Samstag, 2. August 2014

Michael Blümel: Gedichte, Prosa, Graphik

Michael Blümel: Gedichte, Prosa, Graphik



josé saramago, der erste tag nach seinem tod

gottloser du, schufst        quellen der erkenntnis
entspringen den lesenden augen,
der saft tiefer weisheiten, schalk des ernstes,
labyrinthe aller geburten, errichteter weltschmerzen,
überkreuzen ihre bahnen           entlang des urknalls
zeigen sich absurde chimären, die dali mit linien &
flächen hätte trefflich ergänzen können.

jetzt schleichen feige, bösartige zungen umher,
ihre heuchlerischen blasen platzen         in gekreuzigten zeitungen
verdammen sie dich, weil ihre vorstellungen, fleischigen gelüste
voll neid hinter dicken mauern & beweihräucherten zellen
den jahrhunderten ketzerisch hinterherhinken.

von weitem grinst du mit großen augen, selbst dein
kleinster schritt, geheimster hauch, geflüstertes wort
macht ihnen angst, dabei gehen sichel & hammer
auseinander – in ihren köpfen – bist du der
teufel in person, in den augen der leser
ein gott.

gerne wäre ich gepilgert – zu deinem haus, aber es blieben
ein brief & eine postkarte         in gegenseitiger anerkennung
blieben unsere worte in schubladen, unsere wünsche im raum.

es ist gut, dass ich viele bilder nach dir schuf & weiter schaffen werde.

der teufel kniet in rom,
auf einen entheiligten altar
gehören seine bücher.


von weitem grinst du mit wachen augen -------------------gottloser du.




an einem denkmal für vergessene wähler

zwei querliegende balken, mit halbkreis, ähnlich einer panzersperre,
überwuchert von schnecken,
                                                                         gehäuse an gehäuse,
quertreibendem gras, gestrüpp, wilden blumen,
          entwachsen dem boden zuerst, fordern betretende auf
sich ihnen zu nähern, hochfüßig, mit den knien voran, während
             herumwedelnde arme angriffslustige blutsauger fernhalten,
entschlüpfen vermißte metallene körperteile der erde.

nach dem neugierigen rupfen, treten sich streckende körper in erscheinung,
aufgebäumt, mit schreibgriffel fuchtelnd, zeichnen sie kreuze in die luft.

verrostete wähler, dummys ähnlich,
weder weiblich noch männlich,
maschinengezwirbel in erwartungsvollen gebärden,
schreibunkundige sklaven, gehorsamstmechanismen,
tanzend um ein übergroßes wahlfeld,
heben den hügel aus seinen achsen.

die besucher schwanken, balancieren über ein spinnennetz
                                                              abwärts
gehen die gefühle als was gesehen zu werden?





cahors (südfrankreich)

der fluß lot    der-die-das-spielchen zumeist am beginn,
noch vorm betreten des ersten alten steinpflasters,
                                                                                neben einem zeitungskiosk
stehen schüler ungeduldige schlangen, um fastfood zu schnappen,
                                                                meiden sie bessere alternativen
gibt’s in diesem städtchen schon, dort sitzen zumeist angestellte,
unschuldsmimige banker mit textilien wie ablenkungsmanöver, ihre mobiltelefone tauchen sie in rotwein, rasante gespräche, gebettet in dicke servietten.

entlang des boulevard gambetta, steilansteigend, der atem ringt
mit den geruchssorten                                          bei jeder straßenkreuzung
eine überraschung, ob ranziges fett, intensiver kaffee,
wünsche bleiben lüstern.

freizeitverwöhnte engländer, zusammengewürfelt gekleidet,
nicht selten in alten châteaus & landhäusern lebend, kaum steuern zahlend,
markig-trockene sprüche klopfend, fordern kellner heraus;
mißtrauische beäugungen werden mitserviert.

die pont valentre trotzt den jahrhunderten, touristenströmen, belagerern liebespärchen, jugendlichen, tausenden kameras, nichts rückt sie zur seite,
nicht einmal der fluß, treibende baumstämme, es bleiben schrammen, abwetzungen, zeit-geschliffenes, spuren der zeiten, wiederhallend im tour de diable.

schauerminuten in engsten gassen, illot fouillac, doch nicht lang genug,
für einen mensch mit großen schritten                            sind es kurze minuten
zum lichtstrahl bei der kathedrale, den massen am markt, den strömen
getriebener courmets, die selten ein klares ziel haben, die händler hingegen schon.

mit dem knarren einer massiven holztür in st. etienne, seitlich des altars,
eintritt in eine andere welt,
                                                                                              stille im klosterhof,
schlafende katzen, leise kuschelnde vogelpaare, bröckelndes gestein, tonlose
weltschmerzschreie aber keine fallenden blätter                    die fängt der wind             
im angesicht affiger masken
fühlt man sich beobachtet, sonnenstrahlen bringen sie zum lachen oder weinen,
eine wolke erteilt grimmige mimiken.

nach den umrundungen,
sehnsucht nach menschenleeren ecken,
oberhalb der stadt, direkt am jacobsweg,
bei schlechterem wetter,
out of season,
wachen zwei bänke überm tal,
frei wird der blick auf eine modellbaustadt mit halbinsel & ameisen.

ein pilgerpärchen weckt die kamera.






balkonsicht
  
sieht man den revierkater,
              einen weißen, tauben, trittsicheren schleicher,
                  über ihm, furchtlose elstern, ihre schnäbel voller gefieder
                         & eierschalen - lachen sie ihn an – nie aus,
erfasst einen freitheit.


ein igel trinkt gelassen den tag hinweg,
spatzen führen haushaltsstreitigkeiten      bis tief in den abend hinein
hört man neue besucher quasseln, grölen, selten flüstern.

grölbande, ihr! bierkästen als zaunersatz,
egoismus als genuine instanz,
alkohol als behauptungswille.

zum glück sind die streifen ausgelastet.





