Freitag, 6. Februar 2015

„Begegnungen“ – Harry Elsner Retrospektive. Künstlerexistenz Harry Elsner – Maler aus Leidenschaft: Leben, Werk und Mission – Versuch einer Gesamtwürdigung, Vortrag von Carl Gibson


Begegnungen“Harry Elsner Retrospektive.




Künstlerexistenz Harry Elsner – Maler aus Leidenschaft:


Leben, Werk und Mission – Versuch einer Gesamtwürdigung.


Eine „Hinführung“ zu Harry Elsner 

und eine Einführung in sein Malen



Vortrag von Carl Gibson 
(gehalten im Januar 2009 in Bad Mergentheim)







„Wer sich selbst und andre kennt,
wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.

Sinnig zwischen beiden Welten,
Sich zu wiegen, lass ich gelten;
Also zwischen Ost und Westen
Sich bewegen, sei’s zum Besten.“

Goethe 


Meine sehr verehrten Damen und Herren,

als ich in meiner Kindheit gelegentlich im Atelier eines benachbarten Malers herum sprang, dem Künstler dabei zusehend, wie er – ausgehend von ein paar Strichen – mit Ölfarben lebensfrohe Gemälde hervorzauberte, lernte ich so nebenbei einiges über Kunst, über das künstlerische Schaffen und über die Rezeption von Kunst.

Während ich dabei zusehen durfte, wie eine barocke Madonna aus dem Nichts hervorlachte und der röhrende Hirsch am Waldessaum seine Herde zusammen rief, fiel mir auf, wie trefflich ein Bild gelang, wenn der Maler gut gelaunt ans Werk ging und wie bescheiden es aber wirkte, wenn er malte, weil Hunger und leerer Geldbeutel ihn dazu trieben.

In diesem Umfeld wurden auch Künstler-Anekdoten erzählt wie jene, in welcher ein Briefträger zufällig Pablo Picassos Entwürfe kritisch musternd, naiv nachfragte, ob der Sprössling des Meisters auch schon zeichne.

Auch kleine Geschichten wurden im Atelier zum Besten gegeben.

Mit einer dieser Miniaturen, meine sehr verehrten Damen und Herren, will ich meine knappe Laudatio auf Harry Elsners Lebenswerk beginnen, da die Künstler-Geschichte rund um Schein und Sein, Sinnbild und Abbild, Wahrheit und Geheimnis, etwas mit der Malerei Elsners zu tun hat.

Und weil sie vielleicht sogar einen „hermeneutischen Schlüssel“ bereithält,
der einzelnen Betrachtern den Zugang zu Harry Elsners abstrakter Ölmalerei ermöglichen kann.

Die Geschichte, die mir nach langer Zeit wieder einfiel, als ich über Harry Elsners Malerei nachdachte, um mir dann nicht mehr aus dem Kopf zu gehen, hörte sich etwa so an:

Ein eigenwilliger Kunstfreund trat eines Tages an einen begnadeten Maler heran mit der Bitte, ihm eine „Grazie“ zu malen, natürlich, in antiker Schönheit vollendet.

Der Kunstmaler nahm den Auftrag an und schuf ein Frauenbild, wie man es noch nie gesehen hatte.
Die weibliche Schönheit offenbarte sich in nie da gewesener Form.

Nach der Vollendung kam der Auftraggeber und betrachtete das holde Bildnis mit höchstem Genuss.

So viel Wahrheit, Schönheit und Güte hatte er noch nie in einem Werk vereint gesehen.

Ein Ideal-Bild war entstanden, ein göttliches, ja ein göttergleiches Bild, in letzter Meisterschaft.

Nachdem er das Gemälde lange studiert hatte, sagte er zu dem Maler:

Ich bin entzückt!
Doch malen Sie mir jetzt einen Schleier über das Ganze,
damit – neben seinem Schöpfer - nur ich weiß,
was sich hinter dem Schleier verbirgt!

Der Maler war zunächst erschüttert.

Das bedeutendste seiner Meisterwerke sollte er nun mit ein paar profanen Pinselstrichen vernichten?

Brachte er es übers Herz, alles zu übermalen, einfach so?

Er überwand sich aber letztendlich - wie mancher Kunstmaler in unfreier Zeit, der das ausführte, was ein Mäzen anzuordnen beliebte –
und malte einen „Schleier“ über alles.

Das Götterbild, die Inkarnation und Vereinigung des Wahren, Schönen und Guten, wurde zum entschwundenen Geheimnis.

Das Göttliche und die damit zusammenhängenden Werte verschwanden hinter einer weißen Wand, die alles verhüllte und nur noch eine Ahnung von den bestehenden höheren Dingen zuließ.

Dieser „Schleier“ ist vielleicht ein Schlüssel auch zu Harry Elsners tiefgründiger Malerei –

und dieser hier durchaus nicht ambivalente „Schleier“ ist zugleich auch eine Art Schlüssel zur Arabischen Welt,
die dem Maler Elsner so sehr am Herzen liegt.


Nur ist der „Schleier“  nicht ausschließlich da, um „Wahrheit“ oder Wirklichkeit endgültig zu verbergen,

sondern er ermöglicht überhaupt erst das Offenlegen und Erkennen der „tieferen Wesenheiten“,

indem wir uns einfühlend in das präsentierte Sujet vertiefen

und die Wertewelt dahinter in meditativer Betrachtung erschließen.




Die christliche Kunst des Abendlandes hat sich über Jahrhundert darauf konzentriert,  Gott darzustellen, indem der Schmerz des Retters am Kreuz in tausendfachen Variationen bildlich thematisiert wurde.

In der moslemischen Welt jedoch setzte sich die Tradition durch,
Gott überhaupt nicht darstellen zu wollen.
Ebenso im Judentum.

Gott, das summum bonum, die Quintessenz und Summe alles Guten, erscheint bestenfalls als „deus absconditus“, als „verborgene Gottheit“, als ein Gott, der nur geahnt, aber nie bildlich erfasst werden kann.

Der arabische Künstler, der zugleich ein ehrfürchtiger Gläubiger ist, verschließt seine Schau, seine Wesensschau und sein Ahnen Gottes
in Zeichen, in Symbolen, in Farben
und schafft dadurch eine malerische Mystik, die den Kunstbetrachter die gleichen Sichtweisen wieder nachempfinden lässt.

