Freitag, 17. Mai 2013

Herta Müller - oder Im Reich der Lüge

29.
Herta Müller - oder Im Reich der Lüge
Es gab Zeiten, da glaubte ich Herta Müller, obwohl ich das, was sie tat, missbilligte und ablehnte.
Ich glaubte dem, was sie öffentlich verkündete, weil ich davon ausging, dass ihre Erfahrungen mit dem repressiven rumänischen Geheimdienst echt waren und tatsächlich so wie geschildert erlebt wurden.
Ich glaubte ihr, obwohl sie mir aufgrund ihres befremdlichen, bisweilen rabiat denunziatorischen Auftretens in der deutschen Öffentlichkeit antipathisch war und das, was ich von ihr las, literarisch- sprachlich wenig überzeugend, ja sogar abstoßend wirkte.
Ich glaubte Herta Müller und widersprach lange nicht ihren Darstellungen und Deutungen der Verhältnisse in Rumänien, weil mir die Auseinandersetzung mit der Materie Unbehagen bereitete, wohl wissend, dass ein Waten im Sumpf schlammige Beine nach sich zieht, selbst wenn Seele und Gewissen rein bleiben.

Doch die Psyche bleibt nicht rein, wenn die Schlammschlacht erst begonnen hat. Sie nimmt Schaden wie der Körper, wenn er gegen Windmühlen kämpft, den Stein den hinan schiebend wie Sisyphus unter Tantalusqualen.
Ich glaubte Herta Müller so lange, bis ich anfing, ihre Angaben zu überprüfen, um bald festzustellen, dass das Lügen bei ihr die Regel ist – und die Wahrheit eine kostbare Ausnahme darstellt, die vor neugierigen Augen verborgen und im Versteck gehalten wird.
Ein Philosoph jedoch muss sich der Wahrheit stellen
und wenn sie verborgen ist, dann muss er sie wie Sokrates und die Hebamme ans Licht bringen, ganz egal ob er dabei Kreise stört und gewisse Leute, die mit dem walten der Lüge gut leben, dabei verärgert.
Ein Philosoph, der zeitbezogen lebt, muss vor allem dort eingreifen, war er die Sache versteht, wo er tiefere Einblicke hat und wo andere - aufgrund vieler Faktoren - nicht tätig werden können.
Das ist seine Mission, seine Aufgabe in der Gesellschaft, ganz egal, ob die Gesellschaft das gut findet und honoriert oder nicht.
Trotz permanenter Überwindung mit Stress, Brechreiz und Durchfall – den Fall Herta Müller werde ich zu einem Ende bringen müssen.


 

Aus: Carl Gibson, „Die Zeit der Chamäleons“ -



Aphorismen, Reflexionen, Maximen, Sentenzen, Ideen, Essays

zur Literatur, Philosophie und Geistesgeschichte und Kritisches zum Zeitgeschehen




Motto:


Zum Sinn der Philosophie heute

Philosophen sollen reden und schreiben,
Philosophen sollen Fragen aufwerfen und Antworten anbieten,
sonst ist ihr Denken umsonst!

Das – sprichwörtliche – Schweigen der Philosophen ist ein Irrweg.

Das Schweigen der Denker nützt nur den Mächtigen.










Mehr zur "Philosophie" von Carl Gibson in seinem Hauptwerk (in zwei Bänden),

in:





"Symphonie der Freiheit", (2008)

sowie in dem jüngst erschienenen

 "Allein in der Revolte". Eine Jugend im Banat, (2013)
























Philosoph und Zeitkritiker Carl Gibson

Weitere Aphorismen, Reflexionen, Maximen, Sentenzen, Ideen und Essays werden auf diesem Blog folgen.


Copyright: Carl Gibson
Fotos von Carl Gibson: Monika Nickel

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