espresso-bar italia

in die jahre gekommene wörterbücher thronen                                 begrüßend
grün & gelb spiegeln sich gläsersorten in blitzblanken gesichtern,
                                mazedonier neben slowaken,
fußball gegen politik,
gequatsche oder diskussion.

typenschläue, rauchzeichen                                     mit kaltem hauch vermischt
verschwinden gäste                                                  mit dem schlag der turmuhr
takten gespräche, schließen sich taschen, aktenkoffer, bunte schulmäppchen.

kunst mit kaffee, in mitgebrachte bücher getunkt,
zieht augenpaare an, perlen vor die säue geworfen,
verzogene mundwinkel, blöde grinsereien,
niemals von auswärtigen, kunstpilgern.

alt ist das haus des besitzers,
                vor urzeiten handelte man                        mit obst, gemüse
                hantiert der jetzige mieter      auch           sein haus trotzt den zeiten,
den umliegenden italienischen bergen             konnte ich zeichnend begegnen,
entlang der stadtmauer von belluno, vor der schönen rathausuhr suchte ich
nellos kindheitsspuren, in den ausgetretenen rillen, versanken meine bunten schuhe,
rot, gelb, grün, zur verwunderung aller skizzierte ich in der mittagspause.

nun hängt ein stück heimat, auf papier, im rahmen gebettet
begrüßt es gäste,
ein durchgang weiter, eine hobbykollegin en miniature, damit
der neid seinen anteil behält.







cul de paris

pariser hintern, schon lange nicht mehr
                                                      nur auf alten ölschinken, couachen, zeichnungen
zu sehen, eine kopfdrehung reicht aus,
                                                in einem dorf, einer fußgängerzone, schlanken gasse,
tänzeln pferdeärsche wie auf einer bühne,
                                                            nicht selten pubertäre gestalten, ausgewatscht
von schlachtrössern ohne reiter & stallburschen,
                                                                                     fressen sie alles in sich hinein,
konsumenten ohne stil & tadel.

brüllende weisheitsgebote, bizarre vornamen ähneln soap operas, big brothers tv,
mit der erziehung betreten sie schlachtfelder & bunker, ihre erkennungsmarken vergraben sie in babyklappen, mülltonnen, schächte.

polternde modeschöpfer,
nur esel.









weinberg

von menschenhand erbaute
türme aus muschelkalkplatten,
thronend am höchsten punkt,
der erste versuch
konnte den winden nicht standhalten,
vielleicht ein tiefflieger, ungeduldiges kind.

dem reichtsten weinbauer,
gehört die größte hütte                            wem sonst
sollte man sie zuordnen, bedenkt man das dilettantisch geschnitzte wappen
                                                                 am giebel,
denkt man an einen bettler.

vor jahren erschienen mir steilhänge leichter einnehmbar,
der boden weicher, schnecken langsamer, furchen überwindbarer,
jetzt bin ich dankbar geworden,
gehe mit dem wind,
während die augen ruhn.

ganz weit hinten,
höre ich süß!                sauer!
& das rasche falten von plastiktüten
verschlingt die ruhe.









pariser lüftung

massenweise falten, keine ruhepunkt erkennbar,
schwarz in schwarz gehüllt,
so manche form & schönheit verbergend, funkelnde augenpaare,
glitzernde mobiltelefone.

vereinzelte strassenzüge fliehen vor der zeit,
autos, werbeschilder, uhren, geräusche,
           nichts als deplazierte dinge – ausserhalb traditionen –
spricht man nicht hinter vorhängen.

plötzlich vollziehen sich lüftungen mit weißen fäusten,
klageschreie hallen, übertönen den verkehr,
ampeln bleiben auf rot, polizisten schwingen ihre ungelenken arme,
                 rotierende verzweiflung & wut dirigieren gesetze,
jagen das burkaverbot in sackgassen.

ruhe schlummert in männern, gekauert an mauern,
in kiosken, hinter zeitungen, glasscheiben, cafés,
blinzeln zweifel risse in fundamente.
wer hört schon das bröckeln, wenigstens das knistern,
das zum ohrenbetäubenden begleiter wurde?
nichts hört ihr! nichts!

nicht einmal berieselnde nachrichten, monotone meldungen,
wie verkehrsstaus schlängeln sie sich durch gehörgänge,
nisten sich in paläste ein, wandeln auf roten treppichen,
ignorieren hofknickse & champagnerfahnen.

ein langer marsch,
                             massenweise falten,
                                                             schwarz in schwarz gehüllt,
wartend, ungeduldig vor einer ampel,
die nur mittig blinkt.







venice beach

fruchtbarkeitssymbole im müllgeschwängerten sand,
    liebesgondeln mit luxuspferdestärken im top-designer-outfit,
vieles treibt sich brüstend umher.
statt hungriger weiblichkeit dominieren satte muskelberge in stöckelschuhen,
fersen wie schwerabgearbeitete eselshufen, gesichter aus der horrorshow -
zu oft von anabolen steroiden gestreichelt.

muscle beach - mit testosteron geschwängerter luft,
du blauäugiger strandabschnitt des pobackenpolierten schönheitswahns,
lass mich eintauchen in die fotogene geilheit minderwertigkeitsbeschränkter
muskelfüßler & deren körpermaroden fanclubs.

irgendwo, zwischen götterlosen streunern, sitzen künstler herum,
    sinnierend über die anfangsjahre ihrer freien kolonie, ihres gottfreien areals,    
    mastubierenden gewohnheitsabschnitts.
    nur wenige bemerken sie, auf der suche nach unikatverformten andenken
    landen sie in sportgeschäften, parfümbuden, ausrangierten souvenirecken.

auch christa wolf flanierte dort mit einem sich nach abwechslung sehnenden blick,
katzenaugen im stipendiatengewand, auf stoffjagd.