Jeder, der sich wahrhaftig mit dem Arabischen verbunden in der Malerei Elsners Malerei auseinandersetzt, wird das erkennen.


Wer Maler, Tonsetzer, Dichter, Denker, kurz Künstler aller Art besser verstehen will,
wer in ihre Vorstellungswelt einsteigen will,
und wer ergründen will,
weshalb sie gerade diesen Stil pflegen und keinen anderen,
der kann sich den Künstlerindividualitäten auch „biographisch“ nähern.

Es ist immer gut zu wissen, woher sie kommen,
was sie erlebt haben
und weshalb sie bestimmte Ideen vertreten und künstlerisch umsetzen.

Wenn das Kunstwerk nicht „absolut gesetzt“ wird als „Art pour l’art“ um nur immanent interpretiert zu werden,
dann sollten Künstler immer „aus ihrer Zeit heraus“ verstanden werden – auch wenn sie als große Individuen „gegen ihre Zeit“ standen oder stehen.

Denn die Zeit ist es, die auch dieser schöpferischen Gruppe ihren Stempel aufdrückt, ihre Werke prägt und bestimmt.



Harry Elsner hat nicht immer expressionistisch-abstrakt gemalt –

da er ein konzilianter Charakter ist,
ein Mensch des Ausgleichs und des Kompromisses
und kein radikaler Rebell in der Kunst,
der Bilder auf den Kopf stellen muss, um interessant zu wirken –

hat er auch nicht „nur“ expressionistisch-abstrakt gemalt.


Die Anfänge

Die Anfänge seiner Malerei führen zurück zu den Wurzeln,
zurück in schlesische Geburtshaus,
wo er im zarten Alter erstmals mit einem pittoresken Ambiente, mit Kunst und Malerei konfrontiert wird.

Wenn der Impuls stark ist, kreativ tätig zu sein, dann hält er ein Leben lang an – in der Kunst ebenso wie in anderen schöpferischen Bereichen.

Bei Harry Elsner war es die Kunst, speziell die Ölmalerei, die ihn früh einnahm, befruchtete und ihn nie mehr losließ bis zum heutigen Tag, wo seine Gemälde – wie er sagt – zum „letzten Mal“ einem großen Publikum präsentiert werden.

Wenn der Abschied naht,
und dieser vollzieht sich nicht selten freiwillig und auf dem Höhepunkt des Schaffens,
dann wird es Zeit
innezuhalten in einer würdigenden Rückschau
um Bilanz zu ziehen,
nur ohne endgültig zu werten,
schon gar nicht in der Domäne der Kunst,
wo alles relativ ist und oft auch relativ bleibt,
weil sich Werte wandeln oder Zeitspezifisches und Unzeitgemäßes schwer auseinander zu halten sind –

in der modernen Malerei ebenso wie in der musikalischen Komposition oder in der Poesie.

Aus einer „Grenzsituation“ heraus,
unmittelbar am Abgrund zum Nichts,
fand Harry Elsner endgültig zur Malerei:

in der Zitadelle von Verdun!

Verdun – ein Schreckenswort – ein Gräberfeld, getränkt von französischem und von deutschem Blut junger Menschen, die noch – befrachtet mit expressionistischer Literatur und falschen Idealen – enthusiastisch in einen großen Vernichtungskrieg gezogen waren.

Was war das Ende vom Lied?

Millionen Gefallene,
verendet in Schützengräben, in Stacheldraht, zu Tode gebracht von Vernichtungsgeschossen immer grausamer werdender Waffen, erstickt im Giftgas,
kurz
Opfer von falschen Visionen und einer noch falscheren Politik der nationalen Rivalität, des Völker-Hasses, der Spaltung und Vernichtung.

Als Folge des Ersten Weltkriegs zerfielen gleich zwei große Reiche im Herzen Europas,
das von Fürst Otto von Bismarck geschaffene Wilhelminische Reich
und das einst übermächtige Reich der Habsburger,
die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn
mit Auswirkungen auf Millionen Bürger in Nord und Süd, Ost und West.

Der Vertrag von Versailles schuf neue geopolitische Verhältnisse.

Er ermöglichte Hitler und führte zu einem neuen, noch verheerenderen Weltenbrand.


Harry Elsner, 1926 in Oberschlesien geboren,
war ein Teil der bewegten Geschichte –
und er wurde durch ihren turbulenten Gang mit determiniert.

Doch hatte er sich seine Stellung nicht ausgesucht.

Das Vaterland, sprich die Kriegsherren des Dritten Reiches,
versetzten den in preußischer Pflichtethik erzogenen und auf den Führer vereidigten Wehrmachtssoldaten an die Front.

Elsner hatte Glück und überlebte das Grauen,
wenn auch in Gefangenschaft
auf dem wohl blutgetränktesten Boden der Welt.

Rot wurde zur Leitfarbe,
 zur Signalfarbe,
zum Fanal.

Vom Schicksal begünstigt, war der Geläuterte bereit,
die Konsequenzen aus zwei Vernichtungskriegen zu ziehen,
die das Antlitz Europas entstellt hatten.

Harry Elsner antworte damals in der Zitatdelle von Verdun –
teils intuitiv, teils aus der Erfahrung zweier Kriege heraus
mit einer geistigen Haltung, die zugleich hoch politisch war
und die sich über das Medium Kunst artikulierte.

Er, der angehende Künstler, antwortete mit einer Botschaft,
mit einer Mission:

Geschichte, Politik, Geist und Kunst - in symphonischer Versöhnung

Aus diesen Bereichen formte Harry Elsner eine Lebensaufgabe,

ein stets neu sich entwerfendes Ziel,
an dem er über die Kunst bis in diese Retrospektive hinein festgehalten hat:

Begegnungen schaffen,

Menschen zusammenbringen,

versöhnen,

interkulturell wirken,

das sind Wesenselemente,

die Harry Elsner mit seiner Kunst zum Durchbruch verhalfen –

im einfachen Zelt in der arabischen Wüste ebenso
wie in der Stuttgarter Staatsgalerie.

Werfen wir einen Blick auf das Frühwerk aus dem Jahr 1945.

