
1.5. „Les Rêveries du promeneur solitaire“ - Träumereien eines einsamen Spaziergängers  314
1.6. Einsamkeit ist im Wesen des Künstlers selbst begründet - «Toutes les grandes passions se forment dans la solitude»! 316
2. Einsamkeit und Gesellschaftskritik im Werk der Französischen Moralisten La Rochefoucauld, Vauvenargues und Chamfort 318
2.1. Rekreation im Refugium – die bücherlesende Einsamkeit des Herzogs La Rochefoucauld  319
2.2. Einsamkeit – Katharsis, Chance und Gefahr 320
2.3. Chamfort - „Vom Geschmack am einsamen Leben und der Würde des Charakters“ - „Man ist in der Einsamkeit glücklicher als in der Welt.“  321
2.4. Abkehr von der Gesellschaft, melancholische Heimsuchungen, Vereinsamung und Menschenhass  323
2.5. „Ein Philosoph, ein Dichter, sind fast notwendig Menschenfeinde“ – Chamforts Rechtfertigung von Misanthropie und Melancholie. 325
3. „Ueber die Einsamkeit“ - Johann Georg Zimmermanns Monumentalwerk aus dem Jahr 1784/85 - Einsamkeit als Lebenselixier – Die Gestimmtheit im deutschen Barock – Inklination zur Melancholie?. 326
3.1. Von den „Betrachtungen über die Einsamkeit“ zur Abhandlung „Von der Einsamkeit“ – Thema mit Variationen  328
3.2. Die Ursachen von wahrer und falscher Einsamkeit - Müßiggang, Menschenhass, Weltüberdruss und Hypochondrie  330
3.3. „gesellige Einsamkeit“ - eine „contradictio in adjecto“?. 331
3.4. Aufklärer Immanuel Kant definiert den zur „Melancholie Gestimmte(n)“, „Melancholie“ als „Tiefsinnigkeit“ und die „Grillenkrankheit“ Hypochondrie richtungweisend für die Neuzeit. Exkurs. 333
4. Arthur Schopenhauers „elitäres“ Verständnis von Einsamkeit - nur wer allein ist, ist wirklich frei! 336
4.1. Der Ungesellige - „Er ist ein Mann von großen Eigenschaften.“. 338
4.2. Die „Einsamkeit ist das Los aller hervorragenden Geister“ - Ist der Mensch von Natur aus einsam? Ist „Einsamkeit“ ein Wert an sich?  341
4.3. Das Sein in der Einsamkeit als existenzielles Problem - Einübung in die zurückgezogene Lebensführung. 343
5. Lenau, Dichter der Melancholie. „Einsamkeit“ und Schwermut (Melancholie) im Werk von Nikolaus Lenau – Anthropologische Phänomenbeschreibung und literarisches Motiv. 345
5.1 Lenaus Verhältnis zur Philosophie. Entwicklung und Ansätze. 346
5.2. „Einsamkeit“ und „Vereinsamung“ als existenzielle Erfahrung. 351
5.3. Nikolaus Niembsch von Strehlenau, genannt „Lenau“ vereinsamt in Wien  352
5.4. Das „melancholische Sumpfgeflügel der Welt“ - Vereinsamt in Heidelberg und Weinsberg. Therapeutikum Philosophie: Lenau setzt der „Seelenverstimmung“ die „Schriften Spinozas“ entgegen! 357
5.5. Amerika – Lenaus Ausbruch in die Welt der Freiheit 358
5.6. Schwermut und Hypochondrie – Therapeutikum: Philosophie und Sarkasmus  359
5.7. „Einsam bin ich hier, ganz einsam. Aber ich vermisse in meiner Einsamkeit nur dich.“  361
5.8. „wahre Menschenscheu“ - „Die Geselligkeit“ „ist ein Laster“ - „Mein Leben ist hier Einsamkeit und etwas Lyrik.“  362
5.9. Die „äußere Einsamkeit“– Vom „Locus amoenus“ zum „Locus terribilis“  364