bukarester skizze (I)

kilometerlange kabelstränge,
sich windend, wie schwarze nattern
um schiefe strommaste,
sinnbild für gleichgültigkeit & willkür.

der mensch zählt nichts,
gedankenlos überrollt,
wie eine ameise –
kommt man sich vor,
                                 auf dem schafott funkelnder flachbildschirme,
lassen sie sich betäuben,
bis die erschöpfte narkose den nächsten tagesanbruch
um gnade bittet.








bukarester skizze (II)

stillgelegte autowracks, vereinzelt durchsiebt,
                 im schatten kolossaler prachtbauten,
sammeln sich schwerbewaffnete ,
ihre steinernen mienen sprengen fotolinsen & fassaden entzwei.

trillerpfeifen wild agierender verkehrspolizisten,
überreden sinne & ohren zu einem fußballspiel,
     die regeln: unfair & stark begrenzt,
dies schert beinamputierte kinder,
     entstellte gesichter –
zwischen idiotisch rasenden unterwegs -
     einen scheißdreck,
für sie zählen zwei wasserflaschen,
dunkelbraun oder klar, man hat die wahl
sie zu ignorieren, abzuhauen oder zu bezahlen.

an vielen ecken knistert der luxus,
daran knuspern können wenige,
   hungerstreiks mit weißen leichentüchern,
   schwarz-rot bedruckt, niemandsland in einer hölle
   aus gold & pech.

  


bukarester skizze (III)

namen,
in bronze gehöht,
aneinandergereiht, aufgebahrt,
am platz der gefallenen,
sah man sie damals übereinander liegen,
mit aufgerissenen augen & todeskampfgeballten fäusten,
rannten sie gegen stählerne wächter an, blumen in ihren händen.

an der spitze des weißen obelisk,
thront eine mit patina überwucherte dornenkrone,
nichts fürs offene auge – kein durchschlüpfen,
der martialische kreisbogen ist hermetisch,
wird es bleiben.

zwei koreaner überdehnen perspektiven,
bis diese lächelnd zum bus flanieren,
währenddessen tanzen schlagstöcke
in vollendeter kreisform.


  
bukarester skizze (IV)

aus den augenwinkeln,
auf einem besprühten plakat,
herta müller,
mit bluttränenden augen,
wie draculas braut,
scherz oder die grausame wahrheit?
nicht alle sind saturiert, blind & vergesslich,
glauben erdachte verhaftungen, peinigungen,
­                                                  („ohne haftbefehl gehe sie nicht mit“)
geschehen, vor einem bahnhof, der nie existierte.
                                                  (verhöhnung aller opfer)
gekläffe eitler zukunft,
                                  im schattenwurf einer orthodoxen kirche,
40 derselben plakate,
eine blutrote phalanx,
reinweiß.



bukarester skizze (V)

mit einem sturm kommend – sirenengehäul,
eine polizeieskorte, blitzblank geputze maschinen,
schwarze karossen,
aneinandergekettete särge,
gleitend unter dem triumphbogen.

der verkehr ruht,
ein soeben gestoppter film,
erstarrt, wilde & egomanen,
ihre gesichter im weichzeichner verborgen.

nach einem schrillen pfeifen – inhalierter luftsog,
stürmen pferdegestärkte hunnen los.

über die steppe hinweg heulen wölfe smogartige rudel herbei.




bukarester szene (VI)

strassen, wie ausgehöhlte prärien,
ein reitervolk der moderne
                                                      dem tod voraus
balanceieren entstellte kinder
                                              auf edlen motorhaupen.

selbstgebastelte vehikel,
müllbergen entronnen,
vollbringen wagemutige überfahrten à la charon.

aufgrund unzähliger fressbuden,
                                                   24-stunden-überbevölkert,
scheint der tag zeitlos hinzuschmelzen.

unbeeindruckt, auf einem flohmarkt,
wuchern gebräunte klassiker.

in beinahe tadellosem deutsch
                                                         erklingen echtheit & qualität.




unter einer eiche

vom dicksten zum dünnsten,
selbst die zweige mit hierarchien bestückt –
notwendigkeit einer ausgewogenen statik.

darüber hinweg dröhnen triebwerke mit überschall,
aufwirbelnde erde bedeckt eine zypressenphalanx,
kein aufbäumen, krummbuckeln, fallendes geäst.

manche menschen sind wie eichen,
andere wie schwächeres geäst,
der rest wirbelt viel staub auf.



der alte, weise raucher
(für h.s. – dennoch mit respekt)

in jungen jahren folgte er uniformiertem gehorsam,
mutige nahmen ihm bei show-prozessen
die sicht auf den brüllenden richter,
er schwieg, dachte vielleicht über sein gewissen nach,
nachdem die verurteilten an ihm vorbeigingen,
gitter, tod, gott & teufel vor augen.

nach schutt & asche trat ein phönix in erscheinung,
schrieb sichs auf seine innere brust - frei von aller schuld,
sprach für andere im namen neuer ordnungen,
bis sie ihn treppe für treppe aufsteigen ließen -
ohne geländer.

nach der großen flut & hoffnung, erwachte die gewalt,
schrie & wütete um sich, biss sich fest ins fleisch des nimmersatten staates,
forderte vom hofierten, gut situierten raucher, freie, gesprengte ketten –
ohne schall & rauch –

seine gegner & neider gönnten sich kaum schlaf,
intrigierten, marschierten, protegierten…
plötzlich brannte des rauchers dach,
wegen einer fahrlässig weggeworfenen zigarette?
brandstifter waren am werk,
sie zündeln bis heute – weltweit.

des rauchers weise gedanken & mahnende, erinnernde stimme,
erheben sich dennoch,
bevor einmal mehr der blaue dunst dazwischenfunkt.



gartenblick

der nachbarn entflammte kirschblüten,
trampelnd auf frisiertem golfrasen,
pflanzenreihungen mit meterstab,
glitzernde dekorationen,
in sich verdreht wie eine ballerina,
entzaubern mentalitäten.