Ein expressionistisches Gemälde aus der Zeit,
entstanden am Tag der deutschen Kapitulation in der Zitadelle von Verdun, bezeugt diesen Prozess als Explosion der Farben:

Elsner erlebte den 8. Mai nicht als Trauertag,

sondern er erlebte die Niederlage des Dritten Reiches als „Tag der Befreiung“,

als ein „Freiwerden“ von der alles umfassenden,

totalen Gängelung durch den NS-Staat,

als „Chance zur Selbstentwicklung“
und
zum Neuentwurf in allen Lebensbereichen.

1953 verschlug es den frisch entlasssenen prisoner of war Harry Elsner als heimatlos gewordene displaced person hierher
nach Bad Mergentheim.

Die eigentliche Heimat hatte er nicht mehr –
was einst Heimat war, schien fern und für alle Zeiten verloren.

Also wagte er den neuen Anfang, den Neubeginn hier in Bad Mergentheim,
er wurde Berufschullehrer,
er gründete eine Familie und führte eingebettet und getragen von der Familie kein radikales Künstlerleben, sondern eine fast konventionell anmutende bürgerliches Existenz.

Die verständnisvolle wie tolerante Ehefrau ließ den künstlerischen Werdegang zu und förderte ihn in hohem Maße, indem sie ihrem Gatten die Freiheiten zubilligte, die das künstlerische Schaffen erst möglich machen.

Im Jahr 1964 wurde Elsner, der angehende Politologe, mit dem Amtsantritt des langjährigen Bürgermeisters Dr. Elmar Mauch in der Kommunalpolitik aktiv –

und erstmals trat als Künstler vor die Öffentlichkeit.

Geschichte, Politik, Kunst,

das sind die zentralen Domänen, die Elsners Motiv- und Antriebswelt auch ferner bestimmen werden.

Elsners Malerei,
im Umfeld des Arztes Dr. Brandstädter erstmals einem breiteren Publikum zugänglich gemacht,

entsteht, so scheint es zunächst,

nicht über dem Abgrund,

sondern im ruhigen Hafen geborgener Bürgerlichkeit.

Doch dieser „Schein“,
ein viel gestaltetes Zentral-Motiv Elsners,
trügt auch hier.

Beim genaueren Hinsehen offenbart sich Elsner als eigenständiger Geist,
als Nonkonformist in vielen Dingen,
in stiller, doch nachhaltiger Auflehnung.

Er hat den Mut, wenig populäre, unbequeme Themen anzupacken,
und er bringt die Kraft auf,
künstlerisch-politisch an Tabus zu rütteln, die er anderswo weltanschaulich respektiert.

und – was ihn als Künstler aus der Masse der Schaffenden hervorhebt und ihn auszeichnet:

„Er“ – und das ist mehr als nur ein Kürzel oder Signatur in der Bildecke - entwickelt die Fähigkeit,

über Grenzen zu schreiten:

hinein - in die unendlichen Ewigkeiten der Transzendenz –

hinein ins Metaphysische,

ins Mystische,

ins Mythische,

und nicht selten auch ins Verborgene,

Auch daraus macht er eine Kunst!



Der einzige Gott des Judentums, der Christenheit und der Moslems –

Echnaton, der göttergleiche Pharao, brach mit tausendjähriger Tradition,
indem er 2000 Götter nahm und einen einzigen Gott daraus machte.

Also begründete er – wohl als erster und für kurze Zeit - den Monotheismus.



Aber auch die künstlerische Erörterung des Profanen in den Niederungen des Seins im Alltagsstaat, wo die Freiheiten und Rechte des Individuums beschnitten und gekappt werden, faszinieren Elsner:

„Leviathan“  ist ein Thema – das biblische Teufelsgeschöpf, ist auch nach Hobbes das, was Nietzsche „das kälteste aller Ungeheuer“ genannt hat.

Schließlich bedroht der alles „reglementierende Staat“ auch die Künstlerexistenz, indem er die Künstler von heute und geistige Charaktere vielfach dem Untergang preisgibt, ohne nach ihrer Würde zu fragen.


Das Sujet hat Appellcharakter –

Elsner setzt auf die „regulative Idee“, wie es vielleicht Karl Jaspers ausdrücken würde,

auf die „Leitidee“

und auf die „Assoziation“,

die geistige Welten wiederzubringen vermag.

Er versteht dieses Vorgehen – nicht anders als Dichter, Komponisten und Philosophen – als „ein Ringen mit der Idee und um die Idee“.

Elsner geht tief in die Menschheitsgeschichte hinein,
er leuchtet sie aus
und bringt eine in Farben gehüllte,
verhüllte und doch auch offenbarte Idee in die Welt zurück,
eine Leitidee,
aus welcher Schlüsselmomente und besondere Situationen der menschlichen Entwicklung nachvollzogen werden können.

Sein von blauweißem Licht durchflutetes Aton-Gemälde ist ein Beweis dafür –

als Offenbarung des eigentlichen Lichts und des „Einen“, dem wir alles Leben verdanken.
Das „Eine“ aber – die alles überstrahlende Sonne – das ist GOTT.

Die alles im Leben erhaltende „Sonne“ wird ein Dauer-Symbol Elsners bleiben, umgeben von vielen kleinen, oft unscheinbaren Halbmonden und farbig funkelnden Sternen – Hinweise auf ein Höheres hinter dem Firmament.





Ein „anthropologisches Interesse“ bestimmt ihn
und der Drang,
Phänomene zu transportieren, die von realpolitischer und historischer Bedeutung sind, vielleicht geleitet auch von der Hoffnung,
dem Austausch von Ideenwelten und menschlichen Berührungspunkten könne und werde auch ein politischer Wandel zu mehr Demokratie und Freiheit hin folgen,
gerade im Nahen Osten.
Und immer wieder steht  

Die zwischenmenschliche Begegnung im Mittelpunkt

das Kommen und Gehen,

Willkommen und Abschied,

manchmal auch der Abschied für immer!?

Gerade diese Situationen versteht man hier im Krankenhaus am besten,
wo täglich Menschen zusammenkommen
und auch scheiden müssen.

Als die Organisatoren dieser Ausstellung,
Prof. Dr. Bundschu und Hausoberer Wiegand
im Gespräch mit dem Künstler
nach einem treffenden und zugleich repräsentativen Überbegriff für diese Retrospektive suchten,
kam man schnell auf einige wesentliche Begriffe:

„Grenzüberschreitungen“, das klang schon gut.

Doch „Begegnungen“ – das klang noch besser.