5.10. Situation und Grenzsituation – präexistenzphilosophisches Gedankengut bei Lenau auf dem Weg zu Karl Jaspers. Exkurs. 366
5.11. „Einsamkeit“ als ontische Dimension - Menschliches Dasein ist nicht Gesellig-Sein – Mensch-Sein bedeutet ein Sein in Einsamkeit. 371
5.12. „Einsame Klagen sinds, weiß keine von der andern“ - Monologische Existenz in dem existenzphilosophischen Gedicht „Täuschung“  372
5.13. In „dunklen Monologen“ - „Jedes Geschöpf lebt sein Privatleben“ - Mitsein in existenzieller Gemeinschaft erscheint unmöglich  375
5.14. „O Einsamkeit! Wie trink ich gerne / Aus deiner frischen Waldzisterne!“ Dionysisch „zelebrierte Einsamkeit“ im Spätwerk  377
5.15. „Der einsame Trinker“ - Das dionysische Erleben der Einsamkeit im Fest 379
5.16. „Fremd bin ich eingezogen/Fremd zieh ich wieder aus“ - Der „Unbehauste“, ein „Fremdling ohne Ziel und Vaterland“  381
5.17. „Nun ist’s aus, wir müssen wandern!“ - In-der-Welt-Sein ist Einsamkeit 383
5.18. Lenaus melancholische Faust-Konzeption - „metaphysische Vereinsamung“. 388
5.18.1. Der „Unverstandene“, das ist der „Einsame“. 388
5.18.2. Endlichkeit und Ewigkeit 390
5. 18. 3. Die Geworfenheit des existenziellen Realisten „Görg“. 392
5. 18. 4. Das Unbewusste als Antrieb - Die tragisch konzipierte Faust-Figur in Disharmonie mit dem Selbst und in der Uneigentlichkeit 393
5.18.5. Gott ist tot - existenzielle Exponiertheit des metaphysisch Vereinsamten vor Nietzsche und Rilke  397
5.19. Im dunklen Auge – ein „sehr ernster, melancholischer Knabe“, „hochgradig zur Melancholie disponiert“  und hinab gestoßen in die „Hohlwege der Melancholie“: „Mein Kern ist schwarz, er ist Verzweiflung.“ – Melancholie-Symptomatik und Definitionen der Krankheit bei Lenau  403
5.20. „Lieblos und ohne Gott! Der Weg ist schaurig“ – „Die ganze Welt ist zum Verzweifeln traurig.“ „Melancholie“ und „absolute Vereinsamung“ in Lenaus Doppelsonett „Einsamkeit“. 408
5.21. Der Werte-Kampf in Lenaus Ballade „Die nächtliche Fahrt“ - Von darwinistischer Selektion über den „Kampf um das Dasein“ nach existenzphilosophischen Kategorien zur Ethik des Widerstands im Politischen - Exkurs  424
5.21.1. Wettkampf und Werte-Kampf 431
5.21.2. Lenaus Imperialismus-Kritik in seinem „anderen“ Polenlied. 433
5.21.3. Ethik des Widerstands - Der Existenz-Kampf der Individuen entspricht dem Souveränitätsstreben der - tyrannisierten - Völker 434
6. Friedrich Nietzsche, der einsamste unter den Einsamen? Absolute Einsamkeit, extreme Vereinsamung und schwärzeste Melancholie  436
6.1. Wesensgemäße Daseinsform und  Schaffensbedingung der Werke der Einsamkeit. 437
6.2. „Also sprach Zarathustra“ - Nietzsches großer „Dithyrambus auf die Einsamkeit“  438
6.3. Strukturen der „Einsamkeit“ in „Also sprach Zarathustra“. 439
6.4. „Fliehe, Fliehe mein Freund, in deine Einsamkeit!“ - „Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt.“  442
6.5. Die Auserwählten – Nietzsches kommende Elite: Der „Einsame“ als Brücke zum Übermenschen  444