besessen, tag für tag,
eins mit dem garten,
entzweit mit den nachbarn,
pfeifen die vögel ringsum,
nun ostereier & gestecke,
gesprenkelter farbenkasten,
südfranzösischer neid,
könnte aufblühen,
inmitten kroatischer gespräche,
denkt man fern sich weg,
fühlt einem exilanten gleich,
fremdgestimmte angepasstheit.




zu besuch bei einer alten dame

weit vor dem überwucherten parkplatz,
wegweisender küchengeruch,
den blähungen nahe, der galle entschlüpft,
orchestrale töpfe- & eingefleischte pfannenklänge,
schmarotzende katzen & kater – darunter ein einauge,
jede nische, ritze, abbröckelnder putz,
eine dankbare ablenkung wert.
man kreiert sich den pförtner, herr oder dame?
beäugend, verschwommen & mit milch überschüttet,
bildnis eines francis bacon im endstadium,
schleicht zögernd vorbei,
tritt auf knarrendes, gebogenes holz,
hinterrücks krächzend, eine stimme,
erblickend ein holzkreuz – über dem herz,
ist gut, nur zu, nur zu!

fürstliches treppenhaus, barockes geprotze,
putten mit gestutzten flügeln, dem absturz nahe,
die leiden jesu ist x-fachen variationen,
schreie, gejammer, gebrabbel,
leises reden, verstecktes flüstern,
schiefe namen, vergilbte zahlen,
überschäumende milch, unzählige tassen,
mit langen schnäbeln,
sammeln der federn, manchmal ein streicheln.

weit entrückt,
im rechten winkel eines türrahmens,
lugt ein waches auge, erstrahlt,
müde glieder beginnen den kampf,
mutiger aufstand, rostiges räderwerk
des lebens.



kroatenhügel

nennen einheimische den berg,
auf dem ich wohne – nahe des waldrands –
lauschen einander buntes gefieder,
welch nest ich baute oder kaufte,
den pflanzen ists egal, blumen & kräuter
hoffnung auf lebensdauer, innige pflegeeinheiten
ihrer stolzen besitzer, beschützer.

nun spüre ich, wie minderheiten sich fühlen,
mein brustkorp blüht auf, mein gang wirkt aufrecht,
gebuckelt wird unten in der stadt, wo man sich besser kennt,
zu kennen glaubt, weil der glaube berge versetzen soll,
aber bereits an einem hügel scheitert.

  
waldstück I

den unruhigen punktierungen der sonne nach,
   lichtspiele euphorischer augenblicke,
   optimistische & pessimistische masken,
vorwärts tastend unter sich verbeugenden bäumen,
perspektiven aus dem weg räumend,
   erdachtes skizzenbuch, ast als stift,
   überlagernde liniengeflechte in bewegung,
   meister wind, schüler sturm, diebischer hauch,
den wegzeichen der schatten nach.



waldstück II

wer die einsamkeit ruft,
ist hier verloren, erfriert an einer lichtung.
weit draußen begrub sich die saat,
darüber kreisend, schwingen des hungers,
stehend in der luft, ein alter wunsch kommt auf,
dabei überlebt man auf der erde schwer.

eine kreuzung fordert den kompass,
klopfruf eines spechts, uneiniges gezwitscher,
summen & brummen, säuseln & mäuseln,
drehungen brachten nur schwindelgefühl.
der körper speichert steigungen, atemblicke,
schnellfang ohne gerüche, aufspringendes wild,
flügelschlag, raschelrennen, bodenwuchs,
am schluss siegt die stille,
gegen mörderisches sägen.




waldstück III

abgase nahe der bäume, zeugen von faulheit,
zigarettenstummel von freiheitlichen gedanken,
rechtloses land, denkt manch einer,
überhandhandeln erlaubt, denken andere.
landwirte sind oftmals die klügsten, sofern ihnen gesetze einleuchten.

alte stämme tragen kriegsbemalungen,
farben bestimmen ihre lebensuhr, todesreiche,
viele wandern aus, reisen wieder ein,
stehen in büros, stuben, schulen…
als wüßten sie´s, hörte ihr schmerzensknorzen,
legte meine ohren an ihre faltige haut, letzte atemzüge,
vom wind geschluckt, der sie der sonne reicht.



waldstück IV

anordnungen wie bei einem ausverkauf,
der seelen geringer raumbedarf,
liegt brach – einem schlachtfeld ähnlich
drängen sich bilder auf,
unter berücksichtigung forstwirtschaftlicher notwendigkeiten,
zum schutz der menschen,
muß das alter geräuschvoll scheiden.

junger elan wuchernd über mechanischen spuren – die meinen bleiben unsichtbar,
richten sich mit ästen, blättern, gestrüpp kurz auf.

eldorado wankender gerüche, unendliche winkel des lichts,
kletternd entlang eines individuellen hochsitzes,
herumsprühende freude eines handwerkenden,
schmilzt ein wetterbejahrtes tarnnetz,
muffiger kunststoff, arglist der täuschung.
auf schaumstoff sitzt`s sichs gut.



hohenloher land (I)

so verschwiegen die menschen hier anfangs sind,
so geschwätzig können steinerne madonnen sein –
eingebettet in einen brombeerstrauch,
fabulierend über heilige weisheiten.

erdnahe linienführungen winken dem zeichner
achterbahnen, gewaltkurviges schattensausen,
zum gespött der sonne.

einsiedlerspuren wie blätter am boden,
pilgerreste ohne abfallspuren,
quellen versiegen - erhellen
fenster zu einer schlucht.

freudengeschrei entschlüpft einem reißenden fluß,
als wolle es fliehen, den menschenscheuen umarmen.
kanujagden, wilder entenmarsch, der vor einem kloster innehält.
von einer anhöhe, grüßend, ein steifer arm, einige winken zurück,
andere lachen darüber.