Dieses spezielle „Schlüsselwort“ bot sich an, weil die gesamte Wesenheit Elsners in diesem Wort zusammengefasst ist.


Was schrieb der Künstler vor ein paar Jahren über sich selbst, zurückblickend an die Stätte seiner Herkunft und in die Jahre der Kindheit:

„In Sohrau – meinem Geburtsort, im Anwesen meiner Großeltern Broll – (…) wurde offenbar frühzeitig mein Interesse für die bildende Kunst und die Musik geweckt:

Vor dem Haus häufig buntes Markttreiben, im Haus Begegnungen mit Menschen aus nah und fern.“

Diese „Begegnungen mit Menschen“ werden prägend und wesensbestimmend –

für den späteren pädagogischen Beruf

und für die künstlerische Berufung!


Dort, wo Elsner mit seinen Motiven und Farben auf die Menschen zugeht,
ihre Welten transportiert,
ihr Denken und Fühlen,
ihr Sehen und ihr Verständnis von Perspektiven und Abbildungen,

dort wird der Künstler Harry Elsner zum „Brückenbauer“ und Weltenversöhner im Sinne Goethes.

Ein Blick auf das Gemälde „Begegnungen“, das die heutige Einladung ziert:

Und wir sehen „ menschliche Wesen“,

abstrakte Gestalten zwar,

dunkle und helle,

kommende, scheidende,

wir erkennen „Individuen“ in zwei Gruppen,

Individuen, die vielleicht auch Charaktere sind,

vor allem aber erkennen wir:

„Menschen“ in der Bewegung,

im dynamischen Prozess

aufeinander zu schreitend,
und nicht aneinander vorbei;

und wir fühlen,

dass die weißen und marineblauen menschlichen Konturen,

die auch Ärzte sein könnten auf dem Weg zur Visite,

im Miteinander existieren können und wollen,

im Gespräch,

im interkulturellen Dialog,

einander helfend

- nicht im Nebeneinander.

Viel kann in diesen Dualismus,

der auf einen Monismus,

ja auf eine „coincidentia oppositorum,

einen Zusammenfall der Gegensätze, hinausläuft,

hineininterpretiert werden

Licht und Finsternis,

Gut und Böse,

der alte biblische und metaphysische Konflikt leuchtet daraus hervor –

und, wenn wir genauer hinsehen,

sind da auch „zwei Welten“ angedeutet:

Orient und Okzident,

die immer noch nicht zur Versöhnung finden konnten.

„Gottes ist der Orient,
Gottes ist der Okzident“

dichtet Goethe –

Die Botschaft wurde längst gehört,
nur ihre Vollendung lässt noch auf sich warten.

Wer den Orient bereist hat, fühlt unmittelbar, was dieses einladende Gemälde auszudrücken versucht:

Wir sind in Ägypten,
ein kleiner Hinweis deutet darauf hin,

nicht weit von Babylon und dem Heiligen Land,
wir befinden uns an der Wiege der Menschheit,
dort,
wo das Archetypische und Symbolische noch deutlicher zusammen fließen
als im aufgeklärten Abendland.

Harry Elsner hat den Orient weit und breit erkundet und seine Weisheit erlebt.

25 Reisen führten ihn überall hin,
nach dem Jemen,
in den Sudan zu den Nubiern,
in die Sahara,
zu Stätten der Königin von Saba – nach Theben und Karthago,
in die libysch algerische Wüste und an den Hohen Atlas.

Von jeder dieser Reisen brachte er uns farbige Geschichten mit,
originelle und fremdartige wie jene aus den Märchen von Tausend und einer Nacht.

Während selbst führende Orientalisten die arabische Welt mieden,
um sich das Fachwissen aus Büchern anzueignen,
lotete der schlesische Maler aus Mergentheim eine ihm zunächst fremde,
aber mit dem Kennenlernen immer vertrauter werdende Welt aus.

Harry Elsner ist in der Tat ein Orient-Begeisterter –
und diese Begeisterung brachte er auch mit zu uns,
im Bewusstsein,
uns für interkulturelle Phänomene zu sensibilisieren
und um Verständnis für andere Sichtweisen und Werte zu werben.

Elsner setzt auf den interkulturellen Dialog, indem der das Gespräch zwischen den Kulturen praktiziert.

Das schafft Verständnis füreinander, Versöhnung und führt zusammen,
statt zu trennen und zu spalten.

Alles vollzog und vollzieht sich bei ihm über die „Begegnung“ mit Menschen anderer Kulturen

im gelebten Miteinander.

Auf die zahlreichen Reisen und Erfahrungen im Orient zurückblickend, sagt der Künstler heute:

„Die Begegnungen mit Menschen Nordafrikas und ihren uralten Kulturen lassen Mythisches und Legendenhaftes lebendig werden.

Archaische Reminiszenzen fließen in die Bildthematik ein. Rudimente von Ornament, Arabeske und Maureske oder kalligraphische Fragmente locken den Schauenden in labyrinthische Farbformen“

Über das Anthropologische und Phänomenologische hinaus, wirkte das Studieren und Erfahren des arabisch-moslemischen Kulturkreises unmittelbar stilbildend.

Anderes Licht, andere Farben flossen in das Werk ein und führten zu neuen, hier selten gesehenen und originellen Ansätzen. Rückblickend betont der Maler heute:

„Auf zahlreichen Studienreisen in Nordafrika fand ich dann für meine Malerei das einzigartige Umfeld, in dem sinnliche Wahrnehmung von Licht und Schatten einerseits und theoretisches Wissen und Farbgesetze andererseits ein hohes Maß an Kongruenz erfahren.

Die Erfahrungen von archaischer Hoheit, Größe und Vielfalt der Landschaften zwischen Sinai und Hohem Atlas, Mittelmeer und Sahel stimulierten die Phantasie und regten zu formaler und inhaltlicher Auseinandersetzung sowie gestalterischer Umsetzung mit bildnerischen Mitteln an.
Den Verlockungen der Buntheit orientalisch-afrikanischen Lebens in Medina. Bazar, Souk war nur schwer zu widerstehen, ein Nachgeben auch nicht schicklich – gegenüber den Menschen und den Gesetzen ihrer Religionen und Kulturen.
Der Respekt vor diesen ist Sitte und Tradition.
Das Abbild ist tabu.