6.6. Der Einsame – das ist der Schaffende! „Trachte ich nach Glück? Ich trachte nach meinem Werke!“  446
6.7. Nietzsches „Nachtlied“ - das einsamste Lied, welches je gedichtet wurde! 447
6.8. „Oh Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit!“. 449
6.9. „Jede Gemeinschaft macht irgendwie, irgendwo, irgendwann – ‚gemein’“ – Zum Gegensatz von individuellem Leben in Einsamkeit und gesellschaftlichem Massen-Dasein. 451
6.10. „Einsam die Straße ziehn gehört zum Wesen des Philosophen.“ Fragmentarische Aussagen zur „Einsamkeit“  453
6.11. Therapeutikum Einsamkeit – schlimme und gefährliche Heilkunst! „In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst, in der Vielsamkeit fressen ihn die Vielen. Nun wähle.“. 454
6.12. Die „siebente letzte Einsamkeit“ - Nietzsches „Dionysos-Dithyramben“  456
6.13. „Vereinsamt“ – Düstere Melancholie und metaphysische Verzweiflung  458
7. „Einsamkeit“ bei Jaspers und Heidegger - Exkurs. 463
8. Der „Neue Mensch“ – eine Konsequenz der Einsamkeit? „selbstestes Selbst“ und Apologie des Selbst bei Lenau und Nietzsche - Exkurs  466
8.1. Die Suche nach dem „Humanum“ – Absage an den Irrweg „Übermensch“  468
8.2. Lenaus „Homo-Novus-Konzeption“ nach Amalrich von Bene. 470
8.3. „Idemität“ und „Konkreativität“ – Der „menschliche Mensch“! Zur Strukturanthropologie Heinrich Rombachs. Exkurs  473

Teil VI: Essays zur Thematik und kleine Beiträge. 476

9. Stufen der Einsamkeit – Auf dem Weg vom Alleinsein in die Vereinsamung, Melancholie und Verzweiflung – Zur Metamorphose eines anthropologischen Phänomens. 476
9.1. Von der existenziellen Situation „Einsamkeit“ zum Krankheitsbild „Melancholie“ in der Erscheinungsform „Acedia“ und Hypochondrie  480
9.2. Melancholie als Charakteristikum des genialen Menschen. 482
9.3. Die Phänomene „Einsamkeit“, „Alleinsein“, „Vereinsamung“ und „Melancholie“ („Schwermut“, „Depression“) – im Wandel der Zeiten: Anthropologische Konstanten und Grundbefindlichkeiten des Daseins oder zeitbedingte Entwicklungsphänomene? Zur Begriffsbestimmung. 484
9.4. Strukturen der Einsamkeit - Zum Bedeutungswandel der Begriffe Einsamkeit und Melancholie durch die Zeiten  494
9.5. Existenzbewältigung: Angewandte Philosophie in philosophischer Praxis – Zur Konzeption und Intention der Studien zur Einsamkeit. 497
9.6. Zur Einsamkeit verflucht? – Alleinsein zwischen gesellschaftlicher Pest und segensreicher Schaffensbedingung –Selbsterfahrungen und Autobiographisches. 503
9.7. Das Existenzmodell „Alleinsein“ zwischen Weltflucht und verklärender Utopie: Abgeschiedenheit, Einkehr, Selbstfindung, Eigentlichkeit - Selbst erfahrene und selbst beobachtete Phänomene – Einsamkeit, ein Zeitproblem?  506
9.8. Ein Einsamer von heute – In memoriam Theo Meyer.. 513

 
Nachwort: 514
Inhalt: 517
Namenregister: 517
Bibliographie. 539
Primärliteratur 539
Anthologien, Aufsatz-Sammelwerke zur Thematik: 539
Sekundärliteratur: 539
Bilder-Verzeichnis: 539
Bücher von Carl Gibson. 539



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