land der gluckenden madonnen, bunten freizeittklamotten,
im einklang mit barocken kirchenorgeln – rußschwarz umlodert -
schlafwandeln melodietraumatisierte in modern-klassischen cafés,
auf das es doppelt schmackhaft mundet,
zwischen kauderwelschem gebrabbel, altklugen weisheiten, finanzwitzen.

ich lache & winke.



hohenloher land (II)

zwischen immerwährender weiblichkeit –
lieblichkeit saftiggrüner hügel & ebenen thronend,
erheben sich selbstprotzend immune götter der industrie,
entwachsen ehemaligen liebensbedürftigen feldern,
stinkenden dörfern, dunklen gassen,
steinen & dickköpfigem rückgrat rückenkehrend,
im unablässigen schweiße des buckligen fleißes,                                                           
                                                                             mannigfaltigen einfallsreichtums,
ersetzen sie volksgefräßige raub- & ritternester, burgen, festungen,
in denen grafen, samen für samen, dekorierte nachkommen in parteiämter pflanzen,
wo sie stolz hofiert werden, man ihnen koffer trägt, ausserhalb roter teppiche,
langen geheimgängen, katakomben der frevelhaften vergehen folgend,
                                                          vorbei an behörden & gesetze der jetztzeit,
kreuzen sich drei streitäxte wie ungleiche brüder, wo man hinsieht, symbole der macht, unterdrückung, eingefleischten wirtschaft, blaublütigen gehorsams,
bis in den tod & darüber hinaus - kein pardon - ist ihnen der schutz vor strafen sicher.



hohenloher land (III)

tief eingraben möchtest du deine hände
                                                                in das herz des bodens,
deine liebe bekunden, zurückschlagende äste & erdschwingen umarmen,
ihre widerspenstigkeit enthaupten, mit einem regenschirm, der beiwerk nur
sein kann, nicht altersstütze, jeden tropfen verzweiflung auffangen,
sammeln wie ein durstiger, empfangen wie ein apostel, der seine
großen hände über deinem haupt ausbreitet, dir den segen verweigert,
da du seine konturen überzeichnet hast, deiner eruptiv-expressiven besessenheit freien lauf ließest, unbelehrbar, nicht mehr erziehungsbereit, blicke ignorierend,
sie weit weg wünschend, rausgerissen von der wurzeln kraft, folgen deine haftenden schritte einer unvernunft der motorik, die dich lähmt, wie in einem tagtraum schleichen läßt, alle geräusche absorbiert, bis zur stillen verzweiflung, die weder zeichenblock, sonnenbrille noch regenschirm verbergen können.

so wanderst du nur von tag zu tag.

darüber hinaus wagst du nicht zu denken.



ruinenkinder
(all den kindern zwischen krieg & leid gewidmet)

zwölf lebensjahre sprechen aus traurig-wachsamen augen,
sehe ein kind, höre einen erwachsenen ein gedicht über krieg & leid sprechen,
ein zarter, ernsthafter, fragiler körper, mit narben aus zehn leben,
der seinen besten freund aus der todeszone der heckenschützen schleppte
            - weil keine leinentücher ihn schützen konnten, da sie tote bedeckten -
ihn verbluten sah, dieses blut mit seinem hass mischte.

schreiend in ein mikrofon, stehend auf einer ladefläche,
die todbringenden geschossen als lafette dient.
sein gedicht zerbricht an den ruinen, zerfällt in köpfe, hallt in einer moschee,
klettert auf barrikaden, frißt sich in eine flagge,
gelangt in maschinengewehrläufe,
fegt als mörderischer sturm zu den leibern der feinde.
kreislauf des hasses, radius des todes.

feuerpause, spielstunde, kletternde abenteuer unterhalb eines unversehrten 
                                                                                                    kronleuchters,
irreführendes, irreales symbol, bizarre szenerien,
dampfender tee, weihrauch, dreibeinig jonglierend - mit steiniger prothese,
ritual trügerischer ruhe, eingebettet in staub, geröll, kadavergeruch,
abgründe geliehender hoffnungen, scharfkantig bewacht.
(erinnerung an eine alte fotografie der stadt caen, mutter & tochter,
nach dem bombardement der befreier, freistehend in ihrer wohnung,
blickend auf einen kronleuchter; einzig die kathedrale wurde verschont,
weil ein junger mann blutige leinentücher in kreuzform auslegte.
kreislauf der kriege, radius der unvernunft).

weise spricht der junge, getragen von verbundenen männerarmen,
lebender märtyrer, gottesgestalt der unvernunft, schmetterling, nestflüchter,
seiner kindheit enthauptet, seiner freunde held, allen anderen propagandafigur.

brüllend weist der motor des jeeps zur front,
dort, wo keine leinentücher hängen,
durchquerungen suizid ähneln,
wasser kostbar ist,
es eng wird,
für den
tod.



zwischen feldern ein riese
(vor ort geschrieben & unbearbeitet gelassen)

kaum die erste senke durchquert,
begrüßung durch einen windriesen.
seine stumpfe nase riecht den wind,
dreiarmig rotierend, winkend,
mit rotem nagellack.

ewigkeit einer immerwährenden annäherung,
luftikushafte blicke durchbohren gezwitscher,
meistersegler, solosänger, energiebündel.
tiefes vertrauen zum boden,
jeder schritt auf einem teppich,
jeder atemzug druck wegnehmend.

der fuß des riesen mit grünstufen lackiert,
visualisierte erdnähe, traumhaftes farbenpatent,
von einem künstler? einem ingenieur?
einer teamfähigen arbeitsgruppe?

keine geräusche vernehmbar,
grandiose stille technischen könnens – heute.
man sollte sie mögen, ihre ausschwingende präsenz,
ist beruhigender als die uns unwürdigen bunker tödlichen inhalts,
täglich aufs neue getauft.