In der Konsequenz bedeutete das für meine Malerei also die Hinwendung zur Abstraktion – bestenfalls zu einer abstrakt-expressionistischen Bildsprache, die den Menschen im afrikanisch-arabischen Raum auch verständlich ist und akzeptiert wird.“

Mit diesen interkulturellen Implikationen und Rücksichten erklärt der Maler auch seine Affinität zur Abstraktion, die er jedoch nie absolut gesetzt hat.

Harry Elsner erlebte in der orientalischen Welt „tiefe, wahrhaftige Gastfreundschaft“ –
                                                                                                           
und er erwiderte diese in Bad Mergentheim
als Vorsitzender des hiesigen Kulturvereins,
als er die fernen Gäste auch hier bei uns begrüßte.

Eine Vielzahl von Ölgemälden entstand in dem moslemischen Umfeld Nordafrikas, in einer künstlerischen Wahlheimat, die ihn mehr inspirierte als das vertraute, christliche Abendland,

Zwischen Alter und Neuer Geschichte,

zwischen den Kulturen,

im hermetischen und im hermeneutischen Prozess.

So wurde aus dem „Künstler mit Mission“ – nicht etwa ein „eifrige Missionar“, der seine Überzeugungen religiöser und weltanschaulicher Art anderen aufzuzwingen sucht,

sondern der Vermittler zwischen den Kulturen,
der Botschafter,
der zugleich ein „ehrlicher Makler“ im Verständnis eines Fürsten Bismarck ist.


Harry Elsners Malerei


Harry Elsners Malerei ist komplex und tiefgründig –

ganze Bücher könnte man darüber schreiben, wollte man ihr gerecht werden und sie angemessen interpretieren.

Hier nur eine knappe Essenz von dem, was man in einem abendfüllenden Vortrag nicht sagen könnte:

Jedes Gemälde Harry Elsners ist ein eigenes Universum,

eine stets neu sich erschaffende Welt der Farben,

der Nuancen, Facetten und Spiegelungen,

wo das Innovative in der eigenen Farbkomposition zu sehen ist,

die Sujets und Ideen in unverkennbarer und deshalb „origineller“ Art

hervorbringt.

„Das ist ein Elsner!“

wird der Kunstfreund ausrufen, wenn er das Kamin-Zimmer im ehrwürdigen Kloster Bronnbach betritt
und vor einem monumentalen Bild in einem gewaltigen Bilderrahmen staunend inne hält.

Und er wird den Ausruf wiederholen, wenn in der Stuttgarter Staatsgalerie

dieser Mergentheimer „Elsner“

zwischen anderen zeitgenössischen Darstellungen markant hervorsticht!

Das Gemälde ist mit den symptomatischen  Worten überschrieben:

„Begegnung bei Sarenput“!

Ein Zufall ist diese wiederkehrende „Begegnung“ nicht,  –

das ist gelebte Weltanschauung von Alpha bis Omega.

Dort, wo Harry Elsner seine sensiblen Arabesken gestaltet,

dort wo Lapislazuli und andere halbedelsteinfarbene Töne hervorleuchten,

dort, wo schlichte, zu geometrischen Formen reduzierte Arabesken als ferne Sinnbilder mehr ausdrücken als Dignität zersetzende, plumpe Abbilder,

dort hat Harry Elsner Meisterhaftes erreicht,

dort hat er seinen Stil gefunden und ihn am eindeutigsten ausgeprägt –

und dort leuchtet auch viel von seiner Wesenheit hervor,

seine gesamte menschliche und künstlerische Individualität,

ebenso wie die Wesenheit der Dinge,

die er im mäieutischen Prozess übers Nachdenken an das Licht des Tages fördern will.

Aus dem Symbol scheint die Idee hervor – und aus der Idee eine ganze Religion oder Weltanschauung,

ein philosophisch- geistiges Programm.

Symbolisch Gestaltetes ist allpräsent in Elsners Oeuvre, mit Geschichte und Geschichten dahinter:

Babylon, Ninive, Karthago,
ein Aquarell vom Alten Basar im Herzen Kairos
mit geschäftigen Menschen im Alltag,

die Insel Elephantine,

wo Weltgeschichte abrollte,
als der Schah von Persien floh und dort kurzfristig Asyl erhielt,
ohne zu ahnen,
dass zwischen Amerikanern und Ägyptern auch ein Maler aus Bad Mergentheim vor Ort weilte,

der „Alte Katarakt“ dort,

die weißen Feluken in den überblauen Fluten des Leben spendenden Nil,

der libysche Wüstensand,

der uns Uneingeweihten nicht mehr bedeutet als Einsamkeit und Tod -

die Motive Elsners sind breit gestreut,

auch enigmatisch,

und manchmal, so scheint es,

auch hermetisch,

verschlossen,

so als ob man die tiefere Wahrheit aus dem Verborgenen erst heben muss –

wie der Arzt das Neugeborene –

in einer besonderen Maieutik in Farbe.

Der Künstler appelliert stets an ein reges geistiges Bewusstsein,
das zur „religio“,
zum Zurückbinden und Zurückfinden fähig ist,
zum Streben zu den Wurzeln,

zu den Ursprüngen unseres Seins.

Dieser Weg zurück zum Ursprung führt den Betrachter der Elsnerschen Ölgemälde zu den elementaren Anfängen,

an den Ort ihrer Genese und der Genesis,

wo der Exodus startete – und ein weiterer Exodus,
der immer noch anhält, weil die Übel der Welt noch nicht beseitigt sind.

Verweilen wir kurz bei dem Gemälde „Exodus“, das mit den einladenden „Begegnungen“ so verwandt ist:

Gegenständliches ist fast nicht zu erkennen,
dafür aber viel Realität als Historie und als aktuelles Tagesgeschehen.

Frauen, Kinder, angedeutete Individuen,
die eigentlich nur Konturen sind,
formen sich zu einer Masse, zu einem Zug,
der einen „Aus-Zug“ vollführt,

von den Quellen des Nil hoch nach Norden,

nach Äthiopien,

aus Ägypten hinaus

und in jüngster Zeit aus Afrika hoch über Gibraltar oder übers Mittelmeer nach Europa.

Die Phänomene des Auszugs,
des Wanderns,
des Aus-Wanderns,
wo nicht nur Individuen sondern ganze Völker ihrem Weg, ihren Tao, ihre Bestimmung suchen,
sind hier trefflich eingefangen.

