Sonntag, 1. September 2013

„Zum Werk von Kollegen äußere ich mich nicht“


„Zum Werk von Kollegen äußere ich mich nicht“,

entgegnete ein produktiver Schriftsteller, als er gefragt wurde, weshalb er Verzerrungen der historischen Wirklichkeit und plumpe Lügen aller Art in Werk fragwürdiger Konkurrenz unkommentiert lasse.
Der Schriftsteller, einst von einem „Kollegen“ denunziert und dem Geheimdienst einer Diktatur ausgeliefert, hatte nach Jahren stalinistischer Haft ein imposantes Aufklärungswerk vorgelegt, wurde aber nicht angemessen wahrgenommen, während  moralisch fragwürdige „Kollegen“  hoch im Kurs stehen.
Hätte er doch „Tacheles“ reden und Ross und Reiter nennen sollen, statt in die Anonymität eines belletristischen Werkes zu flüchten?
Fiel ihm nicht auf, dass das eigene Werk an moralischer Substanz verliert, wenn es Standpunkt verschweigt, statt als Gegengewicht zur Lüge aufzutreten?

„Zum Werk von Kollegen äußere ich mich nicht“,
ein sonderbarer Grundsatz!

Was wäre die Literaturkritik ohne das Urteil der großen Klassiker?
Fast alle haben sich geäußert und zur geistigen Situation ihrer Zeit Position bezogen.
Soll man denn jede Literaturkritik ausschließlich Rezensenten überlassen, jenen schöpferisch Unproduktiven, die nie ein geistiges Werk schufen?

Darüber hinaus ist jeder Autor auch ein Mensch und Staatsbürger – als solcher darf er sich nicht einfach und bequem zurückziehen, sondern er muss sich äußern, wenn Unrecht geschieht, wenn die Realität verzerrt und die Welt auf den Kopf gestellt wird. Das ist seine Bürgerpflicht in einer funktionierenden Demokratie.


Wenn aufrechte, moralisch integere Charaktere zu gesellschaftlich relevanten Fragen schweigen, dann haben die Protagonisten der Lüge schon gewonnen.



Aus:

Carl Gibson,

„Die Zeit der Chamäleons“ -


Aphorismen, Reflexionen, Maximen, Sentenzen, Ideen, Essays

zur Literatur, Philosophie und Geistesgeschichte und Kritisches zum Zeitgeschehen


Motto:



Zum Sinn der Philosophie heute

Philosophen sollen reden und schreiben,
Philosophen sollen Fragen aufwerfen und Antworten anbieten,
sonst ist ihr Denken umsonst!
Das – sprichwörtliche – Schweigen der Philosophen ist ein Irrweg, 
denn es verhüllt die Wahrheit und billigt die Lüge.

Das Schweigen der Denker nützt nur den Mächtigen.





 

Mehr zur "Philosophie" von Carl Gibson
in seinem zweibändigen Hauptwerk:

speziell in:

"Symphonie der Freiheit", (2008)
sowie in dem jüngst erschienenen

"Allein in der Revolte.

Eine Jugend im Banat", (2013)






 Philosoph und Zeitkritiker Carl Gibson

Weitere Aphorismen, Reflexionen, Maximen, Sentenzen, Ideen und Essays werden auf diesem Blog folgen.


Copyright: Carl Gibson
Fotos von Carl Gibson: Monika Nickel

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Jean-Jacques Rousseau – Alle großen Leidenschaften entstehen in der Einsamkeit. Die Apotheose der Einsamkeit im Oeuvre des Vordenkers der Französischen Revolution. - Gesamt-Kapitel:

Gesamt-Kapitel, mit Fußnoten : Teil V: „Einsamkeit“ und Melancholie in der Moderne Jean-Jacques Rousseau   – Alle großen Leidensc...