  
am stadttor (langenburg)
(vor ort geschrieben & unbearbeitet gelassen)

vor dem schlauch historischer fassaden,
wo licht & schatten rasante spiele treiben,
sonniges gemüt, hoffnung, depressionen zugange sind,
saisonale kräfte das überleben sichern,
der landbarone pracht bürgerlichen geist & egoismus belächelt,
historie, wappen, meinungen, status höher hängen,
so wie einst bauern & geknechtete hingen,
als erdwurm & clown du fühlst,
heute nur besucher bist, im einklang mit wandernder neugier,
ein gewöhnlicher kaffee beim überlaufen wunderkräfte erweckt,
siehst du einem zeichner über seine linke schulter,
brillant-statisch, präzise, ohne emotionen, von einem jeden geschaffen,
nicht der ausrutscher einer expression, eines gefühls,
sonderbar, denkst du, siehst den zeichner ohne hut, in der prallen sonne,
auf einem knarrenden minischemel, ohne kissen
& lobst ihn wegen deines respekts.



notizen während einer lesung
(vor ort geschrieben & unbearbeitet gelassen)

angesichts dieser immensen sprachgewalt geballter, wohl sortierter, formulierter, strukturierter worte, die farbenfrohe bilder vor neid  schwarz-weiß erblassen lassen,
angesichts der charakterfesten spannungen zwischen protagonisten & randfiguren, deren individuellen züge stimmen, gesten, handlungen wie auf bahnhöfen um sich versammeln, angesichts prall gefüllter sekunden, die wie stunden & tage fließend daherwandeln, als seien ihnen uhren fremd, federn gewachsen, die zeit nicht als solche ein begleiter, vielmehr ein begriff zum ertasten, angesichts des viel gesagten mit unterhaltsamer manier & raffinesse, sind mir als zusehhörendem der in sich hineinbrabbelnde, gesenkte kopf, die monotonie der laute, fehlende sprach-modulation, das anderswo-sein des körpers mit dem jetzt & hier, die kahlen & statischen todesfarben der kleidung – keineswegs korrespondierend mit dem farbfacettenspiel der haare - ein greuel, der mich gedanklich schleichend richtung tür treiben läßt, allein die breite stuhlreihe, der kurze weg, versuchen gerade diese flüchtenden gedanken an die beine weiterzuleiten.
noch denken höflichkeit & scham darüber hinweg.
mein gesenkter blick möchte die rote, edel bedruckte eintrittskarte fragen.

berge & täler
(vor ort geschrieben & unbearbeitet gelassen)

tage ergiebiger wanderungen, blicke ins dickicht grüner strömungen & adern, durchlaufen, wege aus stechendem schotter, widerstandslosem asphalt, tänzelnd - grasüberwuchert in ferne bilder zukunftsmöglicher abläufe gestolpert. beim kreisen eines sperbers suchst du trost mit dem leiden deines selbst, erhöhst wutentbrannt das tempo deines schritts, kontrollierst nur die atmung, weißt um den unsinn bescheid, siehst das tal & wege, entscheidest dich für einen rundgang, biegst mehrmals ab, klammerst dich an markanten punkten fest, erinnerst dich an farbtafeln, zahlen, tote baumstämme, herabgestürzte äste, aufmüpfiges gestrüpp, hinterhältige wurzeln, minenfelder, die rache des waldes.
der menschen & maschinen spuren enden nicht, unmengen neuer hochsitze, einer grenze ähnlich, schmälern die chancen der tiere, überall liegt dir der ausverkauf des waldes zu füßen, manchmal knieend, glaubst du, dinge zu sehen, über die andere lachen, dich einweisend behandeln würden, wären nicht phantasie & kreativität deine freunde, verbündeten, auch wenn sie sich etwas zurückzogen, so sind sie doch bei dir, umklammern dich, halten dich zurück, vor dem reinen weiß, dem nichts, der weglosen landschaft, dem blick in den tunnel, abgrund, nicht aber vor den hügeln mit sitzbänken, uralten einzelgängerischen bäumen, wo wegkreuze sich ducken, vor deiner ungläubigkeit, deiner skepsis, die die realität bestätigt.
auf dem hügel flanieren deine augen, setzen sich auf eine kirchturmspitze, fliegen wie spiderman durch das dorf, die offenen fenster, ställe, vorbei an zwei tratschenden frauen, die sich älter kleiden als sie tatsächlich sind, die eine wiegt einen korb wie ein baby hin & her, fuchtelt mit der hand herum, die andere, deren halber kopf aus einer dicken strickjacke lugt, nickt permanent, beide hände in die hüften gestemmt, fest am boden haftend, in gummistiefeln, während die sonne zunehmend an kraft gewinnt. solche menschen schütteln wegen deines berufs den kopf, bezweifeln sinn, zweck, hintergrund, berufung, kaufen stattdessen lieber bratwürste, autos, kleiderschränke, karten für waschanlagen & dergleichen, ergötzen sich an dingen, denen du kaum vergnügen, unterhaltung, anregungen abgewinnen kannst. dein flug endet an einem häßlichen rohbau, größenwahn eines dorf-bewohners, vermutlich ein fan walt disneys welten, insbesondere der burgen & schösser, bis weit in den himmel hinein überkitscht, nicht halt machend vor pseudogriechischer architektur, die den hauseingang belagert, schmücken wäre geschmeichelt. seht her, welch reichtum mir der wein, grundstücke, erbe, bescherten, nicht aber den stil, herkunft, genuine veranlagungen verleugnen können.
die erziehung ist weittragend, unübersehbar, kaum abzulegen, trotz purpurner gewänder.