Harry Elsner weiß aus eigener Erfahrung, was „Exodus“ bedeutet:

Flucht, Vertreibung, Ausgrenzung!

Und er weiß auch, dass der Mensch von Anbeginn an immer auf Wanderschaft war – und genau betrachtet allzeit als Fremder.

Heimat, das ist vielleicht nur eine Illusion!?

Elsner entführt uns – und er führt uns nicht in die uferlose Abstraktion,
wo jede Nachvollziehbarkeit endet,
sondern er geleitet uns an einen besonderen Ort der Einkehr,
wo Geist und Seele zu sich selbst finden:

Er begleitet uns dorthin, wo wir uns vielleicht am nächsten sind,

in die Einsamkeit der Sand-Wüste,

aber auch an einen der größten Ströme der Erde,

an den Leben spendenden Nil,

dorthin,

wo Sein und Nichtsein seit mythischen Urzeiten und täglich im unmittelbaren Widerstreit liegen,

eben an die Grenze zwischen Leben und Tod,

in existentielle Grenzbereiche,

die man hier im Krankenhaus anders erlebt und besser versteht als sonst wo im Alltag.

Er führt zwischen Sein und Nicht-Sein

und versetzt uns so in die Lage,

tiefer und gründlicher über unsere Geworfenheit und
über unser Sein in der Welt nachzudenken.

Wüste – das bedeutet Einsamkeit,
letzte, tiefste Einsamkeit,

Wüste – bedeutet aber auch Katharsis,
seelische Läuterung, Reinigung!

Die großen Religionsstifter zog es in die Wüste,

Zarathustra,

Buddha,

Moses,

Johannes den Täufer,

Jesus,

den Propheten Mohammed

und abertausende Anachoreten des Frühchristentums,
die in ägyptischer Wüste ihr Seelenheil suchten,
in glühender Sonne den Heimsuchungen des Mittagsdämons trotzend,
in der Hoffung auf Klarsicht
durch Einkehr und Meditation.

Das Schaffen aus der Einsamkeit heraus,
aus der Wüste heraus,
ist symptomatisch für Harry Elsner:

„Dort in der Wüste trifft man noch andere Verrückte“

lächelt der Künstler souverän, weil er vom Schmerz des Unverstandenen weiß.

Wenn sich der Künstler aus der Geborgenheit der bürgerlichen Existenz,
die Heimat ist und ruhiger Hafen,
in sein einsames Atelier zurückzieht –
oder eben in die Wüste,
dann ist ihm wohl bewusst,
dass er im künstlerischen Schaffen mit seinem Kunstwerk letztendlich allein bleibt –
und lange allein bleiben wird.

Denn wer wird ihn verstehen?

Wie viele werden ihn überhaupt verstehen?

Wird die Botschaft überspringen?

Werden die Menschen in der oberflächlichen und hektischen Gesellschaft noch die Geduld aufbringen, um in seine Ideenwelt einzutauchen,
ihm „zwischen“ die Kulturen folgen?

Hinein in die offene Struktur?

Dem Lyriker und Poeten von heute,
der im Verborgenen seine reimlosen Verse zimmert,
dem Komponisten jenseits der Tonalität, der Harmonien und des symphonischen Zusammenklangs,
wird es nicht besser ergehen als den abstrakten Malern der Neuzeit,
die allesamt ihre Subjektivität in Kunst umsetzen,
um Individualität und Originalität zu erreichen.

Kunstbetrachtern und Kunstkritikern wird es aber auch nicht leicht fallen,
sich mit der Überfülle an Originalität auseinanderzusetzen
und diese allgemein verbindlich zu objektivieren.

Was wird noch von der Ästhetik abgedeckt?

Wo sind die Grenzen von Ästhetik und von Kunst?

Wo beginnen die reine Gaukelei und das Gaukelwerk des Kommerzes,
der zu Kunst deklariert, was sich gut verkauft?


Harry Elsner hat das Spiel des objektgleichen und entwürdigenden „Vermarktetwerdens“ nie mitgemacht.

Er schuf seine Werke „an sich“ – und er brachte sie unter die Leute.

Recht erfolgreich von Anfang an, damals in der Festung von Verdun, als die Amerikaner seine Zeichnungen und Gemälde nach Übersee mitnahmen,
bis heute,
wo Elsnersche Gemälde in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen hängen,
im Inland und im Ausland.

Die Zeit wird darauf antworten, wo Harry Elsners Malerei kunstgeschichtlich einzuordnen ist.

Wir blicken zurück –
und wir blicken auf ein breites Werk zurück,
das, wie bei anderen bedeutenden Künstlern auch,
recht unterschiedlich ist,

das einsame Höhen der Inspiration kennt, und anderes, wo es Studie geblieben ist.

Künstler sind Stimmungen unterworfen und Gestimmtheiten –
und je nach der seelischen Lichtkonstellation kann ein Bild genial ausfallen oder gänzlich missraten.

Die Großen wissen davon – und auch sie kennen Rückschläge, Zweifel und Entmutigung.

Einzelne Schaffensperioden zu unterscheiden,
Entwicklungen auszumachen und vor allem seine Kunst zu werten ist bei Harry Elsner nicht einfach,
weil das Gesamtwerk noch nicht katalogisiert und deshalb auch noch nicht gänzlich überschaubar ist.

Eines ist jedoch gewiss.

Seitdem Harry Elsner im Jahr 1974 aus einem Gefühl heraus und zugleich höchst bewusst in die Arabische Welt eintauchte, stehen Stilrichtung, Sujets und Botschaft fest.

In den segensreichen Jahren des Ruhestands nutzte Harry Elsner die Zeit,
um sein Werk aufblühen zu lassen, um die Früchte zu mehren und den individuellen Stil zu vervollkommnen.

Harry Elsner hat seinen Weg beharrlich durchgehalten –
und er hat – als Mensch und Künstler sein Leben gelebt,
wahrhaftig gelebt.

Diese letzte große Ausstellung,
die, gemessen am Gesamtwerk,
nur einen unvollständigen Eindruck ermöglicht,

ist ein Spiegelbild auch der konsequent gelebten Existenz

zwischen den Kulturen,

zwischen Ost und West,

als Oberschlesier zwischen Polen und Deutschland,

ungeachtet der belastenden Geschichte – oder gerade deswegen,

und nicht zuletzt zwischen Okzident und dem uns immer noch fremden Orient.