beim einem der horchposten
(vor ort geschrieben & unbearbeitet gelassen)

der bunker soll stillgelegt worden sein, schon vor jahren zogen die verstrahlten ab, wurden versetzt, gingen in den ruhestand, den sie vielleicht noch genießen können.
„vorsicht schusswaffengebrauch…“, auf poliertem, weißem grund, kein zentimeter rost, kein schmutz, nur eine fleischfliege, die beinahe den i-punkt tanzen läßt.
mit dem unkraut verhält es sich wie bei einem gepflegten garten oder hauseingang, nicht ein grashalm wagt sich durch eine ritze der panzerbetonplatten, die ihr geld wert sind.
ich wage mich ans grünegestrichene stahlgitter, gehe entlang des rolltors, hin & her, spüre eine unruhe, herausforderung, widersinniges verhalten, lasse dabei keinen augenblick die beiden fenster des wachhäuschens aus den augen, nichts, keine bewegung, kein mechanisches geräusch, nur unmengen grillen & der glutofen von über 40 grad, der mich eigentlich in den schattigen wald treiben sollte, eigentlich, wäre die neugier der menschen nicht fester bestandteil, so wie die dummheit.
eigentlich meide ich militärische sperrgebiete, achte auf hinweis- & warnschilder, begebe mich nicht wissentlich & fahrlässig in gefahr, verhalte mich nicht konträr.
was treibt mich heute dazu an? was schaltet meine vernunft aus? eine überge-ordnete laune, ein vernunftausfall?
was würde geschehen, wenn ich meine digitalkamera auspacke? eine überwach-ungskamera sehe ich nicht, was nicht heißt, daß sie mich bereits von der ersten sekunde meines erscheinens an fokussierte.
mein blick stolpert über große eisentore, vermutlich garagen, ich muß gerade an meinen cousin d. denken, der hier einmal vor jahren als feuerwehrmann seinen dienst heruntersaß, denn viel abwechslung hatten er & seine kameraden nicht, das weiß ich von seinen schilderungen. hier kontrollgänge, dort fahrten zu anderen anlagen, stumpfsinnige routine, langeweile, übungen, damit die gelenke & köpfe nicht völlig erlahmen. nach 2-3 jahren war es ihm zu viel bzw. zu wenig, er drückte die schulbank, büffelte fleißig & ehrgeizig, ist nun rettungsassistent bei der berufs-feuerwehr in der stadt des volkswagens. andere seiner ehemaligen kameraden dösen vielleicht noch immer vor sich hin, hören grashalme wachsen & die schreie der greifvögel.
was einem alles durch den kopf geht.
wie weit die unterirdischen gänge wohl verlaufen, miteinander verbunden sind?
kann man von hier oben hinunter zum anderen, ebenfalls offiziell stillgelegten horchposten gehen?
wäre h. noch am leben, er könnte es mir sagen, h., der seinerzeit beim bau der großen radaranlage, ca. 5 kilometer luftlinie von mir, als maler & stukateur mitwirkte,
er, der sich intensiv mit den historischen ereignissen im main-tauber-kreis & angrenzenden gebieten beschäftigte, er, der viele exkursionen mit mir unternahm (damals trug ich noch weiße tennissocken & längere haare), sich durch sein wissen neben vielen bewunderern auch den ein oder anderen neider schuf, miterleben mußte, wie ein inzwischen vom krebs besiegter redakteur unter seinem namen h.`s texte & bilder veröffentlichte, während h. zunehmend einsamer lebte, mit seinen fuß-zehen, seinen spritzig-pfiffigen humor verlor, sich mehr & mehr zurückzog, auf die andere straßenseite ging, mich nicht mehr sah, sehen wollte, verstummte & eines tages tot in seiner wohnung lag, wo man ihn nach vielen tagen entdeckte, weil der briefkasten & gerüche aus der wohnung warnsignale entsandten.
was einem alles durch den kopf geht.
inzwischen sprang ein hase über ein feld, beäugte mich aus sicherer entfernung, duckte sich, aber die löffel, die löffel! für jeden jäger ein muß.
ich bin allein, menschenallein, sofern keine wanderer, landwirte, jäger, wachschutz-leute…auftauchen, denn kontrollieren & überprüfen werden sie die anlage sicherlich regelmäßig, sonst wäre nicht alles feinsäuberlich gemäht, die schlösser nicht so poliert, die unmittelbarkeit von berührungen & bewegungen spürbar.
nun ists zu hören, hatte mich schon gewundert, warum ich bisher noch nichts vom unermüdlichen fleiß der landwirte hörte, der traktor nähert sich schnell, ein riesen-ding, er biegt zwei felder vor mir ab, der alte landwirt sieht kurz zu mir hinüber, bleibt stehen, dreht sich nach hinten, betätigt einen hebel, der einen großen mähapparat ausfährt, läßt ihn ins gras hinab, fährt über die wiese & wird von der ersten staub-wolke verschluckt.


hochsitze, raffinierte einfälle & der ausverkauf des waldes 
(bei über 35 grad nahe ingelfingen geschrieben & unbearbeitet gelassen)

von der vielfältigkeit der hochsitze bin ich schon seit meiner kindheit beeindruckt. der erste, den ich vorhin sah, bestach durch seine robustheit & gleichzeitige raffinesse, bei den heutigen temperaturen könnte man 3 der seitenwände sowie das dach aufklappen bzw. öffnen, an sämtliche wandteile wurden scharniere befestigt, innenseitig befinden sich kleine holzstäbe, die man zum abstützen der wände in angeschraubte stützhalterungen einfügen kann, auf dem sitzbrett ist eine schaum-stoffplatte geklebt, der balken zum auflegen des gewehrs ist schwenkbar, darunter befindet sich ein kleines regal, daneben ein loch, durch das eine ca. ein zentimeter dicke, enggeknotete schnur gezogen wurde, die kreisförmig auf dem hochsitzboden liegt, die wand an dieser seite ist zweigesteilt, auch sie läßt sich mithilfe von scharniere aufklappen, so daß man ggfs. schwerere oder sperrige mitbringsel, die man nicht über die leiter tragen möchte, hoch- & hineinziehen kann. an der tür befindet sich kein vorhängeschloss. der blick geht rechterhand über mehrere felder, folgt mittig einer baumgruppe mit kleineren hecken & endet linkerhand am waldrand, wo ein weg hineinführt, bei den heutigen intensiven lichtverhältnissen & der sonnenstrahlung kann man dem weg gut 30 meter hinein in den wald folgen. ich skizzierte alle drei blickrichtungen, würde am liebsten noch etwas verweilen; ob ein jäger, forstwirt… – sollte er plötzlich auftauchen – meine begeisterung ebenso teilen möchte?
nun stehe ich vor einem windschiefen hochsitz der wildesten gegensätze, dünne stützhölzer & stangen, morsch wirkendes holz, von unkraut & gestrüpp belagert, herausstehende rostige nägel, ich wage es nicht auch nur einen fuß auf die leiter zu stellen. vielleicht wurde dieser hochsitz lange nicht genutzt.
& all das gestapelte holz, links & rechts der wege, auch hier sieht man die unter-schiedlichen ansprüche der besitzer, der eine deckt das holz mit einer folie ab, legt steine zur beschwerde drauf & gut ist, ein anderer stapelt das holz beinahe fugen-dicht, jedes scheit fügt sich in das andere, wie bei einer mauer, so daß bereits hierdurch eine gute stabilität erreicht wird. zum schutz vor nässe dienen wellblech-stücke, darüber sehe ich zwei schichten dickere folie, eine durchsichtige & als oberste schicht eine hellblaue darunter, befestigt sind die folien mit allerlei schnüre & stricke, an denen zusätzlich steine zur beschwerde hängen, sehr geschickt, da stecken ideen & viel arbeit drin. ich fertigte eine skizze an.
den sogenannten staatswald bzw. sich in öffentlichem besitz befindenden wald, erkennt man deutlich an der pflege, der anzahl von sitzbänken, hinweisschildern, lehrtafeln & ähnlichem.
glockengeläut der ingelfinger kirche, deren dachspitze ich von hier aus sehen kann, das spitze dreieck scheint auf einem getreidefeld zu stehen. kreisende krähen, greifvögel, eine angenehme leichte brise, die stellenweise, je nachdem wie weit ich mich bei der sonne auf die feldwege wage, windartigen böen nahe kommt.
gerade fuhr ein teuflisches gefährt der forstwirtschaft an mir vorbei, der junge fahrer guckte grimmig drein obwohl ich deutlich nickte & rechtzeitig auswich, mich beinahe in ein gestrüpp drückte, da der weg an dieser stelle besonders schmal ist. die räder sind größer als ich, der knatternde motor macht so viel lärm, wie drei bagger. ich höre ein anderes maschinengeräusch, das von knistern, holzbrechen, raspeln oder dergleichen begleitet wird, vermutlich handelt es sich um eine „baumrindenschäl-& zerkleinerungsmaschine“, ich wähle eine weggabelung, um einen möglichen kontakt, eine annäherung an dieses mich gerade störende ding zu vermeiden, sehen kann ichs nicht, es befindet sich aber keine 200 meter von mir entfernt, nach menschen & maschinengeräusche ist mir heute nicht zumute. je mehr sich der weg spreizt, desto leiser werden die maschinengeräusche, ich atme auf & durch.
links & rechts des wegs liegen tote bäume, solch lange & dicke eichenstämme sieht man nicht jeden tag, jeder stamm trägt beschriftungen & stempel, die wie täto-wirungen wirken, viele werden sicherlich nach übersee exportiert, vielleicht nach china, indien…manchmal steht ein deutscher name drauf, eine firma? die unmengen tonnen guter qualität bringen viel geld. oftmals ists so, daß links die für den export bzw. inländischen verkauf bestimmten bäume für die abholung lagern & rechts das „schlechtere“ holz, krumm, mit mängeln, schadhaften, fauligen stellen, von privat-leuten erteigert, als brennholz oder für andere „zweitklassige“ verwendungen & vorgesehene zwecke gedacht. das brennholz sägen die privatkäufer, waldbesitzer oder beauftragte gleich ofengerecht, überall sind stapel zu sehen, deutsche gründlichkeit & disziplin sind auch hier deutlich sichtbar, manchmal zu viel des guten.
ich merke, wie meine konzentration nachläßt, obwohl ich eine große wasserflasche dabei habe, regelmäßig trinke, mußte mich auf eine bank setzen, genieße die leichte, etwas kühlere brise, den schatten, die gesänge der vögel, knister- & fallgeräusche von tannenzapfen. rechts von mir flitzt eine maus über den weg.
der wald hier ist erstaunlich sauber, kaum ein papierrest eines schokoriegels, eines bonbons usw., da sah ich schon andere wälder, wo die menschen gedankenlos müllspuren hinterließen, die bis zu den parkplätzen & weggabelungen führten, wo zuweilen sogar mülleimer standen. ich würde, sofern ich mal jemanden dabei beobachten sollte, ihn entweder auffordern seinen müll zu entfernen oder mir sein kfz-kennzeichen notieren & bei der meldung erwähnen, daß ich einen zeugen hätte.
vermutlich würde es nicht viel bringen außer verwaltungsaufwand & ein lächeln der behörden.
mein auto steht noch im schatten, die sonne umschleicht es, inzwischen muss eine katze dagewesen sein, auf der motorhaube sind erdige abdrücke, die heute morgen noch nicht zu sehen waren. einige felder weiter dreht ein landwirt mähend seine runden, es sind ca. gefühlte 40 grad, ich gehe auf eine schwüle wand zu. laut wettervorhersage soll es heute nachmittag bzw. abends gewitter geben, vermutlich wird das taubertal einmal mehr verschont.


Graphiken zum Thema Terror und Gewalt

namentlich zu 

Jurek Becker: : Jakob der Lügner
bzw. zu
Bronsteins Kinder


Mehr zum Künstler Michael Blümel 
unter:
http://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Bl%C3%BCmel


Copyright: Michael Blümel



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