„Wer sich selbst und andre kennt,
wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.

Sinnig zwischen beiden Welten,
Sich zu wiegen, lass ich gelten;
Also zwischen Ost und Westen
Sich bewegen, sei’s zum Besten.“

Goethe hat es paradigmatisch vorgeben – Harry Elsner orientierte sich danach, ein Leben lang.

Der Mensch,
diese Trias von Körper, Geist und Seele, verlangt nach Ganzheitlichkeit im Denken und Erfühlen.

Deshalb hat Harry Elsner seine letzte öffentliche Ausstellung gerade in ein großes Krankenhaus verlegt,
hierher,
in das Herz der Gesundheitsstadt Bad Mergentheim.

Denn das Krankenhaus ist ein besonderer Ort – gerade für Kunstrezeption.

Der Künstler erzählte mir eines Tages von einer außergewöhnlichen Begebenheit.
Eine Kranke sei über eines seiner Gemälde hergefallen und hätte es so lange mit einem Messer traktiert, bis nur noch ein paar bunte Leinenstreifen übrig waren – und ein leerer Rahmen!

Auch das ist Kunst-Rezeption und Welt-Exegese.

Kunst regt an, Kunst lässt revoltieren und Kunst provoziert Gesunde wie Kranke?

Vielleicht war es der Schöne Schein, der die kranke Seele aufschreien und handeln ließ – nicht die reine Destruktionswut?

Können wir alles wissen und ergründen?

Der Gesunde jedenfalls kann auch hinter den „Schleier“ blicken und den „falschen Schein“ durchschauen.

Er kann die „Scheintür“ als solche ausmachen –

und den Holzweg, die Sackgasse oder das endlose Labyrinth dahinter,

das ins Nichts führt.

Und er kann tiefere Wesenheiten erkennen, die den Künstler antrieben,
eben dieses bestimmte Kunstwerk in die Welt zu schicken.

Harry Elsner lässt den Kunst-Betrachter nicht allein –

er lässt ihn zwar eintauchen in ein Meer höchst individueller Farbtöne,
die von fernen Welten künden,
im Physischen wie im Metaphysischen.

Und er überlässt ihn der stillen Meditation.

Aber er gibt ihm stets eine Idee mit auf den Weg,
ein Schlüsselwort,
einen Code,
der ihn vor den labyrinthischen Gängen bewahrt,
vor dunklen Katakomben und vor Irrwegen der Interpretation.

Farb-Strukturen, bei anderen zufällig hingeworfen, stehen bei Harry Elsner in einem klaren Sinn-Zusammenhang –

Wer Form und Farbe des Granatapfels kennt,
wird diese bei genauerer Betrachtung im Gemälde wiederfinden,
ebenso wie das koptische Kreuz,
das auf ein friedliches Miteinander der Religionen verweist –
wie Kohle und rotes Feuer im schlesischen Dom.

Elsner hat viel Sinnbildliches in seiner Kunst festgehalten,
in Ölfarben auf Leinwand verewigt:
nicht nur nahöstlich Exotisches, um die Versöhnung zu fördern und den Hass zu bannen;
auch „gegenständliche Impressionen“ bestimmen sein Werk,
architektonische Motive aus den europäischen Zentren von Kunst und Kultur neben den alten Stätten der Menschheitsgeschichte;

ebenso Motive aus dem Taubertal

und natürlich aus Bad Mergentheim –

wie der hier ausgestellte „Blick“ in die von Leben erfüllte Burgstraße –
als eine Hommage des Künstlers an seine zweite Heimat,
an seine Wahlheimat Mergentheim.

Bildnisse von Freunden, Verwandten und guten Bekannten,
manchmal auch als Auftragsarbeit – selbst „sehr Persönliches“ floss mit in die Kunstgestaltung ein.

Wenn ich das „sehr Persönliche“ hier hervorhebe,

dann beziehe ich mich besonders auf ein Werk,

auf ein „Ausnahme-Portrait“,
das in seiner Intensität alle anderen Gemälde hier in diesen Räumen an Ausdruck, Kraft und intensivster Lichtentfaltung überstrahlt.

Es ist sicher das Kunstwerk, in welchem Harry Elsners das meiste Herzblut verströmt hat:

es ist das Bildnis der Enkelin Franziska,

die in blühender Jugendlichkeit im Alter von nur 18 Jahren auf höchst tragische Weise in einem Verkehrsunfall mitten aus dem Leben gerissen wurde.

Wenn Schmerz und verklärende Anbetung in einem Gemälde überhaupt umgesetzt werden können,
dann hat „Großvater Harry“ den tiefen Schmerz einer ganzen Familie fast übermenschlich meisterlich umgesetzt.

Er hat seine geliebte Enkelin, die lebensfroh an der Seite des anderen Großvaters, des Caritas-Technikers Erwin Dörr oft in diesen Hallen weilte,
wieder erweckt,
zurück ins Leben geholt,
damit über das in Licht gehüllte Bildnis die Erinnerung an einen geliebten Menschen über die Zeit hinaus wach gehalten werden kann.

Auch das leistet Kunst –

Sie hilft uns, den tiefsten Schmerz zu ertragen

und sie hilft, trotz unbeschreiblicher Pein und Not, an der sinnerfüllten Existenz festzuhalten und diese zu bewältigen.

„Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
denn schickt er in die weite Welt,“

dichtete der Schlesier Freiherr von Eichendorff.

Harry Elsner, der Künstler ohne Geburtsurkunde und dem eingedeutschten Namen Haribert, weil es sich im NS-Staat nicht schickte,
einfach nur „Harry“ zu heißen,
hat sich an Eichendorffs Leitsatz gehalten –

als Wanderer zwischen den Welten,
mit Zuversicht und Gott im Herzen,
hat er einen Teil der großen Welt ausgelotet –

von Sohrau in Oberschlesien bis nach Verdun,

von Bad Mergentheim bis zum Horn von Afrika,

um nur die Gegenden zu nennen, die ihn existentiell am deutlichsten prägten und künstlerisch befruchteten.

Aus der Jetztzeit ging er – über Goethes Forderung hinaus schreitend - ganze sechstausend Jahre zurück bis in den Garten Eden,

hinein ins Mesopotamische Land zwischen Euphrat und Tigris und bis zu den Grabstätten der Pharaonen bei Theben.

Bilder und Botschaften brachte der „Brückenbauer“ zurück –

wir können nunmehr alles staunend betrachten,
wir können uns in seine Welt vertiefen und ihm dabei helfen,
den gemeinsamen Weg zum Humanum zu beschreiten.

Geschichte, Politik, Geist und Kunst in vielen Formen
zwischen den Kulturen und mit den Kulturen,

das, verehrter Herr Elsner,
sind auch die Elemente,
die auch unsere Biographien verbinden – bis hinein in den gemeinsam erlebten Exodus!

Es ist mir eine große Ehre, diese Retrospektive geistig begleiten und einleiten zu dürfen.


Möge nunmehr nur noch die Kunst sprechen!

Meine Damen, meine Herren, ich danke Ihnen!


Vgl. dazu den Bericht:
http://www.kk-km.de/bb_trier/FORUM-Magazin/Media/Forum-1-09_RZ_scr.pdf?WSESSIONID=8

(S.10f.)


Auszug, Flyer






Laudator Carl Gibson




Harry Elsner-Würdigung in der Presse - von Carl Gibson




Carl Gibson im Kloster Bronnbach (2013)
vor einem Gemälde von Harry Elsner






Im Kloster Bronnbach











Carl Gibson im Kloster Bronnbach (2013)
vor einem Gemälde von Harry Elsner





Mehr zur Position der - ausgesperrten - anderen Seite 
und Differenzierteres 
in diesen aktuellen Studien:

Carl Gibson,

Vom Logos zum Mythos !? Die Herta Müller-Maskerade im Brenn-SPIEGEL der ZEIT-Kritik 


Ein forcierter Nobelpreis für Literatur (2009)!?

Wie eine Hasspredigerin und Systemprofiteurin der Ceausescu-Diktatur deutsche Politiker hinters Licht führt und die Werte des christlichen Abendlandes auf den Kopf stellt!

Abschied von der Moral - Umwertung aller Werte!?

Zum aktuellen politischen Wandel im Land des aufwachenden Deutschen Michel:
Renaissance des Kommunismus, Wille zur Macht oder neues Biedermeier in Deutschland?



Was ist los in Deutschland? 

Verabschiedet sich das neue Deutschland nach der Wende von der Moral? 

Weshalb werden in Berlin Kommunisten mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt? 

Weshalb setzen sich deutsche Politiker rücksichtslos über die Wahrheit hinweg und segnen in fragwürdigen Ehrungen Lügen ab, ohne auf berechtigte Einsprüche und Bürgerprotest einzugehen? 

Fallen die Deutschen, saturiert, apolitisch unkritisch in die Welt des Biedermeier zurück, den Blick abwendend, wenn Unrecht geschieht, während sich so in politischer Arroganz eine neue Form des Willens zur Macht ausbildet? 

Carl Gibsons zunehmend politischer werdendes Aufklärungswerk geht weiter. 

Nachdem bereits in den drei im Jahr 2014 publizierten Kritiken zum Leben und Werk Herta Müllers argumentativ dargelegt und philologisch-komparatistisch im Detail nachgewiesen wurde, wie die umstrittene Nobelpreisträgerin für Literatur (2009) systematisch lügt, täuscht und plagiiert, fragt der Zeitkritiker Gibson nun nach den Hintermännern der forcierten Abläufe und inszenierten Maskeraden sowie nach dem Endzweck des – für die demokratische Kultur fatalen - Zusammenspiels von Medienwirtschaft und Politik auf Kosten von Ethos und traditionellen Werten. Wohin steuert dieses Deutschland, das die „Tugenden des Kommunismus“, das Lügen, das Täuschen und das Stehlen, der Ehrung wert findet? In den antidemokratischen Berlusconi-Staat der Machtzyniker? Oder fallen die wiedervereinten Deutschen ethisch blind und politisch kurzsichtig in die verlogene Welt des Kommunismus zurück?

Carl Gibson, Zeitkritiker, Historiker, Literaturwissenschaftler, Gründer und Leiter des „Instituts zur Aufklärung und Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Europa“, lieferte mit seinen autobiographischen Aufklärungswerken „Symphonie der Freiheit“ (2008) und Allein in der Revolte“ (2013), verfasst aus der Insider-Perspektive eines verfolgten Dissidenten während der kommunistischen Diktatur in Rumänien, die realistischen Vorlagen für Herta Müllers Selbst-Inszenierung als Oppositionelle. Gibsons scharfe, seit 2009 weltweit rezipierte Herta Müller Kritik ist in der bundesdeutschen „Forschung“ noch nicht recht angekommen. Mehr zur Materie in den –in Deutschland noch boykottierten, inzwischen aber an den US-Eliten-Universitäten vorliegenden - Studien: „Die Zeit der Chamäleons. Kritisches zum Leben und Werk Herta Müllers aus ethischer Sicht, 2014, in: „Ohne Haftbefehl gehe ich nicht mit“ – Herta Müllers erlogenes Securitate-Folter-Martyrium, 2014 bzw. in: „Plagiat als Methode – Herta Müllers „konkreative“ Carl Gibson-Rezeption“. Diese Studien - teils mit umfassender Dokumentation - bilden eine Basis für die noch ausstehende „kritische“ Herta Müller-Monographie  sowie für die systematische Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Rumänien.

ISBN: 978-3-00-048502-2











Carl Gibson: 

Plagiat als Methode - Herta Müllers „konkreative“ Carl Gibson-Rezeption


Wo beginnt das literarische Plagiat? Zur Instrumentalisierung des Dissidenten-Testimoniums „Symphonie der Freiheit“ – 

Selbst-Apologie mit kritischen Argumenten, Daten und Fakten zur Kommunismus-Aufarbeitung 

sowie mit  kommentierten Securitate-Dokumenten zum politischen Widerstand in Rumänien während der Ceaușescu-Diktatur.


Rezeption - Inspiration - Plagiat!?






Herausgegeben vom Institut zur Aufklärung und Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Europa, Bad Mergentheim. Seit dem 18. Juli auf dem Buchmarkt.
399 Seiten.


Publikationen des
Instituts zur Aufklärung und Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Europa,

Copyright © Carl Gibson 2015
   
Fotos: © Monika Nickel







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